Midnight in Paris

Nach London und Barcelona nun Paris. Woody Allens neueste Europa-Station führt ihn zurück zum Dialoghumor und in die Künstler-Dekadenz der 20er Jahre.

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Selten weckt die Story allein schon Interesse für einen Woody Allen, anders bei Midnight in Paris: Owen Wilson verirrt sich als amerikanischer Drehbuchschreiber und sehnsüchtiger Romanautor namens Gil in Paris. Nach Mitternacht begegnet er ganz unvermittelt F. Scott Fitzgerald, während Cole Porter am Klavier sitzt. Eine Kneipentour mit F. Scott führt zu Ernest Hemingway, der Gil mit der Muse von Picasso, Braque und Modigliani bekannt macht. Sie verliebt sich kurz darauf unsterblich in den Amerikaner. Dessen Erkundung der 1920er Jahre in Paris steht unter dem unguten Stern der nahenden Hochzeit mit einer in L.A. verwurzelten Blondine, die seine Leidenschaft für die französische Hauptstadt im Regen nicht zu teilen vermag. Der unverbesserliche Romantiker und Nostalgiker lässt sich von seiner ganz eigenen Erfahrung der Traumstadt aber zum Glück nicht abbringen, sein gerade entstehender erster Roman kann von den wertvollen Ratschlägen einer Gertrude Stein auch nur profitieren ...

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Schon in Vicky Cristina Barcelona (2008) spielte die meist sanfte Kollision von Amerikanern mit der alten Welt, gerade in einer Hochburg des Tourismus wie Barcelona, eine nicht unbedeutende Rolle. In Midnight in Paris gibt diese selbstreflexive Frage dem Film seinen Rahmen: Welche Perspektive kann der Ausländer, vor allem der hinter der Kamera, überhaupt noch gegenüber einer Stadt wie Paris einnehmen? Zunächst sind da die Postkarten-Bilder, die den Film eröffnen. Eiffelturm satt, Notre Dame, Louvre, Brücken, Bistrots und Cafés, Parc du Luxemburg, Moulin Rouge und vieles mehr. In kontrast- und farbreichen Aufnahmen fängt Allen Paris zunächst völlig ohne Ironie ein. In der Montage, im schnell entstehenden Überdruss durch die immergleichen Bilder, in ihrer Austauschbarkeit, auch durch die kreisförmige und repetitive, zum Markenzeichen avancierte Jazz-Musik des Scores, wird die Distanz des Filmemachers zur touristischen Europa-Tour von der ersten Minute an deutlich. Diese Distanz bildet zugleich den Ausgangspunkt eines Schulterschlusses mit seinem Protagonisten Gil.

Was Midnight in Paris innerhalb des Werks seines Regisseurs auszeichnet, ist die emphatische Nähe, die dieser zu seiner Hauptfigur einnimmt, der alles andere als der abgeklärte New Yorker ist: Denn Gil sehnt sich nach der Vergangenheit, doch das ist keine scheinbare Flucht vor den Grauen der Gegenwart wie der Professoren-Freund seiner Verlobten allzu eloquent glaubt erkannt zu haben. Nein, er flüchtet nach vorn, er sucht den Rat seiner Idole, er folgt seinem inneren Antrieb, seiner Sehnsucht. Trotz der üblichen Geschwätzigkeit des Drehbuchs und dem offenkundigen Bedürfnis Allens, die Vermittlung jedes Gedankens doppelt und dreifach abzusichern, bleibt der Film in den meisten Momenten leichtfüßig, traumwandlerisch und verspielt zugleich.

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Die schönsten Kinoerfahrungen sind vielleicht diejenigen, die sich schwer in Worte fassen lassen. Bei Woody Allen, der zuletzt und vor allem in seinem europäischen Strang (Match Point, 2005, Vicky Cristina Barcelona; Ich sehe den Mann deiner Träume, You will meet a tall dark stranger, 2010) weniger auf Wortwitz setzte als in Midnight in Paris, müsste man, um diese Momente einzufangen, meistens dann doch die Dialoge zitieren. Nur kann die Transposition von Drehbuchzeilen aus den Film heraus in eine Kritik selten fruchten. Dafür sind sie vor allem bei Allen zu sehr abhängig von ihrer Platzierung in der Story, dem Rhythmus in den sie sich einschreiben, und schließlich der Art, wie sie die Schauspieler abliefern.

Wenn Dalí alias Adrian Brody voller Begeisterung immer wieder vom Rhinozeros spricht und seinen eigenen Namen in die Welt posaunt, vor allem aber wenn Corey Stoll als kongenialer Hemingway in staatstragendem, ganz und gar nicht selbstironischem Tonfall von Mut und Wahrheit parliert, oder vom Gefühl der Unsterblichkeit in den Armen der richtigen Frau, da schleicht sich in die komödiantische Rezeption fast unbemerkt die Freude am aus der Zeit Gefallenen, am Ungewöhnlichen und Unpassenden, auch an der Realisierung des unmöglichen Traumes. Und in welchem Jahrzehnt hätten die Künstler aus den 20ern gerne gelebt? Woody Allens Zeitreise könnte noch lange nicht beendet sein.

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Kommentare


Janet Calgan

Wunderbare Zeitreise zu den Helden der Kunst, Musik und Literatur. Sofort spinnt man an seiner eigenen Phantasie, während auf der Leinwand ein grossartiges aber doch leises Spektakel stattfindet. Was würde ich zu Hemingway sagen, wenn er plötzlich vor mir stünde, welchen Rat von Gertrude Stein erhalten. Über allem wie immer die Liebe, die Liebe zu einem Menschen, zu einer Passion, der Kunst, einer Idee....zum Leben!


Reto Zillig

Der Clou ist-Absicht oder nicht- dass im englischebn Original Owen Wilson praktisch den selben Sprachluss und eine fast identische Sprachfärbung hat wie der Meister Woody Allen selber. Ich war immer wieder rritiert ob dieser Kongruenz, insbesondere bei Filmbeginn, wo der Text noch aus dem Off kommt. Einfach Meisterlich!


Andre

Nachdem ich den Film vorhin sehen durfte, möchte ich ein paar Zeilen los werden. Es war schön, in Zeiten von Effektspektakeln Midnight in Paris zu sehen. Der Film ist wie eine leise Melodie, die zu verzaubern weiß. Es wird überwiegend mit leisen Noten gespielt, die dennoch sehr intensiv sind. Die Dialoge sind keine Farce, sie bringen zum lachen durch ihre Leichtigkeit. Die Handlung fällt sanft runter, wie eine Feder zu Boden ohne wirklich ermüdent zu sein. Es sind die liebevollen Details die einen zu verzaubern wissen. Der Film zeigt, dass es nicht immer High-Budget sein muss und ist in seiner Einfachheit absolut sehenswert.


gerd lindlar

Ein Film für Literaten, Paris-Fans, Freunde des Surrealen und Poetischen - vor allem des Poetischen, von Traum und Wirklichkeit - für mich neben "Manhattan" der hinreißendste, bezauberndste Film von W. Allen


Nike Didinger

Vielen Dank für die Kritik, sehe ich auch so. Eine sehr charmanter Woody-Allen-Film. Ich habe eine interessante Analyse des Films bei Youtube gefunden. Hätte nicht gedacht, dass man soviel in dem Film sehen kann: http://www.youtube.com/watch?v=4QRrehJATaw


Lotte

Ins Kino lockte mich zunächst der Name „Woody Allen“. Abschreckend hingegen empfand ich die Plastik-Hollywood-Helden a` la Owen Wilson und seine weibliche Kumpanin. Doch der Kinobesuch lohnte sich, da die Idee dieser Geschichte nett ist und irgendwie den Traum so wahr werden lässt vieler (zu mindestens auf der Leinwand) … ein Zeitsprung in eine andere Zeit/Epoche in der man zu glauben scheint, dass sich die eigene Persönlichkeit wie ein Puzzleteil harmonisch zu den anderen einfügt. Ein durchweg unterhaltsamer Film zum Träumen und Hinterfragen: In welcher Zeit hätte ich gerne gelebt? Welche Personen, die mich heute noch nachhaltig inspirieren, hätte ich gerne kennengelernt? Resümee: zwar kein „großes“ Kinoerlebnis, aber das ist ja auch nicht immer notwendig, solange man sich trotz allem niveauvoll unterhalten gefühlt hat.






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