Nordwand

Jeder stirbt für sich alleine. Auch in über 3.000 Metern Höhe. Philipp Stölzls Bergsteigerfilm ist ein beklemmendes Dokument des Scheiterns.

Nordwand

„Was wir da tun, widerspricht aller Vernunft.“ Zu hören ist dieser Satz in der Sport-Dokumentation [filmid: 793]Am Limit (2007). Gesagt haben ihn die Brüder Alexander und Thomas Huber. Sie sind so etwas wie die Stars der modernen Kletter- und Alpinistenszene. Sie bezwingen schwierige Felswände ohne Absicherung und wagen sich an Bergbesteigungen auf Zeit. Und obwohl sie sich nicht selten in Lebensgefahr begeben, können sie von ihrer Passion, dem Klettern, nicht lassen. Der Mythos der Berge ist einfach zu stark, das Bedürfnis, sich auf diese Weise seinen eigenen Ängsten zu stellen, übermächtig.

Auch vor über sieben Jahrzehnten suchten bereits junge Männer in den steilen Bergwänden das große Abenteuer. Zwei von ihnen, die beiden Berchtesgadener Toni Kurz (Benno Fürmann) und Andi Hinterstoisser (Florian Lukas), erinnern in ihrem sportlichen Ehrgeiz und der Leidenschaft für das Klettern sehr an die Huber-Brüder. In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts zieht es Kurz und Hinterstoisser ins Berner Oberland. Ihr Ziel ist die Durchsteigung der Eiger Nordwand, einer 1800 Meter hohen Fels- und Eismauer, die zur damaligen Zeit unter Bergsteigern als das „letzte Problem der Westalpen“ galt. Vor ihnen hatten sich schon zahlreiche Alpinisten daran versucht, vergeblich.

Nordwand

Nordwand zeichnet mit chronologischer Präzision, sprich unter Einblendung der genauen Zeit-Koordinaten, und hohem logistischen Aufwand die Ereignisse jener Juli-Tage des Jahres 1936 nach, in denen die beiden Vollblut-Bergsteiger das Abenteuer Eiger Nordwand in Angriff nahmen. Hinter der Kamera stand mit Philipp Stölzl ein Filmemacher, den man getrost als kreatives Multitalent bezeichnen darf. Stölzl arbeitete zunächst als Videoclip-Regisseur – unter anderem für Rosenstolz, Die Ärzte, Madonna und Rammstein –, ehe er sich verstärkt dem Werbefilm zuwendete. 2001 gab Stölzl mit der Tragikomödie Baby schließlich sein Kinodebüt. Bis zu seinem zweiten Filmprojekt sollten allerdings acht Jahre vergehen. In dieser Zeit gelang es ihm, sich als Opern-Regisseur auf einer europäischen Bühne zu etablieren.

Dass Stölzl nunmehr ein Bergsteiger-Drama inszeniert, ist schon erstaunlich. Immerhin ist der in Nordwand protokollierte Kampf gegen Eis und Kälte sowohl von der Hochglanzoptik der Werbung und meisten Musikvideos als auch von der Opulenz der Oper denkbar weit entfernt. Und selbst wer meint, Stölzl nutze das pittoreske Alpen-Panorama für eine touristische Bewerbungsmappe, sieht sich getäuscht. Mit der idealisierenden Sicht auf die Bergwelt wie sie von Luis Trenker oder Arnold Fanck betrieben wurde, hat sein Film kaum etwas gemein. Nur zu Beginn, als Kurz und Hinterstoisser praktisch zum Aufwärmen einen anderen Berg erklimmen und vom Gipfel aus den Blick auf das sonnenüberflutete Alpen-Panorama genießen, eignen sich die Bilder als romantisches Fotomotiv.

Nordwand

Ansonsten zeichnet Nordwand die meiste Zeit über ein gänzlich anderes Bild von der Natur. Sie ist wild, unberechenbar und lebensfeindlich. Der Aufstieg über die Eisfelder und steilen Felsvorsprünge der Eiger Nordwand fordert den Kletterkünstlern bald alles ab. Nachdem das Wetter plötzlich umschlägt und ein Mitglied der zunächst gegnerischen österreichischen Seilschaft durch einen Steinschlag schwer am Kopf verletzt wird, nimmt das Drama seinen Lauf. Fortan dreht sich alles um den ungleichen Kampf Mensch gegen Natur, der konsequenterweise nur einen Ausgang zulässt. Dabei bleibt die Kamera von Kolja Brandt stets ganz nah bei den Schauspielern, denen man ansieht, welche Strapazen der Dreh ihnen bisweilen bereitet haben dürfte. Rau und naturalistisch präsentiert sich Stölzls Film, wodurch er sich wohltuend von vergleichbaren, effektüberladenen Hollywood-Vertretern wie Vertical Limit (2000) abhebt.

Die Ereignisse am Berg werden immer wieder von einem zweiten Erzählstrang unterbrochen, der im Gegensatz zu den packenden Szenen in der Felswand nicht immer den richtigen Ton trifft. Die Nazis liebten naturverbundene, mutige Burschen wie Kurz und Hinterstoisser. Im Film ist es der opportunistische, linientreue Zeitungsreporter Arau (Ulrich Tukur), der über die Erstbesteigung berichten soll. Seine Figur, das macht bereits die erste Szene in der Redaktion deutlich, soll dem Zuschauer die verurteilenswerte Instrumentalisierung der Bergsteiger zu Propagandazwecken ins Bewusstsein rufen. Tatsächlich erscheint der karrierebewusste Reporter für die Macher wie ein Feigenblatt der Politicial Correctness. Niemand wollte sich augenscheinlich nachsagen lassen, man hätte den besonderen historischen Kontext der Besteigung ausgeblendet. Dabei bewegt sich die Auseinandersetzung mit dem von den Nazis ausgebeuteten Bild eines alpinen Heldenmythos nur an der Oberfläche.

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Damit die beiden Jugendfreunde Kurz und Hinterstoisser jederzeit ihren Status als unbelastete Sympathieträger und Identifikationsfiguren behalten können, bedient sich das Drehbuch eines einfachen Kniffs. Indem ihre Konkurrenten um die Erstbesteigung, die Österreicher Willy Angerer (Simon Schwarz) und Edi Rainer (Georg Friedrich), anfangs wie folgsame, überaus arrogante Nationalsozialisten auftreten, wird dem Zuschauer ohne Not eine viel zu schematische Rollenverteilung aufgedrängt. Das ist so wenig überzeugend wie der Versuch der gebürtigen Berliner Fürmann und Lukas, den Dialekt ihrer urbayerischen Charaktere zu imitieren. Wer jedoch über diese Schnitzer hinwegsieht, für den hält Nordwand einen adrenalintreibenden Überlebenskampf in über 3.000 Metern Höhe bereit.

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Kommentare


Boris Seewald

Einen Film zu produzieren bedeutet auch, an die Vermarktung und Besucherzahlen zu denken. Filme nach Lust und Laune zu drehen ist eine Illusion. Es gibt nur wenige von unabhängigen Regisseuren denen dies gestattet ist. Traurig wie es ist, doch die Quoten spielen in diesem Geschäft eine große Rolle, wenn nicht sogar die Grösste. Filmemacher müssen sich der Massentauglichkeit meist beugen, auch wenn es ihnen nicht lieb ist.

<a href="http://www.borisseewald.de/blog/2008/11/nordwand-auf-hochdeutsch/" target="_blank">Würden Benno Führmann und Florian Lukas bayrisch reden</a>, wie es in Berchtesgaden gang und gebe ist, so würden die Zuschauerzahlen drastisch sinken. Gerade bei einem Bergsteiger-Film wie Norwand, welcher den Bewohnern im Süden Deutschlands eine bessere Identifikationsmöglichkeit anbietet als den Bewohnern im flachen Norden, hat selbst “ohne” Dialekt Schwierigkeiten Vorführkopien im Norden zu vermarkten.






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