O.J.: Made in America

Wie jemand weiß und wieder schwarz wird: Ezra Edelman widmet einem der berühmtesten Justizfälle der neueren Geschichte einen epischen Dokumentarfilm – und führt nicht zuletzt die Vorstellung eines farbenblinden Amerikas ad absurdum.

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Ezra Edelmans achtstündige Tour de Force franst langsam ein und langsam aus, zu sich selbst kommt sie genau in der Mitte. Nach etwa der Hälfte der epischen Laufzeit von O.J. Simpson – Made in America sind wir bei dem berühmten Bewegtbild angekommen, das wie kein anderes für das Thema des Films steht: der weiße Ford Bronco auf einem Freeway von Los Angeles, aus der Helikopterperspektive, in einigem Abstand dahinter eine Kolonne von Polizeifahrzeugen. Noch immer ein merkwürdiges, ein bemerkenswertes Bild: Sicherer Abstand, relativ gemäßigtes Tempo, irgendwann versprengte Massen am Straßenrand, die das Fluchtfahrzeug anzufeuern scheinen – eine normale Verfolgungsjagd ist das nicht. Den Berichterstatter auf einem der live übertragenden Kanäle erinnert das eher an die Eskorte bei einem Staatsbesuch.

Not Being Black

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Nicht zuletzt, dass O.J. in einem weißen Auto unterwegs ist, macht diese berühmte Szene zum Paradebild für das eigentliche Sujet von Made in America: wie jemand weiß und wieder schwarz wird. Über zwanzig Jahre später, in einem für diesen Film aufgezeichneten Interview, erinnert sich die Helikopterreporterin, die den Bronco als Erste entdeckte, an die Situation – und sagt einen irritierenden Satz, den sie nicht live in diese Berichterstattung hätte hineinsprechen können, selbst wenn sie ihn damals schon gedacht hätte: „If O.J. Simpson were black, something completely different would have happened“. Und Ezra Edelman schneidet in das berühmte Bronco-Bild Bilder anderer Verfolgungsjagden in Los Angeles: Da werden dann Fluchtfahrzeuge ordentlich gestellt und gerammt, ihre schwarzen Fahrer von weißen Polizisten aus dem Wagen gezerrt und verprügelt.

Zwei Linien musst du folgen

Made in America ist auch und vor allem ein Film über race, nicht über Beziehungen „zwischen“ den „Rassen“, sondern über den Doppelcharakter von race als Schicksal und als Zeichen, ins Fleisch so tief eingeschrieben wie lose durch die Diskurse schwebend. Mit diesem Doppelcharakter macht uns Edelman von Anfang an vertraut, ohne dass er uns in Grundtheoreme der Critical Race Studies hätte einführen müssen. Denn die ersten zwei Stunden von Made in America erzählen recht schnörkellos, über zeitgenössische Aufnahmen und Interviews mit ehemaligen Wegbegleitern, zwei parallele Geschichten: zum einen den Aufstieg des Footballers O.J. Simpson, von Kindheitsgeschichten über den sportlichen Durchbruch im College bis zum Ruhm in NFL, Werbung und Film; zum anderen die Geschichte des LAPD und des in ihm verankerten Rassismus, von den Watts Riots der 1960er Jahre bis zur gefilmten Misshandlung Rodney Kings 1991.

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Edelman verfolgt diese beiden Linien streng getrennt voneinander, weil sie erst im O.J.-Simpson-Prozess zusammenfinden werden; weil zuvor vor allem Simpson selbst stets dafür Sorge trug, dass sie nichts miteinander zu tun haben. Für die zweite Geschichte ist blackness materielle Realität, die systematische Unterdrückung, Gewalt und Mord durch eine als Besatzungsmacht auftretende Polizei zur Folge hat. Für die erste Geschichte ist blackness ein immaterielles Zeichen, das transzendiert werden kann, das sich auflöst, wenn es von anderen kulturellen Codes überformt wird – von der Celebrity Culture im US-Sport etwa. „I’m not black. I’m O.J.“, konnte Simpson deshalb bald sagen. Ruhm und Reichtum sind nicht nur quantitative Größen, sondern erschaffen das Privileg, man selbst und nichts als man selbst zu sein. Made in America ist in diesem Sinne auch ein Lehrstück über die absurde Vorstellung eines farbenblinden Amerikas, die seit den Obama-Jahren besonders virulent ist.

Becoming Black

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Erst als der Celebrity aus dem schicken Vorort Brentwood in den Gerichtssaal muss, nach einer letzten Flucht im weißen Panzer, dreht sich die Sache um. Edelman hat sich zuvor ausführlich dem Fall Rodney King und dem Mord an einer schwarzen Teenagerin durch eine Ladenbesitzerin sowie den jeweils folgenden Freisprüchen gewidmet, um die Ohnmacht und Wut der schwarzen Community spürbar zu machen, die Simpsons Verteidigung sich schließlich zunutze machen würde. So berichten Simpsons einstige Anwälte vor Edelmans Kamera davon, wie sie die komplette Fotogalerie in der Villa ihres Mandanten veränderten, die Bilder mit weißen Buddies gegen die wenigen mit schwarzen austauschten, noch lange bevor sie mit dem rassistischen Cop Mark Fuhrman auf die endgültige Goldmine stießen.

So wird O.J. schwarz, und Polizeigewalt hat auf einmal doch Gewicht vor Gericht. Der Footballstar, der nichts als er selbst ist, bekommt eine soziale Identität verpasst, lässt sich freiwillig zum Element eines Diskurses um institutionellen Rassismus machen – damit er von diesem Rassismus weiterhin nicht gemeint sein muss. „Playing the race card“, das ist ein beliebter Anti-PC-Vorwurf gegen angeblich paranoide Liberale, die überall immer nur Rassismus am Werk sähen. Hier ist diese Strategie Realität und beweist gerade dadurch die Allgegenwärtigkeit des Rassismus jenseits einer bloßen Summe individueller Vorurteile. Nicht Hautfarbe oder Meinungen charakterisieren das Handeln des Team Simpson, sondern die gesellschaftliche Position, die es ihnen erlaubt, jenen rassistischen Normalzustand zu instrumentalisieren, dem andere nur ausgesetzt sind.

Komplexität ganz linear

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Dass Edelman zugunsten dieses seines hauptsächlichen Interesses andere Elemente des Simpsons-Falls nicht ignoriert, aber vernachlässigt – so wird dem Opfer Nicole Brown Simpson zwar narrativer Raum zugestanden, an der ebenfalls gesellschaftlichen Dimension des Sexismus im US-Sport-Milieu zeigt der Film aber wenig Interesse –, ist vor allem deshalb verzeihlich, weil sich weitere Dimensionen des Falls zumindest virtuell mühelos in seinen Film verstricken lassen könnten. Denn das grundsätzliche Funktionsprinzip ist das eigentlich Erstaunliche an Made in America: wie Edelman die Komplexität seines Themas nicht etwa in der Form verdoppelt, sondern ihr mit völlig linearen Erzählsträngen, getragen nur von Talking Heads und Archivaufnahmen, gerecht wird.

So werden wir in diesen acht Stunden nicht weniger als Zeugen der Konstruktion von sozialer Realität. Dass diese „konstruiert“ ist, heißt schließlich nicht, wie es häufig missverstanden wird, dass sie falsch wäre, nur ein Schein, sondern dass sie aus mannigfaltigen Materialien besteht, aus unterschiedlichsten Bausteinen zusammengesetzt ist. Die Verfolgung des weißen Broncos ist kein Moment, nicht bloß einstige Präsenz und heutige Vergangenheit, sondern eine Aktualisierung unzähliger Momente. Das entsprechende Bewegtbild, die Mitte des Films, spricht nicht für sich, sondern ist durchzogen von einem Netzwerk historischer (individualbiografischer, sozialer, medialer, pyschischer, kultureller) machtvoller Linien, die sich immer wieder aufs Neue zu Knoten, zu Ereignissen formen. Es ist dieses dem Film wie selbstverständlich zugrunde liegende Geschichtsverständnis, das Made in America auch über sein Sujet hinaus wertvoll macht und seinen scheinbar beliebigen Titel so präzise.

Die Serie kann man noch bis zum 5. August 2017 hier ansehen: www.arte.tv/de/videos/071429-001-A/o-j-simpson-made-in-america-1-5

Trailer zu „O.J.: Made in America“


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