Project X

Wie eine Party eskaliert.

Project X

Eine Kulturgeschichte des „Fail“ könnte ihren Ausgang von der Feststellung nehmen, dass das gesellschaftliche Interesse am Scheitern in jüngster Zeit enorm gestiegen ist. Die inflationäre Verbreitung von Video-Kompilationen missglückter, teils schmerzhafter Aktionen, bei denen unsere Schadenfreude bisweilen an ihre Grenzen stößt – ja eine regelrechte Fail-Kultur legt hiervon beredt Zeugnis ab. Offenbar ergötzen wir uns allzu gerne am Missgeschick anderer, selbst wenn es üble Folgen für die Betroffenen hat. Den feinen Unterschied macht die Sprache: Für etwas, das wirklich derbe schiefgegangen ist, hat sich im angelsächsischen Sprachraum der Begriff „Epic Fail“ durchgesetzt, der im Übrigen schon auf das Kino als Ausdrucksmedium verweist – denn wo sonst könnte sich ein Fehlschlag von buchstäblich epischen Ausmaßen derart publikumswirksam entfalten, wenn nicht auf der Großbildleinwand? – Daran mögen auch die Macher von Project X gedacht haben, als sie (frei nach dem Vorbild des über Nacht zum YouTube-Star avancierten Corey Delaney) die Geburtstagsfeier eines 17-jährigen Schülers in ein Kleinstadtinferno verwandelten – und einen gigantischen Fail inszenierten.

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Berichte von Facebook-Partys haben unlängst gezeigt, wie auch die friedlichsten Zusammenkünfte in unserer eng vernetzten Welt böse ausarten können. Dass den Gastgebern dabei oft gar nicht zum Lachen zumute ist, schildert Project X nur am Rande, zieht die von Hangover-Regisseur Todd Phillips produzierte Komödie ihren Reiz doch gerade aus der fortschreitenden Eskalation, vom unstillbaren Besucherandrang bis zum apokalyptischen Schlussbild eines brennenden Straßenzugs. Dabei hat alles harmlos angefangen: Thomas (Thomas Mann) wird 17 und will feiern. Als seine Eltern verreist sind, wittern die Kumpels Costa (Oliver Cooper) und JB (Jonathan Daniel Brown) ihre Chance auf eine Riesenfete, mit Frauen, Hüpfburg und Papas Pool-Anlage, doch was als überschaubare Veranstaltung geplant war, gerät rasch außer Kontrolle.

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Verglichen mit Hangover (2009), in dem die Party gerade nicht gezeigt wird, sondern per Deduktionsverfahren Schritt für Schritt rekonstruiert werden muss, ist Project X bemerkenswert uninspiriert. Schlaglichtartig sind da Szenen aus dem Getümmel in gewissermaßen impressionistischer Weise zu einer grell überbelichteten Bilderfolge zusammenmontiert, dass zuletzt nur der Eindruck einer schier endlosen Reihe von Partyfotos – wie sie die Server sozialer Netzwerke schon längst überschwemmt haben –, in unseren Köpfen zurückbleibt, aber beileibe kein plastisches Bild einer Massenveranstaltung.

Da nützt es auch nicht viel, in dem ehrenwerten Bemühen um Authentizität mit zig Handkameras in die Menge einzutauchen und alles abzufilmen, wenn zuletzt nur Äußerlichkeiten fixiert bleiben: ein paar Mädels, die blank ziehen, Alkoholleichen, die der Hund besteigt, einen wild gewordenen Kleinwüchsigen, der seine Mitmenschen bevorzugt mit Tiefschlägen traktiert – eben Massenparty. Da ist alles möglich. Und der Film sucht das Kaleidoskop dieses lodernden Neben- und Durcheinanders in geordnete Bilderfolgen zu zwängen, jedoch ohne zwingende Dramaturgie, die der verheerenden äußeren Entwicklung auf eine sinnvolle Weise entspricht. Dadurch entsteht ein krasses Missverhältnis zwischen der ambitionierten Machart und dem zum Aberwitz gesteigerten, zuweilen vorhersehbaren Handlungsablauf; die blinde Überbietungslogik läuft dem dokumentarischen Gestus zuwider.

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Eben jener dramaturgische Kniff, das Geschehen mit Handycams von einem Schulfreund namens Dax und vielen weiteren Beteiligten drehen zu lassen – was Project X im Grunde zu einem Found-Footage-Film macht –, erweist sich als problematisch, weil sich der hierdurch eingeforderte Realismus mit den immer unglaubwürdigeren Geschehnissen schlecht verträgt. Die Verschlimmerung wird zum Selbstläufer, und das macht vieles einfach nur abstrus – wenn etwa der vormals bestohlene Dealer wie aus dem Nichts mit Schutzanzug und Flammenwerfer durch die Straßen zieht und alles niederbrennt. Na dann.

Project X will zu viel zeigen und vergisst darüber, dass ein Kollektiv, so farbenfroh und versponnen es sich uns darbietet, keinen Ersatz für einen sorgfältig entwickelten Filmcharakter leisten kann. Allein das prollige Gelaber, tausendmal gehört in Superbad (2007) oder American Pie (1999), erschafft noch keine eigenständigen Figuren. Mehr haben diese Jungs aber nicht zu bieten – lauter Abziehbildchen, altbekannte aufgewärmte Charaktere, die die Kamera hektisch umläuft, um sie in Lebensgröße einzufangen, doch letztlich bleiben sie unterentwickelt, dimensionslos. Thomas, Costa und JB erleiden den glanzvollen Absturz, so auch der Film. Fest mit dem Kameraauge vertäut, gehen wir selbst in der Masse der Feiernden unter und betrachten gleichgültig das Treiben oder irren ziellos umher, weil wir kein Schicksal sehen, das uns noch etwas angeht; im echten Leben darf das passieren, im Film nicht.

Trailer zu „Project X“


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