Kill List

Ben Wheatley versucht sich in seinem neuen Film als mit dem Zuschauer spielender Magier. Doch das Kaninchen, das er auf der Jagd nach dem Super-Twist aus seinem Kopf zaubert, kennt man schon.

Kill List 01

Dieses Ende wird jedes Publikum spalten. Etwa 15 Minuten vor Schluss biegt Kill List plötzlich scharf ab und setzt alles auf eine Karte. Der Film steht und fällt mit der Bereitschaft des Zuschauers, diesen Twist, dieses aus dem Kopf des Regisseurs gezauberte Kaninchen zu akzeptieren. Das Finale ist – wie der gesamte Film – technisch und atmosphärisch hervorragend gemacht, nur grenzt es in seiner völligen Losgelöstheit von den vorherigen 75 Minuten an einen clever inszenierten, aber ultimativ hohlen Streich. Dass Wheatley hier ein überraschendes Ende gelingt, ist kein Qualitätskriterium an sich, denn den enormen Überraschungseffekt erreicht er nur durch totale Willkür. Auf der Jagd nach dem Super-Twist trennt er den Schlussakt komplett von der restlichen Handlung, macht aus einem Film plötzlich zwei verschiedene, wobei das Geschehen nach der Wendung auch noch bis ins Detail von einem Klassiker des britischen Horrorfilms geklaut ist.

Was sich vor dem gruseligen Ende ereignet, changiert zwischen Sozialdrama und Thriller. Geduldig führt Kill List den Protagonisten Jay (Neil Maskell) und seine Familie mit einer ausführlichen Exposition ein. Es wird viel geschrien und geweint in der Ehe von Jay und seiner schwedischen Frau Shel (MyAnna Buring), vor allem wegen seiner Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen finanziellen Engpässe – aber die beiden lieben sich auch sichtlich, versöhnen sich immer wieder und finden Momente des geteilten Glücks im Zusammensein mit ihrem jungen Sohn. Der erste Teil des Films zeichnet ein fein beobachtetes Bild des Familienlebens – doch schon hier schleicht sich langsam eine Bedrohung ein. Gehäutete Tierkadaver tauchen plötzlich im Garten oder vor dem Haus auf, und während eines Dinner-Abends mit Jays bestem Freund Gal (Michael Smiley) graviert dessen Freundin ein rätselhaftes Zeichen in den Badspiegel ein.

Als sich Jay und Gal entschließen, wieder ihrem „Beruf“ nachzugehen und Auftragsmorde zu erledigen, wandelt sich das Beziehungsdrama zu einem Thriller. Zunächst geht es „dem Priester“ (so ein Zwischentitel) an den Kragen – warum sie ihn töten sollen, wissen die beiden nicht, Auftragskiller stellen keine Fragen. Kill List zeigt den Mord nur kurz, sachlich, unspektakulär. Es folgt ein Snufffilm-Händler, laut Insert „der Bibliothekar“. Hier offenbaren sich erste Risse in der psychologischen Fassade der Hauptfigur, empört von den Verbrechen des Mannes erschlägt der moralische Mörder Jay sein Opfer brutal. Die Kamera schaut rasch weg. Das dritte Ziel wird nicht näher benannt, doch Jay verspürt erneut eine vage Legitimation für seine Tat: Es seien „böse Menschen“, die sie da umbringen, erklärt er ohne Nachfrage. Das Bild bleibt währenddessen die meiste Zeit beim draußen wartenden Gal, der Mord selbst wird nur kurz gezeigt. Auf die Selbstjustiz folgt vom Alkohol verstärkte Verdrängung, Jay kann sich nicht mehr in seinem familiären Leben zurechtfinden, will aussteigen und wird unter Drohungen gezwungen, trotzdem weiterzumachen. Als sein Partner und er sich darauf vorbereiten, einen Parlamentarier umzubringen, vollführt der Film plötzlich und unerwartet seine Vollbremsung samt anschließender Kehre.

Kill List 02

Kill List ist ein verwirrender Film. Die entschleunigte Charakter- und Beziehungsstudie gelingt ihm eingangs souverän, auch die Thriller-Abschnitte führen die Beobachtung von Jays innerlichem Zerbrechen konsequent fort, während zugleich das Tempo gesteigert wird. Wheatley verzichtet auf sensationalistische Darstellungen der Morde und bevorzugt damit die Figurenentwicklung eindeutig vor den Gewalttaten des Plots. Die eigenwilligen Dialekte der Figuren und ihre oft nuschelnde Aussprache verleihen ihnen eine natürlich wirkende Authentizität. Das Werk überzeugt auch stilistisch mit gespenstischen Einstellungen, Jump Cuts, effektiv eingesetzten Bild-Ton-Scheren und einem unkonventionellen Soundtrack, der stärker auf einen diffusen Geräuschteppich als auf musikalische Untermalung setzt. Kurzum: Dieser Film hätte die Effekthascherei der letzten Viertelstunde gar nicht nötig gehabt, erst recht nicht mit plagiierten Bildern, die in ihren eigentlichen Kontext wesentlich besser passen und so unmittelbar mit dem betreffenden britischen Horrorfilm verknüpft sind, dass Kill List gar keine Chance hat, sie neu zu determinieren.

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Kommentare


Nino

Nur Neugierde: Welcher Horrorfilm ist es denn?


Horst

The Wicker Man


Arnold

Habe gerade den Film gesehen und fand ihn eigentlich sehr gut. Nur, was ich vom Ende halten soll, weiss ich nicht. Welcher Klassiker des britischen Horrorfilms wurde denn hier plagiiert?
Ueber eine Antwort wuerde ich mehr sehr freuen!






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