Palindrome
Die zwölfjährige Aviva möchte um jeden Preis ein Kind bekommen. Nachdem sie von zu Hause wegläuft, gerät sie auf ihrer abenteuerlichen Reise an christliche Fanatiker und einen Pädophilen. Palindromes von Todd Solondz (Willkommen im Tollhaus, Welcome to the Dollhouse; Happiness) erzählt von einem jungen Mädchen, verkörpert durch acht verschiedene Schauspielerinnen, das sich auf der Suche nach seinem Glück befindet. Trotz einiger interessanter Ideen und einer unkonventionellen Herangehensweise geht dem Film allerdings schon nach der Hälfte die Luft aus.

Was wäre, wenn man sich sein ganzes Leben lang nicht verändern würde und innerlich immer dieselbe Person bliebe? Von dieser These geht Todd Solondz in seinem neuen Film Palindromes aus, indem sich die zwölfjährige Aviva nichts sehnlicher wünscht als ein Kind zu bekommen. Als sie sich von einem gleichaltrigen Jungen schwängern lässt, zwingen sie ihre hysterischen Eltern (Ellen Barkin und Richard Masur) das Kind abzutreiben. Fest entschlossen ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen, läuft sie von zu Hause weg und begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, in deren Verlauf sie eine Vielzahl von skurrilen Begegnungen macht. Am Ende landet sie wieder zu Hause bei ihren Eltern und ihre Überzeugungen und Wünsche sind trotz der vielen Erlebnisse dieselben geblieben.
Das Besondere an Palindromes ist, dass die unveränderliche Persönlichkeit Avivas von acht Schauspielerinnen unterschiedlicher Altersgruppen, Gewichtsklassen und Hautfarben verkörpert wird. Durch die Unterteilung des Films in Episoden ist in jeder neuen Situation eine äußerlich völlig veränderte Aviva zu sehen, was zwar der Zuschauer bemerkt, nicht aber die Figuren im Film. Obwohl sich Aviva über sämtliche Identitätsmerkmale hinwegsetzt und sogar ihren Namen ändert, entsteht trotzdem ein konstantes Bild von ihr, hauptsächlich durch die Reduktion ihres Charakters auf einen naiven Rehblick und einen jammernden Tonfall.

Die verschiedenen Figuren des Films entziehen sich demonstrativ den üblichen Schönheits- oder Moralvorstellungen. Das Subversive an Palindromes ist, dass die Abgründe in eine sehr konventionelle Bildsprache und Erzählweise eingebettet sind. Fast unmerklich schleicht sich etwa ein Pädophiler (Stephen Guirgis) in die märchenhafte Erzählung ein, der nicht wie üblich als zutiefst gestörtes Monster gezeigt wird, sondern sogar die Protagonistin(nen) noch an Sympathie übertrifft.
Als Aviva Unterschlupf bei der fürsorglichen Mama Sunshine findet, die in einem Landhaus mit behinderten Kindern zusammenlebt und mit ihnen Lieder über Jesus singt, erfährt sie erst nach einer Weile, dass es sich bei Mama Sunshine um eine christliche Fanatikerin handelt, die den Tod von Abtreibungsärzten fordert. Statt die Fassade von Anfang an durch einen distanzierten Blick aufzudecken, führt uns Solondz direkt in die Welt seiner Figuren, in der es kein Gut oder Böse gibt, sondern nur Menschen.

Leider können die äußerst interessanten Ideen von Palindromes nicht den ganzen Film über mitreißen. Spätestens nach zwanzig Minuten hat man das Konzept des Films verstanden und danach kommen auch keine großen Überraschungen mehr. Teilweise entsteht der Eindruck, Palindromes würde nur aus Wiederholungen bestehen, wobei jede Wiederholung aufs Neue die Ideen des Films manifestiert und dadurch keine neuen Impulse oder spannende Brüche entstehen. Die nur schematisch gezeichneten Charaktere sind schnell durchschaut und nerven bald, weil sie sich den ganzen Film auf derselben Stelle bewegen und auf ihr jeweiliges Gebrechen reduziert werden. Die Unveränderbarkeit ist somit nicht nur das Thema von Palindromes, sondern auch seine größte Schwäche.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 02.03.2005
Kommentare zu Palindrome
nele 09.01.2009 14:35
ich habe mir den film 100mal angesehen und ich finde ihn einfach geil.eure nele.*fuck me
Martin Zopick 05.03.2011 12:54
Die Erzählweise lässt diese abstruse Groteske fast als Episodenfilm durchgehen, auch wenn sich am Ende einige Handlungsfäden zusammenfügen lassen. Der weitaus größte Teil dieses typisch amerikanischen Mosaiks beschäftigt sich mit einer Aneinanderreihung von Taboos und will bewusst schockieren: optisch durch missgestaltete Figuren, ethisch durch Themen wie Kinderschwangerschaft, Abtreibung und Mord. Mit der Darstellung von fundamentalistischen Gläubigen wird der Film für uns zur Schmunzelklamotte, für Amerika (Bush-Country) zum Gegenstand ernsthafter, heftiger Diskussionen. Die Besetzung mit verschiedenen Darstellern für eine Rolle macht die Verwirrung komplett. Der anspruchsvolle Titel erregt zunächst Aufmerksamkeit, enttäuscht dann aber doch zusehends durch tränenreiche Diskussionen. Die Wirkung der Taboothemen verflacht und mit ihr auch das Interesse. In seiner andersartigen Radikalität ist der Film unangenehm, also nicht wirkungslos.
Monika 05.03.2011 13:53
das Beste kam kurz vor Ende des Films, in dem Satz: "es gibt keinen freien Willen, wir Menschen sind ähnlich ein Computer mit spezieller Programmierung und handeln nach diesem Programm, was aus Genetik und Konditionierung besteht". Wow! - DAS isses!
weiters lässt der Regisseur das immer Gleiche, Ewige deutlich in den Vordergrund treten, DAS, worin Alles veränderliche, alle sich verändernde Personen - als scheinbar persönliche "ichs" auftauchen.
Sehr guter Film!
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Film-Angaben
Titel: Palindrome
Originaltitel: Palindromes
USA 2004
Laufzeit: 100 Minuten
Regie: Todd Solondz
Drehbuch: Todd Solondz
Produktion: Mike S. Ryan, Derrick Tseng
Darsteller: Jennifer Jason Leigh, Ellen Barkin, Richard Masur, Debra Monk, Sharon Wilkins, Rachel Corr, Will Denton
Kinostart: 14.04.2005
DVD-Angaben
Titel: Palindrome
Vertrieb: Alamode Film, Al!ve AG
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/DS), Englisch (DD 2.0/DS)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Extras: k.A.
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 04.11.2005
Copyright Palindrome
Fotos © Alamode Film
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