Rückkehr ans Meer – Kritik

Im letzten Teil seiner „Trilogie über die Trauer“ inszeniert François Ozon die Schwangerschaft seiner Protagonistin als ein den Tod besiegendes Mysterium.

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Man kann sich darüber streiten, ob zwei Filme mit ähnlicher Thematik schon eine Obsession ihres Regisseurs darstellen. Jedenfalls sind die inhaltlichen Parallelen von François Ozons neuestem Spielfilm Rückkehr ans Meer (Le refuge, 2009) mit seinem 2005 erschienenen Die Zeit, die bleibt (Le temps qui reste, 2005) auffällig stark, mehr noch als mit dem älteren Unter dem Sand (Sous le sable, 2001), obwohl Ozon diesen mit den anderen beiden zur „Trilogie über die Trauer“ zählt.

In einer großräumigen Pariser Wohnung lebt das drogenabhängige Paar Mousse (Isabelle Carré) und Louis (Melvil Poupaud) im Rhythmus der Lieferungen seines Dealers. Als Mousse aus dem Koma erwacht, erfährt sie, dass Louis durch eine Überdosis Heroin gestorben ist und dass sie von ihm im zweiten Monat schwanger ist. Dieser düstere, im Winter gedrehte Prolog endet in einer schäbigen Konfrontation mit Louis’ Mutter, die der jungen Frau auf der Trauerfeier zu verstehen gibt, dass das Kind von der bourgeoisen Familie nicht gewünscht ist.

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Der Großteil von Rückkehr ans Meer spielt im Sommer in Guétary an der baskischen Atlantikküste. Hier hat sich Mousse in das Ferienhaus eines Freundes zurückgezogen, um das Kind auszutragen, das sie aus Trotz und Neugier behalten hat und an dem sie sonst nicht besonders zu hängen scheint. An diesem Zufluchtsort (so die wortgetreue Übersetzung des französischen Titels) beherbergt sie ohne Enthusiasmus für einige Tage Louis’ Bruder Paul (Louis-Ronan Choisy). Im Spiegel des unwillkommenen Gastes, dieses sinnlichen, braungebrannten Mannes, der sich über seine sexuelle Orientierung genauso wenig schlüssig ist wie über seine familiäre Legitimation, inszeniert Ozon eine langsame Wandlung seiner Protagonistin.

Mousse wird Louis’ Kind zur Welt bringen und es bezeichnenderweise Louise nennen. Auf die Frage, wie sich der Tod überwinden lässt, gibt der Film eine ähnliche Antwort wie Die Zeit, die bleibt. Dort verewigt sich der todkranke Romain durch eine Samenspende im Kind eines unfruchtbaren Paares. Hier ist das ungeborene Baby für Mousse die Verbindung zum toten Liebhaber. Die männlichen Protagonisten Romain und Paul sind homosexuell; die Überwindung der eigenen Vergänglichkeit durch Zeugung eines Kindes ist ihnen eigentlich verwehrt. Dennoch eröffnet ihnen Ozon in beiden Filmen die Möglichkeit der Vaterschaft: für Romain auf biologische Weise, für Paul durch die Adoption des Kindes. Eine Liebesnacht mit Mousse macht Paul auch symbolisch zum legitimen Ersatzvater des ungeborenen Kindes.

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Deutliche Bezüge zwischen beiden Filmen ergeben sich auch durch die Besetzung. Der charismatische Melvil Poupaud, der den todgeweihten Fotografen Romain in Die Zeit, die bleibt spielt, stirbt in der Rolle des Louis in Rückkehr ans Meer bereits nach knapp 15 Filmminuten. Und Marie Rivière, die als Mutter von Romain ihren Sohn verliert, erzählt hier in einem neurotischen Kurzauftritt vom Segen und den Schmerzen des Mutterseins. Seit Eric Rohmers Das grüne Leuchten (Le rayon vert, 1986) hat man die Schauspielerin nicht mehr vor der Kulisse der baskischen Atlantikküste gesehen.

Erneut bemüht Ozon das Meer mit seiner Vergänglichkeitsmetaphorik als Szenerie der Trauerarbeit und Selbstfindung. Jedoch verzichtet er auf den emotionsgeladenen Kitsch von Die Zeit, die bleibt. Die provokative Rohheit mancher Bilder des Prologs von Rückkehr ans Meer erinnert an Ozons filmische Anfangszeit. Ansonsten hat er seinen Stil ganz zurückgenommen. Punktuell, fast minimalistisch verwendet Ozon Musik, und seine Bilder vom baskischen Strand in HD-Cinemascope wirken geradezu puristisch.

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Während der Dreharbeiten war Isabelle Carré im sechsten Monat schwanger. Sie spielt die körperliche Verfassung ihrer Figur nicht, sondern erlebt sie selbst. François Truffauts Die amerikanische Nacht (La nuit américaine, 1973) erzählt davon, dass eine Schwangerschaft in der Regel das Ende einer Rollenbesetzung bedeutet. Hier aber wurde Carré wegen ihres Zustands für die Rolle ausgewählt. Ozon gibt dem schwangeren Körper seiner Aktrice eine zentrale Präsenz auf der Leinwand und rückt diese besondere Ausstrahlung werdender Mütter in vielen sonnendurchfluteten Nahaufnahmen ihres runden Bauches und ihres ungeschminkten Gesichts in Szene. Der faszinierte Kamerablick auf die Sinnlichkeit und das Mysterium der Schwangerschaft umgibt Mousse mit einer geradezu heiligen Aura. Zu guter Letzt scheint sie und nicht das Haus am Meer das titelgebende Refugium zu sein, das dem Tode trotzt und neues Leben spendet.

Trailer zu „Rückkehr ans Meer“


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