Passione

Neapel ist nicht nur den Vesuv und die Fußballlegende Diego Maradona berühmt, sondern auch dank seiner reichen Musikgeschichte. John Turturro inszeniert diese eher, als dass er sie dokumentiert.

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In Neapel gab es einst ein skurriles Gesetz, nach dem Sänger drei Prozent höhere Steuern zahlen mussten als Schauspieler. Folglich sponnen die Sänger kleine Geschichten um ihre Lieder und deklarierten ihre Auftritte fortan als Schauspiel. Nach demselben Prinzip verfährt Regisseur John Turturro in Passione, einem Film über die Musikszene Neapels: Er tritt an einigen Stellen als sichtbarer (und äußerst sendungsbewusster) Erzähler auf oder streut Interviews ein und verbindet mit diesen kurzen Einschüben die zahlreichen Präsentationen neapolitanischer Lieder. Was er oder seine Interview-Partner dazwischen berichten, vermittelt nur wenige Informationen, dafür aber umso mehr Leidenschaft: Passione.

Man kann diesen Film kaum eine Dokumentation nennen, denn größtenteils besteht er aus inszenierten Choreografien. Die Lieder sind zwar authentisches Material aus der Musikgeschichte Neapels, werden aber von Turturro in kunstvollen Szenen nachgestellt. Dieser Ansatz illustriert Schlager aus Zeiten, in denen es noch keine Musikvideos gab, oder lässt heutige Sänger alte Größen der Szene in einer Art Re-Enactment verkörpern. Die allermeisten Songs werden zudem nicht etwa als Live-Aufnahmen von den Dreharbeiten eingespielt, sondern als perfekte Tonstudio-Produktionen, die für ein Werk mit dokumentarischem Anspruch – auch trotz der gewollt hybriden Form – allzu glatt wirken.

Passione 02

Der Italo-Amerikaner Turturro – bisher eher als Schauspieler (Barton Fink, 1991; The Big Lebowski, 1998) denn als Regisseur bekannt – weiß seine Leidenschaft für Neapels Musiklandschaft filmisch zu vermitteln. In einigen Fällen gelingt ihm das schon aufgrund der Lieder selbst, so zum Beispiel, wenn landwirtschaftliche Werkzeuge als Instrumente dienen, ein Pianist in atemberaubender Geschwindigkeit spielt oder ein sehr heterogenes Trio sich in einen wahren Rausch steigert. Bei manchen Stücken aber sind es die bildgewaltigen Einstellungen, die Turturro vor beeindruckender architektonischer Kulisse wählt: Einmal tanzen Frauen in fast schon sportlichen Performances auf den Balkonen einer alten Villa, sämtliche Tänzerinnen tragen unterschiedlich farbige Outfits, die einander im visuellen Zusammenspiel komplementieren. In einer anderen Szene schreiten in weiße Tücher gehüllte Frauen durch eine nächtliche, von Licht durchflutete Kirchenruine, in der es rhythmisch tropft.

Solche hochgradig kunstvollen, aber eben auch künstlichen Szenen sind aufgrund ihrer Affektiertheit manchmal schwer zu ertragen. Gesang als inszeniertes Schauspiel wirkt wie Over-acting, wie gestellte Exaltiertheit, die aus Liedermacher-Kunst Schmachtfetzen macht. Gerade das sentimentale Abschlusslied, das von lauter vor Glück strahlenden Gesichtern begleitet wird, hinterlässt den Eindruck, Passione bestehe aus einer Flut aneinander gereihter Gefühlsausbrüche. Menschen sehen beim inbrünstigen Singen – ähnlich wie beim Essen – einfach nicht besonders schön aus. Dass erstaunlich viele Bestandteile der Songtexte nicht untertitelt werden, vermutlich weil sie als Sprachkunst schlichtweg nicht zu übersetzen sind, trägt auch nicht gerade dazu bei, dass sich der Zuschauer stärker auf den Inhalt als die Performances  konzentriert.

Passione 03

Unter den spärlichen Informationen, die der Film bietet, sind insbesondere die Blicke in die Stadtgeschichte interessant. Hier geht Turturro mit schwarzweißen Archivbildern auf die bewegte Vergangenheit Neapels ein, die auch die Musik nachhaltig geprägt hat. Die Stadt wurde unter anderem von Römern, Arabern und Amerikanern besetzt – der arabische Einfluss ist in vielen Liedern deutlich zu hören, die US-Truppen wiederum brachten den Jazz mit, der sich dort bis heute in den Kompositionen des schwarzen Musikers James Senese hält. Zusätzlich stiften gerade jene Momente, während deren Passione in die Geschichte abschweift, die schönsten visuellen Assoziationen des gesamten Films. So lässt Turturro Bilder eines Vesuv-Ausbruchs in die Afro-Frisur James Seneses übergehen oder zeigt nach einem Gemälde des Fußballstars Maradona, der lange Jahre für den lokalen Verein spielte, eine Statue der Madonna. Dieser Hang zur Komik zeigt sich auch in mehreren Einstellungen, in die Mikrofone absichtlich hereinragen.

Passione 04

Passione ist ein Film, der weniger für ein Publikum als für den Regisseur selbst gemacht scheint. Sicher hätte man sonst Städte mit einer noch beeindruckenderen Musikgeschichte oder aber Neapels Malerei zeigen können. Für jene Zuschauer, die sich für das Spezialthema der neapolitanischen Musik interessieren, ist das Werk freilich ein Schatz. Weder mit dem Ort noch der Sprache vertraute Menschen werden hingegen dem lost-in-translation-Effekt ausgesetzt. Gerade die Tatsache, dass der Film eher über eine bereits vorausgesetzte Begeisterung als über nachgereichte Informationen funktioniert, lässt den Zuschauer so zurück, wie es eines der vorgestellten Lieder ausdrückt: „Indifferentemente“.

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