Lion

Keiner verlässt ungerührt den Saal! In Garth Davis’ Verfilmung eines autobiografischen Bestsellers geht ein Kind im Zug verloren und wandert durch ein Kino-Indien, in dem alles vor Sinn glüht.

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Der Film beginnt, wie viele Filme beginnen könnten, mit den Bildern von ganz oben. Diese Bilder werden wir noch mehrere Male zu Gesicht bekommen: die sich verzweigenden Einrisse in der trockenen, kantigen Landschaft, die weitläufigen Eisenbahngleise. Vorblenden wie Rückblenden, mit denen Lion sicherstellt, dass der Weg auf der ganzen Strecke auffindbar bleibt.

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Wir erfahren, dass der fünfjährige Saroo bitterarm mit seiner Mutter, seiner kleineren Schwester und dem älterem Bruder Guddu in einer indischen Kleinstadt lebt. Die Familie hält zusammen. So wird etwa die von den beiden Jungs gegen geklaute Kohle eingetauschte und in Plastiktüten gefüllte Milchration bis zu Hause aufgehoben und mit allen geteilt. Eine Nacht wartet Saroo auf Guddu, der die im Ort haltenden Züge nach Essensresten und Kleinmünzen durchforstet. Während Saroo ganz allein in einem Waggon einschläft, fährt der Zug los, und eine gewinnsichere Geschichte der großen Entfernungen und der jahrelangen Suche beginnt.

Kindliches Umherwandern

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Man kennt die stets übervollen, offenen Züge Indiens. In Lion fährt der Zug leer und ohne Halt an das andere Ende des großen Landes, ein sich in lauter Landschaft schlängelndes Rechteck, von weit oben aus gesehen. Der Junge ruft um Hilfe, wird müde, fällt wieder in den Schlaf hinein. Herzzerreißend anzusehen, wie er dann, endlich angekommen, im dichten Menschentreiben der Bahnhöfe und engen Gassen, im Labyrinth verdreckter Unterführungen ganz allein ist. Mit nichts als einem Stück alter Pappe, zur Schlafunterlage umfunktioniert, als Geste der Nächstenliebe. Das Indien, wie es in einem Film auszusehen hat und wie es jedem merkwürdigerweise vertraut ist, der nie dort gewesen ist. Das kindliche Umherwandern von Saroo ist im Grunde genommen sehr Bollywood – alles glüht vor Sinn, nichts ist klar, aber überall vor seinen großen Kindesaugen sind Zeichen verstreut. Ist der Mann gut, oder ist er böse? So oder so ist sauber gleich verdächtig. Man erinnere sich an Slumdog Millionär (Slumdog Millionaire, 2008) – die Erwachsenen in strahlend weißen Hemden mit betörenden Stimmen und bösen Absichten. Die Frau in Lion, die eine Orangenlimo zum Sich-Vergessen trinkt – was ist ihre Geschichte? Ist sie eine vom richtigen Weg Abgekommene? Als sie sich vor dem Spiegel die Lippen färbt, spielt sich in ihren Augen ein Drama ab. Eine liegengelassene Bollywood-Geschichte, fast schade.

Keine ungeschriebenen Blätter

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Saroo hat Glück, er wird von einem gut situierten australischen Paar adoptiert. Vor lauter Mitfreude bemerkt man noch die Frisur von Sue (Nicole Kidman), den welligen 80er-Kurzschnitt. Später spürt man in ihrer Stimme und den kleinen Gesichtsregungen den an späten Vorabenden zum Runterkommen getrunkenen Wein. Adoptivkinder sind eben keine unbeschriebenen Blätter. Als Saroo (ab jetzt Dev Patel) aus einer zeitlichen Ellipse auftaucht, ist er mittlerweile ein erwachsener junger Mann mit guten Aussichten. Rooney Mara spielt seine Freundin Lucy sehr ernsthaft, aber so, als wüsste ihre Figur um die eigene Nebenwichtigkeit. Denn der zweite Teil des Films steht dramaturgisch im Zeichen der Suche und – das kann man ruhig sagen – des Zurückfindens. Saroo muss trotz vieler vergangener Jahre wieder nach Hause. Eine Nadel im Heuhaufen ließe sich leichter finden. Dafür wird der narrative Suchradius durch die wohlkomponierte Eliminierung alles Zufälligen festgesetzt. Der ideale Verlauf – das ohnehin lange, volle kohlschwarze Haar Dev Patels wächst noch länger, wächst zu einem Medusa-Haupt. Seine innere Unruhe und Sehnsucht sind, vermutlich der autobiografischen Buchvorlage folgend, klar ausbuchstabiert, geschmeidig ins Bild gesetzt. Man sieht des Öfteren Flüsse, Brücken und Zuggleise als vertraute Zeugnisse der Zeit und des tatsächlich zurückgelegten Lebensweges. Aber muss es denn noch Fallen und Stolpern geben, wenn genug gelitten wurde?

Es ist so gewesen

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Mithilfe von Google Earth kann man inzwischen an jeden beliebigen Ort auf der Erde heranzoomen. Saroo probiert, er zoomt ein und aus, scrollt organisiert und scheinbar willkürlich. Sein Haar wächst, Saroo probiert weiter, bis sich die hochauflösenden Bilder vom Anfang und die Satellitenbilder von heute aufeinanderlegen: die sich verzweigenden Einrisse auf die sich verzweigenden Einrisse, das Zuhause auf das Zuhause. Wenn Lion von Adoption erzählt, liegt sein eigentliches Interesse in dem herbeigesehnten Affekt. Und man ist verleitet mitzumachen, an den richtigen Stellen mitgerührt zu sein, während der Film seinem zugesicherten Ziel ohne jede Ablenkung entgegenkommt. Während er seinen Klavier-Violinen-Soundtrack aus Australien nach Indien holt und während er die Authentizität des Dargelegten in den dokumentarischen Schlussbildern kundtut. Es ist so gewesen – eine weitere und letzte der hier geschickt eingesetzten Bildtexturen. Der unmittelbare Eindruck ist recht stark, lässt aber in den darauffolgenden Tagen schnell nach. Der Regisseur Garth Davis, der 2013 zusammen mit Jane Campion die tolle Miniserie Top of the Lake inszeniert hat, blieb auf ganzer großer Strecke übrigens so gut wie unauffindbar.

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