Jagdszenen aus Niederbayern

Peter Fleischmanns früher Klassiker des Neuen Deutschen Films verdarb seinen Zuschauern die Freude am Heimatfilm gründlich.

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Im Mai und im Juni 1969 tobte auf den Leserbriefseiten der „Landshuter Zeitung“ eine Schlacht um die niederbayerische Ehre. Selbsternannte „Volkskundler“, katholische Jugendliche und solidarische Oberbayern riefen zur Sprengung von Kinosälen auf und forderten allerlei Sanktionen und Verbote. Dass sie in ihren Reaktionen exakt den autoritären Charakter und die Ausgrenzungs- und Vernichtungswünsche an den Tag legten, die der von ihnen angeprangerte Film am Beispiel einer Dorfgemeinschaft vorführte, ist eine schaurige Pointe von Peter Fleischmanns Jagdszenen aus Niederbayern, und es ist der Edition KinoKontrovers dafür zu danken, diesen Leserbriefwechsel zum Nachlesen auf die DVD gepackt zu haben.

Es gibt zeitlose Klassiker und solche, die nur aus ihrer Zeit heraus zu verstehen sind. Jagdszenen aus Niederbayern gehört zur zweiten Sorte. Kontextlos betrachtet, wäre der Film zunächst einmal, neutral gesprochen, ein überaus detailreiches Schwarzweiß-Gemälde des dörflichen Lebens, der Landarbeit auf Feld und Schlachthof, der Organisation der Gemeinschaft, ihrer Hierarchie, ihre Ordnung, ihrer Ökonomie – schon die ersten Einstellungen im Gottesdienst verraten darüber einiges. Aber als Gemälde ist er eben statisch – es genügt ein Überblick von wenigen Minuten, damit restlos klar ist, was wir hier vor uns haben: emotional verrohte und ethisch verkommene Menschen, auf engstem Raum zusammengepfercht, in einer unerbittlichen Hackordnung und verstrickt in gnadenlose Verteilungskämpfe, ein Zwangskollektiv des Argwohns, der Bigotterie und des moralischen Terrors, der jeden jederzeit als Opfer erwischen kann. (Man könnte hier und da einen rohen Vorläufer von Das weiße Band in dem Film erkennen, allerdings ohne belehrenden Gestus.)

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Es wird viel gelacht und gezotet auf dem Feld und im Gasthaus von Unholzing, doch ohne einen Funken Wärme. Es herrscht großes Gedränge, doch keine Chance auf Vertrautheit und Nähe. Nur wenige Einstellungen scheinen weniger als drei Figuren zu enthalten, oft herrscht großes Gewimmel, und Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse wirken nachrangig gegenüber der scheinbar überall präsenten Dorfgemeinschaft, die keine Rückzugsräume kennt. Wenn der symbolische Vergleich mit den allgegenwärtigen Schweinen und Kühen nicht aufgeht, dann fast schon zugunsten der Tiere, so viehisch und grob ist das Gebärden der Menschen hier, die Sätze sprechen wie: „Ich hab’ ihn doch halb totgeschlagen – was kann ich denn dafür, dass eine Drecksau aus ihm geworden ist.“ So die Mutter von Protagonist Abram (Martin Sperr, Autor der Bühnenvorlage) zu ihren Erziehungsmaßnahmen gegen seine Homosexualität.

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Diese Gesellschaft ist im Film schon fertig auserzählt, bevor etwas Schlimmes passiert, die einzige Überraschung, die uns erwarten könnte, wäre, dass irgendjemand hier doch zu humanen Regungen fähig wäre. Dies ist nicht der Fall. Die wenigen Figuren, die optisch als moderne Farbtupfer fungieren – ein langhaariger Mick-Jagger-Typ, die vergleichsweise städtisch-schicke Fabrikarbeiterin Paula (Hannah Schygulla in ihrer ersten Filmrolle) –, fügen sich nahtlos in das herrschende System ein. Auch die beiden „Jagdopfer“, die es schließlich, Haupterzählung des Films, erwischt – den (vermeintlichen) „warmen Bruder“ Abram und die von ihm geschwängerte „Hure“ Hannelore – sind kein Jota sympathischer als der Rest der Einwohner, zur Solidarität auch als Außenseiter unfähig; zuletzt, als der Mob ihnen schon auf den Fersen ist, fallen sie gegenseitig übereinander her.

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Kurz, kontextlos betrachtet, wirkt Jagdszenen aus Niederbayern heute ziemlich plakativ und platt. Aus seiner Zeit begriffen wird beides legitimiert. Zunächst muss man wissen, dass Sperrs zugrundeliegendes Theaterstück zwanzig Jahre früher spielt, 1948, nach der Währungsreform, als realiter große Hungernot herrschte, die von ins Dorf strömenden Flüchtlingen noch verschärft wurde. Fleischmann verpflanzt das Setting ins Jahr 1968 und ersetzt die Flüchtlinge als unerwünschte Außenseiter und Konkurrenten durch Gastarbeiter (die in einer Szene unter höhnischen Kommentaren der Dorfbewohner zurück in die Heimat geschickt werden), lässt das Stück aber ansonsten im Ansatz unverändert, mit anderen Worten, er zeigt die zeitgenössischen Verhältnisse auf dem Dorf mit einer noch unmittelbar vom Nationalsozialismus geprägten Mentalität und Sozialstruktur (eine sichtbare Modernisierung ist nur auf der am Dorf vorbeiführenden Autobahn erkennbar). Er tut dies zu einer Zeit, als die faschistischen Kontinuitäten in Staat und Gesellschaft nach zwei erdrückenden Dekaden überhaupt erstmals auf die Agenda gebracht wurden. Und er tut dies im Gewand eines Heimatfilms, des beliebtesten Filmgenres der jungen Bundesrepublik überhaupt, des zuckersüßen Verdrängungs- und Verklärungsmittels par excellence. Fleischmanns vorschlaghammerartiger Ansatz erscheint eingedenk all dessen nicht nur legitim, sondern unvermeidlich.

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Dass die Uraufführung der Jagdszenen zum veritablen Skandal geriet, überrascht also kaum, und die skizzierte Stoßrichtung dürfte niemand entgangen sein – egal in welchem Lager man stand. Noch einmal interessanter, oder „dialektischer“, wird der Blick auf den Film, wenn man sich die kurze Dokumentation über die als Laiendarsteller fungierenden Dorfbewohner ansieht, die während des Drehs entstand (das DVD-Bonusmaterial ist hier wirklich ein Muss). Diese sind nämlich keineswegs die von städtischen Filmfuzzis ausgenutzten Opfer, als die sie ihre Anwälte auf den Leserbriefseiten in Schutz nehmen wollen. Im Gegenteil wissen sie beim Interview im Gasthaus sehr genau zwischen Fiktion und ihrer eigenen Realität zu unterscheiden, begegnen den Anwürfen gegen den Film verständnislos und begrüßen seine kritische Intention. Anderseits erklären sie unbefangen, dass ein Schwuler in ihrem Dorf selbstverständlich sofort ausgegrenzt würde. Dass wir hier Gesichter mit freundlichen Mienen bestätigen hören, was dieselben Gesichter im Film mit verzerrten Mienen tun, macht die Sache noch einmal beklemmender – und verdeutlicht, dass die zeitgenössische Wirklichkeit zwar etwas komplexer war als Peter Fleischmann sie zeigte, dass es aber Anlass genug gab, sie genau so vorzuführen.

Trailer zu „Jagdszenen aus Niederbayern“


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