Ismael's Ghosts

Cannes 2017: Ich fühle, ich denke, ich verweigere mich. Arnaud Desplechin eröffnet die Filmfestspiele von Cannes mit einer Geisterstunde, die nur eine Perspektive kennt: die des Kinos.

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Ismael’s Ghosts (Les fantômes d’Ismaël) beginnt mit der Suche nach einem Typen, Ivan Dedalus heißt er. Ein Diplomat ist er, vielleicht auch ein Spion. Männer stehen zusammen und tuscheln, die Kamera durchschreitet erst einen herrschaftlichen Raum, dann erfasst sie ein konspiratives Zusammensitzen. So sieht Politik aus, wenn man französischen Filmen glauben will: Adrett gekleidete Menschen, vornehmlich männlichen Geschlechts, die die richtigen Worte finden, mit Autorität, Vergnügen und Überzeugungskraft ihre (oft dubiosen) Ziele verfolgen. Ivan ist kein typischer Politiker, keiner, der eine Eliteschule besucht hätte, um mit den richtigen Leuten das Richtige zu lernen, sondern ein kauziges Landei, das irgendwie schon immer mehr kann, als wahrscheinlich ist. Obwohl Ivan beim Vorstellungsgespräch im zu großen Raum seltsame Antworten gibt, kriegt er den Job im diplomatischen Korps. „Was hätten Sie gemacht, wenn Sie den Job nicht bekommen hätten? – „Nichts, ich war müde.“ Das Kino will es so.

Eine Elektrisierung

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Bei Desplechin darf man müde sein, nichts wollen und alles bekommen. Schon in den ersten Minuten verschiebt der Film die Perspektiven seiner Erzählung, dass einem schwindlig werden kann. Vielleicht sogar werden sollte: Das Überwältigende ist Leibesthema des Regisseurs. Intensitäten der Erfahrung von Liebe, Trauma und Lebenszweifeln verschachtelt er in einem glücklichen Sog miteinander. Wo ist oben, wo unten? Das lässt sich nicht trennen, genauso wenig wie vorher, nachher und mittendrin. Desplechin bietet viele Zugänge, vor allem jede Menge psychologische Materie, sodass die emotional-körperliche Elektrisierung gleichzeitig eine intellektuelle Spurensuche ist: nach den Zeichen, die die Welt bedeuten.

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Von einem tollpatschig wirkenden Louis Garrel wird dieser Ivan gespielt, der Ismael’s Ghosts aufschließt und in die Welt des Unerklärlichen führt. Und der, so scheint es schon bald, eine Figur im Drehbuch der eigentlichen Hauptfigur Ismaël (Mathieu Amalric) ist. Eine Figur, nein, ein Darsteller führt zum nächsten: Amalric steht schon bald vor der Tür von Charlotte Gainsbourg, und als die sich an den Strand legt, steht plötzlich Marion Cotillard da. Sie sieht gealtert aus. Sie spielt Ismaëls vor über 20 Jahren verschwundene Frau, Carlotta. Ist sie es wirklich? Die Figuren fragen nach Erklärungen, der Film hat mehr Spaß daran, die ausbleibenden zu inszenieren. Das große Zerwürfnis, die Wut, die Depression, sie sind stärker, wenn sie sich stützen auf eine Leerstelle, auf ein Fragen, das mehr Anklage denn Neugierde ist.

Freisetzen, was schon war

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Mitten im Film steht ein Verlust-Trauma, und für einige Zeit wirkt es so, als könne es die verschiedenen Stränge zum Schwingen bringen: Die Abwesenheit von Carlotta hat das Leben ihres Vaters (Laszló Szábó) und ihres Mannes nachhaltig verwirrt und stürzt beide bis heute in Albträume. Ismaëls Freundin Sylvia (Gainsbourg) ist dagegen eifersüchtig auf den Geist in seinem Leben. Als Element der Geschichte verspricht Carlottas Rückkehr eine Erschütterung oder gar eine Neuordnung, doch setzt sie vielmehr frei, was ohnehin da war: Bindungen in ständiger Wallung, emotionale und kreative Krisen als Modus Operandi von sich selbst vergewissernden Existenzen, verrückte Männer, die Frauen in den Wahnsinn treiben. Indem Desplechin das Wechseln der Ebenen und der Perspektiven als primäre Erfahrungsoption seines Films setzt, nimmt er etwas von der Bedeutungsschwere, die die psychologischen Verwerfungen mit sich bringen.

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Schwer wirkt nichts in Ismael’s Ghosts, weil das Ernste und das Komische auf einen gemeinsamen Punkt hin zusammenlaufen. Es ist der Punkt der Erfindung: In einer absurd tollen, dramatischen und dynamischen Szene führt Ismaël seinen Produzenten durch ein abgedunkeltes Zimmer, in dem er zu viel Zeit verbracht zu haben scheint, seit er von seinem Set geflüchtet ist. Als tüftele der Regisseur an einer Verschwörungstheorie, hat er quer durch das Zimmer Seile gespannt, wie man sie von Detektiven und Spionen aus Überwachungsthrillern kennt. Die Seile gehen kreuz und quer, als sei die Wahrheit unentwirrbar, aber doch irgendwie logisch aufgebaut. Nur sind hier keine Ausschnitte von Zeitungsartikeln mit Fotos von Verdächtigen verbunden, sondern Gemälde: Sie zeigen die Erfindung der Perspektive.

Eine Verschwörung fürs Kino

Verstehen heißt nicht immer, besser nachzufühlen. Etwas zu empfinden, heißt aber auch nicht unbedingt zu verstehen. Und überhaupt ist es schön, wenn beides scheitert: Weil nicht das eine dem anderen dient, das Fühlen dem Verständnis oder das Verständnis dem Fühlen, sondern sich Gefühle und Erkenntnis zu einer widersprüchlichen Kraft verbinden sollen. Plötzlich ist da Kino, in seiner irrsten Form. Durch den Willen der erfinderischen Erzählung bricht sich etwas Bahn, das alles kann, das Grenzen einreißt, Depressionen heilt und sich dann doch einer Auflösung verweigert. Weil Freiheit nicht heißt, immer nur vorwärts zu streben, sondern sich zu entscheiden. Im Zweifel fürs Kino.

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