Of Time and the City

Beatles-Jünger und Adel-Fans aufgepasst! Wenn der vom Glauben abgefallene Terence Davies durch die Bildarchive seiner Heimatstadt Liverpool wildert, ist ihm nichts heilig.

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Diese Stimme! Penetrant und overly dramatic sucht sie das Schwarz-Weiß der historischen Aufnahmen Liverpools heim. Sie zerstört die sich sonst wie automatisch einstellende kontemplative Alte-Bilder-Nostalgie. Sie spricht angeberisch, betont Namen wie „Lenin“, „Tschechow“, „Nietzsche“, als wären es okkulte Beschwörungsformeln, spuckt Silben wie Granatapfelsamen über die Tonspur. Ach! Weh! Wie diese Stimme frustriert. Aber: Oh! Wie viel sie auszulösen, wie sie zu bewegen vermag. Es ist die Stimme des Regisseurs, Terence Davies, selbst.

Kampf für eine persönliche Erinnerung

Die Stimme sei das Fleisch der Seele, schreibt der slowenische Philosoph Mladen Dolar. Sie ist der physische Verrat an begrifflicher Reinheit. Mit ihrer körperlichen Einmaligkeit durchkreuzt sie den Plan des Wortes, allgemeingültig zu sein, ideell und freischwebend. Sie erdet den Höhenflug des Denkens, manchmal abrupt. Insofern exponiert sich Terence Davies mit seinem unverkennbaren Instrument enorm. Das Voice-over von Of Time and the City hatte eigentlich von einem Profi gesprochen werden sollen, aber die Tests am Ende des Schnitts liefen schief, wohl weil Davies niemanden mehr heranlassen konnte an diesen sehr persönlichen Abgesang an seine alte Heimat Liverpool. Und so hat er uns einen wütenden, traurigen Essay hinterlassen, zugleich Abrechnung, Klagegesang, Kulturkritik und Freakshow.

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Davies’ Bildpolitik ist ein Kampf von unten gegen das entpersonalisierte, von großen Erzählungen durchzogene kollektive Gedächtnis. Er überlässt die Archivbilder nicht der abstrakten Allgemeinheit, er eignet sie sich an – wie seine Stimme sich jedes Fremdzitat unweigerlich zu eigen macht, aus jedem Autoren-Bonmot eine Davies-Aussage macht. Die Erinnerung der Gesellschaft ist ein Streitraum, der hier stellvertretend für viele unterdrückte Stimmen von einem sehr subjektiven Standpunkt aus aufgerüttelt wird.

Gnade für die kleinen Leute

Dieser Zugriff provoziert auf produktive Weise. Zum Beispiel in der ohnehin aufreizend kurzen Sequenz zu den wohl bekanntesten Liverpoolians, den Beatles. Davies zeigt sie eher en passant, ist mehr interessiert an den Fans im Hintergrund, den Stadtbewohnern. Aus dem Off kotzt er ein ätzendes „Yeah, yeah, yeah“ über die Tonspur, macht sich über die simplen Songtexte der Pilzköpfe lustig und schwenkt dann schnell wieder zu sich selbst: In der goldenen Ära des Pop entdeckte er die Klassik für sich. Davies zelebriert diese Geste akustisch: Er, der katholische Working-Class-Junge, penetriert die Hochkultur.

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Das heißt keinesfalls, dass Davies über das Populäre generell die Nase rümpfen würde. Im Gegenteil, er gemeindet sich selbst ins Leben der Massen ein. Die Armen, Alten, die hart Arbeitenden, früh Entlassenen, die Frauen und Kinder in den Reihenhäusern, die Menschen im Bauch der Industrialisierungsmaschine, mit ihnen schlägt Davies’ Herz. Ihnen widmet er die berührendsten Passagen des Films, aus denen er sich auch stimmlich meist heraushält.  Ähnlich wie Werner Herzog setzt Davies dabei Musik gekonnt ein, um das Gewöhnliche spirituell zu überhöhen. Etwa wenn zu Branestis Choral „Privegheati si va rugat“ Alltagsszenen der Arbeiterklasse im Stil eines Querschnittsfilms zu einer Lebensweltsymphonie gewoben werden. Eine Greisin facht mit Zeitungsfetzen einen kleinen Ofen an, ein Junge mit dem Fahrrad fährt Milch aus; eine Frau kämmt, ein Mann rasiert sich; Böden werden geschrubbt, Fenster werden geputzt. Und dann, in einer unfassbaren akustischen Überlagerung, schneiden er und Cutterin Liza Ryan-Carter zu Aufnahmen spielender Kinder auf dem Schulhof einen Abzählreim auf die Tonspur, neben die klare Sopranistin Branestis. Es ist eine eindrücklich schöne Montage, ein Gnadengesuch für das bescheidene Leben.

Vom Ringen um Liebe

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Eine weitere Szene der Eingemeindung des Archivarischen ist eine kleine Offenbarung. Wir sehen Szenen mit Wrestling-Schaukämpfen. Mächtige Männerkörper fallen da ziemlich lächerlich übereinander her, werfen sich theatralisch auf die Bretter. Masken, Brusthaare und Schweiß. Doch Davies, der gepeinigte Katholik, der erst spät offen zu seiner Homosexualität stehen konnte, erzählt davon, wie ihn dieses Ring-Varieté einstmals erregte. Der Ring, erzählt er, war lange Zeit der einzige sozial verfügbare Ort, wo zumindest halbnackte Männer Haut an Haut reiben, einander umschlingen und grob liebkosen konnten. Und plötzlich ist in seiner Stimme ein unglaublicher Druck, als kämpfte er noch einmal gegen die hervordrängende  Begierde an. Plötzlich sehen wir die Bilder anders, ahnen eine neue, sie durchdringende Sinnlichkeit. Wie fern ist dieses gequälte Begehren vom bübischen Hetero-„Love“ der Beatles.

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Davies’ Bildauswahl ist dabei diktiert von einem breit aufgefächerten Katalog der Kritik. Die Bildspur verfolgt einmal die städtebauliche Transformation von den Brick-House-Siedlungen der Hochindustrialisierung zu gesichtslosen High-Rise-Batterien, während die wilde Stimme sich in harscher Kapitalismus-Schelte übt. Ein anderes Mal rezitiert Davies zu einer kurzen Sequenz mit wild brandenden Uferaufnahmen den Text von Boney M’s „Rivers of Babylon“, was auf die unrühmliche Rolle Liverpools im transatlantischen Sklavenhandel verweist – das blutige Fundament des wirtschaftlichen Erfolgs der Hafenstadt. Als outspoken Anti-Monarchist gestattet sich Davies sogar einen Ausflug nach London, um über Queen Elizabeth („Betty“) herzuziehen.

Klar ist dabei, dass er, der lange schon aus Liverpool fortgezogen ist, keine Hoffnung für die Zukunft seiner Heimatstadt hat: Den archivarischen Hauptteil umfassende neue Digitalaufnahmen gehen in einem satirischen Mix aus Popanz und Billigkeit die nur mehr repräsentativen Fassaden der historischen Hafengebäude ab und zeigen die In-Crowd von heute, wie sie sich geschichtsvergessen durch die Clubs feiert. Of Time and the City ist ein Rückblick in Schmerzen.

Ich und die Anderen

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Davies’ extrem subjektiver Zugriff ist eine Risikowette, die sicher nicht bei allen aufgehen wird. Er konstruiert eine Subjektivität, die nicht einlädt oder sich durchlässig macht, sondern herausfordert – eine, an der man sich reiben kann und muss. Doch in diesem Kampf von Davies mit den Bildern, und im Kämpfen der Zuschauer mit seinem penetranten Voice-Over, entsteht allmählich ein faszinierender Spannungsraum. Eine Auseinandersetzung beginnt, bei der man plötzlich selbst sehr persönliche Zeichen setzt, bei der man sich manchmal für die Bilder gegen Davies stark macht oder ihn wieder bewundert für seine Chuzpe, mit der er den Fab Four und Betty seinen Jähzorn entgegenkotzt. In jedem Fall ist sein hemdsärmeliger Umgang mit Archivmaterial toll. Denn allzu oft wird allzu zartfühlend mit Found Footage umgegangen, als wäre es fragil wie ihr Trägermaterial. Davies aber zeigt: Archivmaterial ist robust.

In diesem Ringen mit den Bildern verbirgt sich schlussendlich wohl eine tiefe Ehrerbietung an die fotografische Technik selbst. Denn man fühlt, dass da etwas an diesen Bildern, die doch für ganz andere Bestimmungen aufgezeichnet wurden, mit einer persönlichen Erfahrung korrespondiert. Dass sich da etwas in einem anderen erkennt, zu sich selbst findet im Modus der Alterität. Diese Möglichkeit, sich wiederzuentdecken in Bildern, auf denen man selbst nie anwesend war, ist magisch. Und so schafft Of Time and the City etwas ziemlich Einmaliges: Anstatt Fakten über Liverpool zu lernen, erfahren wir, wie es sich anfühlen könnte, aus Liverpool zu sein.

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