Leviathan

Barbarei auf hoher See. Entfesselte Kameras erforschen das Herz der Finsternis.

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Zunächst ist kaum etwas zu sehen. Einige wenige Lichtreflexionen und grelle Farbtupfer zittern durch eine endlose Dunkelheit. Dazu ein ständiges Brummen, Pfeifen und Rauschen auf der Tonspur. Dann lassen sich in den extrem kontrastreichen digitalen Videobildern die ersten Informationen entschlüsseln: Ein schwarzes stürmisches Meer ist zu sehen, Männer, die ihre Netze ins Wasser werfen und wieder herausziehen, dann ein Regentropfen, der auf dem Objektiv landet und alles in eine impressionistische Unschärfe taucht. Das Besondere an diesen Bildern ist nicht nur ihr ständiges Spiel mit der Sichtbarkeit, sondern auch ihre Perspektive. Denn die physischen Begrenzungen der Kamera, die im Lauf der Filmgeschichte immer weniger geworden sind, haben sich hier gänzlich aufgelöst.

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Das Sujet, das sich die Anthropologen und Filmemacher Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel für ihren Dokumentarfilm ausgesucht haben, könnte kaum gewöhnlicher sein. Sechs Wochen begaben sich die beiden auf ein Fischerboot an der amerikanischen Ostküste, um die Besatzung bei ihrer Arbeit zu filmen. Das Ergebnis hat mit dem, wie im dokumentarischen Kino üblicherweise Wirklichkeit eingefangen wird, nur noch wenig zu tun, denn sowohl kritische Distanz wie analytischer Blick der Filmenden werden im buchstäblichen Sinne über Bord geworfen. Leviathan – benannt nach einem mythologischen Seeungeheuer – taucht direkt in das Geschehen ein und macht es sich zum Programm, dem Zuschauer die Orientierung zu rauben. Dem einfachen Vermitteln eines Sachverhalts steht das direkte Erleben einer rohen und unbarmherzigen Natur gegenüber.

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Die Wahl des Titels verrät es ebenso wie das Bibel-Zitat am Anfang des Films, es geht Leviathan um das Schaffen eines apokalyptischen Kosmos, in dem Mensch und Tier mit aller Anstrengung gegen die Übermacht der Naturgewalten ankämpfen, in dem ein reiner Darwinismus herrscht, ein ständiges Fressen und Gefressen werden. Kaum werden die Fische aus ihren Netzen gelassen, beginnt das große Schlachten: Köpfe und Flossen werden abgeschnitten, ins Wasser geworfen und dort wiederum von Möwen verschlungen. Jedem liegt nur etwas am eigenen Überleben, ob den hungrigen Tieren oder den Menschen, für die das Töten auch nur Arbeit ist, zweifellos eine ungemein harte und blutige.

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Wie leicht könnte sich ein Film mit dieser Thematik einer politischen Agenda unterordnen, den unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf dem Schiff widmen oder dem noch viel grausameren Umgang mit den Meereslebewesen. Doch Weltverbesserung überlassen Castaing-Taylor und Paravel anderen. Ihre Betrachtungen, so scheint es uns Leviathan vermitteln zu wollen, sind zwar oft nicht schön anzusehen, zeigen aber letztlich nur einen ungeschönten Blick auf eine alltägliche Barbarei. Dabei wird das Filmen zum Extremsport, wobei nicht nur die Methoden der Bilderzeugung spektakulär sind, sondern auch die Bilder selbst. Wenn die Kamera sich mühelos zwischen den Elementen Wasser und Luft bewegt, im Inneren eines Fischnetzes befestigt wird oder mithilfe eines Stocks im Möwenschwarm fliegt, entzieht sie sich nicht nur dem direkten Zugriff der Regisseure, man bekommt streckenweise auch wirklich den Eindruck etwas Neues zu sehen. Und doch gehen die Filmemacher mitunter ein bisschen selbstverliebt mit ihrem Material um, als würden sie nicht mehr aus dem Staunen herauskommen, was ihnen da mit ein paar kleinen, wasserdichten Digitalkameras gelungen ist. Das Rein und Raus der Netze, das Taumeln in der Abstraktion unterbelichteter Bilder exerziert Leviathan derart exzessiv, dass er damit teilweise wieder seine eigene Intensität verspielt.

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Vielleicht ist das aber auch der Preis, der für eine demokratische, stets zerstreute Kamera bezahlt werden muss. Den Menschen, deren Gesichter oft in der Dunkelheit verschwinden und deren Stimmen überwiegend durch elektronische Verzerrung unverständlich gemacht wurden, schenkt der Film nicht mehr Aufmerksamkeit als den letzten Atemzügen der Fische, den gierigen Möwen, den Schaumschlieren der brechenden Wellen oder dem Meerjungfrauen-Tattoo eines Arbeiters. Jedes dieser Elemente nimmt einen festen Platz ein, in einer mythisch überhöhten Welt, die ganz aus der Subjektivität einer im wahrsten Sinne des Wortes entfesselten Kamera geschaffen wurde.

Trailer zu „Leviathan“


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Kommentare


Anna

Die Kritik ist sehr treffend geschrieben. Ich kann nur noch meinen sehr subjektiven Kommentar anfügen. Der Film ist für die Augen sehr anstrengend, da er eben zu 70% aus verwackelten und unscharfen Bildern besteht. Ich empfand es fast als körperliche Arbeit, bis zum Ende des Films im Kino auszuharren.






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