Lady Vengeance
Park Chan-wook erzählt in seinem neuen Film mit ausgefeilter Ästhetik und gewohntem Hang zum Gewalttätigen von der Rache einer Frau an dem Mann, der ihr Freiheit und Kind geraubt hat.

Das Motiv der Rache hat es dem koreanischen Regisseur Park Chan-wook ohne Zweifel angetan. Nach seinem ersten internationalen Erfolg Joint Security Area (Gongdong gyeongbi guyeok JSA, 2000) widmete er diesem Thema gleich eine ganze Trilogie, die nach Sympathy for Mr. Vengeance (Boksuneun naui geot, 2002) und Oldboy (2003) nun mit Lady Vengeance (Chinjeolhan geumjassi) ihren Abschluss findet. Wie erwartet, steht auch in Wooks neuestem Film ein Rachefeldzug im Zentrum. Diesmal jedoch mit dem Unterschied, dass es sich bei dem Racheengel um eine Frau handelt.
Geum-ja (Lee Yeong-ae) gerät in ihrer Jugend in die Fänge von Mr. Baek (Choi Min-sik) und wird dazu getrieben, ein von ihm entführtes Kind zu töten. Während sie dafür eine dreizehnjährige Gefängnisstrafe absitzen muss und ihre Tochter zur Adoption freigegeben wird, foltert und tötet Baek weiterhin Kinder. Im Gefängnis wirkt Geum-ja nach außen hin unscheinbar und zuvor kommend, doch in ihrem Inneren brodelt das Bedürfnis nach Rache.

Das Besondere an den ersten beiden Teilen war sicherlich Parks Faible für explizit dargestellte und kühl ästhetisierte Grausamkeiten. Die gezeigte Gewalt wurde zwar in hübsch anzusehenden Bildern präsentiert, jedoch ordnete sich die Brutalität nicht einer Ästhetik unter, sondern blieb auch für den Zuschauer schwer konsumierbar. Lady Vengeance ist zwar nicht weniger gewalttätig als die beiden Vorgänge, das Motiv der Rache nimmt hier aber einen weniger zentralen Stellenwert ein. Stattdessen wird Geum-jas Weg zur vermeintlichen Erlösung mit einer bis ins kleinste Detail abgestimmten Ausstattung zelebriert, bei der sogar die in rosa getauchte Gemeinschaftszelle eines Frauengefängnisses zum ästhetischen Blickfang wird. War die visuelle Ästhetik in Sympathy for Mr. Vengeance noch ein Teilaspekt der Inszenierung, steht sie hier durch eine Aneinanderreihung verschiedener Effekte eindeutig im Vordergrund und macht den Film zu einem mit Cembaloklängen untermalten Bilderrausch.
Park bleibt dabei immer ganz nah dran an seiner Protagonistin und gibt durch einen Voice over sogar Einblicke in ihr Innerstes. Dass sie sich trotzdem nicht als Identifikationsfigur eignet und sich ihre Handlungen außerhalb eines moralischen Wertesystems vollziehen, liegt vor allem an der Stilisierung des Gezeigten. Diese Distanz zwischen Zuschauer und Figur ist im Hinblick auf die letzten beiden Filme nur konsequent. Schließlich bedient sich Park eines dualistischen Figurenkonzepts, nach dem die Protagonisten immer Täter und Opfer in einem sind und die an ihnen verübten Taten mit Gleichem vergelten. Sowohl die auf die Ästhetik des Films, wie auch auf das Spiel der Darsteller bezogenen Stilisierungen und Verfremdungen verstärken diese Wirkung dabei noch zusätzlich.

Dass auch das vermeintlich schwache Geschlecht in der Lage ist, sich auf grausame Weise zu rächen, wurde schon in Rape-and-Revenge-Filmen wie Ich spuck auf dein Grab (I Spit on Your Grave, 1978) und Die Frau mit der 45er Magnum (Ms. 45, 1981) bewiesen, in denen eine sexualisierte Heldin auf eine Vergewaltigung mit enorm hoher Gewaltbereitschaft reagiert. Auch wenn das Motiv bei Geum-ja keine Vergewaltigung ist, bleibt die Kombination aus attraktiver Frau und brutaler Rache auch hier zentral. Dabei bietet sich, schon alleine wegen der Verwandtschaft des Titels, eine Gegenüberstellung zwischen Sympathy for Mr. Vengeance und Lady Vengeance an, bei der die Frage aufgeworfen wird, was denn für Park eigentlich das Geschlechtsspezifische an Rache ist. Was Geum-ja von ihren männlichen Kollegen unterscheidet ist in erster Linie ein ausgefeilter Plan und eine subtilere Vorgehensweise im Gegensatz zu einem spontanen Gewaltausbruch. Zwar handelt es sich bei ihr um eine typische Einzelgängerin, immer greift sie aber auf die Hilfe ihrer ehemaligen Mitgefangenen zurück, deren Sympathie sie sich während ihrer Inhaftierung berechnend erschleicht. Ihr vor allem auch gegen männliche Gewalt geführter Rachefeldzug basiert auf einer gegenseitigen weiblichen Solidarität und Kameradschaft. Das Frauengefängnis als Handlungsort erinnert dabei an ein weiteres Genre des Exploitationkinos, an das sich Park jedoch nur in der Verwendung diverser Stereotypen wie der tyrannischen Lesbe oder dem zum Opfer abgestempelten Mauerblümchen anlehnt.

Durch die Einbeziehung von Erzählperspektiven verschiedener Gefängnisinsassinnen entsteht ein vielfältiges Panorama an Frauenschicksalen. Diese Vorgehensweise beschränkt sich jedoch ebenso wie die permanenten Zeitsprünge nicht auf einen einleitenden Teil, sondern zieht sich durch den gesamten Film. Der inflationäre Einsatz von Musik, die verschiedenen Voice overs und die elliptische Erzählweise haben zur Folge, dass der Zugang in eine tiefere Erzählebene, die immer wieder angedeutet wird, verwehrt bleibt. Stattdessen wirkt alles wie eine einzige, perfekt inszenierte Rückblende, in der in rasender Geschwindigkeit die Ereignisse Revue passieren.
Wenn sich Park dann gegen Ende auf die Rache selbst und ihre Folgen konzentriert, kommt auch die mit rasendem Tempo erzählte Handlung zum Stillstand und die Hauptfigur findet sich, wie schon in den ersten beiden Teilen der Trilogie, in einer ausweglosen Situation wieder. Nach vollzogener Rache folgt das Warten auf Erlösung. Doch dieses Warten bleibt bei Park immer vergeblich.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 23.12.2006
Kommentare zu Lady Vengeance
Jan 05.01.2007 09:53
Chan-wook ist der Vorname des Regisseurs. Wie in vielen Ländern üblich steht der Familienname, also Park/Pak, hier an erster Stelle.
Frederic 06.01.2007 19:47
Das ist in Korea üblich. Wir behalten daher auch diese Reihenfolge, selbst wenn man die Namen umdrehen könnte. Vielen Dank für den Hinweis!
Bioware 12.06.2009 16:23
"Nach vollzogener Rache folgt das Warten auf Erlösung. Doch dieses Warten bleibt bei Park immer vergeblich."
Bioware 12.06.2009 16:25
das ist meiner Meinung nach die Aussage des Filmes:
es gibt keine Erlösung für eine begangene Untat, es sei denn Du erlöst Dich selbst und dann wärst Du kein guter Mensch mehr ...
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Film-Angaben
Titel: Lady Vengeance
Originaltitel: Chinjeolhan geumjassi
Südkorea 2005
Laufzeit: 112 Minuten
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Jeong Seo-Gyeong, Park Chan-wook
Produktion: Cho Young-wuk, Lee Chun-yeong, Lee Tae-hun
Darsteller: Lee Yeong-ae, Choi Min-sik, Tony Barry, Anne Cordiner, Go Su-hee, Kwon Yea-young
Kinostart: 11.01.2007
DVD-Angaben
Titel: Lady Vengeance
Vertrieb: e-m-s new media
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Koreanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 110 Minuten
Extras: Original Kinotrailer
Verleih ab: 02.04.2007
Verkauf ab: 07.06.2007
Copyright Lady Vengeance
Fotos: © 3L
BERLINALE 2012

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