Im Keller

Was die Menschheit in den Keller zieht, oder warum Im Keller der gelungenere Interstellar ist.

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Wenn es stimmt, dass der Mensch im Keller, wie er in Ulrich Seidls neuem Film inszeniert wird und wie es diesem von allen Seiten her einhellig angedacht wird, auf eine eigentümliche Art und Weise mit sich selbst identisch ist, autonom und souverän über sich verfügt, dann scheint das doch eine etwas umfassendere Anthropologie nach sich zu ziehen als die, die in der bloßen Identifizierung des Untergründigen mit dem Abgründigen offenbar wird. Die Metapher, mehr noch: das Entsprechungsverhältnis von Kellerraum und der dunklen Seite der Seele reicht nicht ganz hin, um der Affinität des Menschen zum Tiefgeschoss nachzuspüren. Was da in den österreichischen Kellern vor sich geht – und ja, das stimmt erst einmal –, scheint etwas zu sein, was an der Oberfläche keinen Platz findet – von der Schießübung über den gelebten Neonazismus hin zum sadomasochistischen Exzess. Es macht aber einen Unterschied, ob man sich fragt, warum Derartiges in den Keller verbannt wird, warum es aus den Lichtregionen der sozialen Welt abgeschoben wird in die unsichtbaren Räume, in denen man sich noch konsequenzlos gegen den Konsens verhalten kann und darf; oder ob man sich fragt, warum die Menschen für Derartiges ausgerechnet in den Keller gehen wollen.

Unmögliches/Mögliches

Im Keller 05

Eine Frau mittleren Alters, sie fällt ein wenig auf durch ihre lila Strähnen, ansonsten hat sie nichts Exzentrisches an sich (die, zumindest für die Seidl-Welten, klassische Eigenheimbewohnerin), und ihr Ehesklave führen diese zweite Frage, und darin sind sie vielleicht auch die Hauptfiguren, in den Film ein: Aus der Küche robbt ein wuchtiger nackter Mann in den Flur (hier steht auch die Kamera – im Erdgeschoss), erst schiebt sich sein Po ins Bild, dann der ganze Körper, mit der Hand schrubbt er den Boden; anschließend sehen wir ihn von hinten über die Klobrille gebeugt, er säubert sie mit seiner Zunge, auch die Duschwand. Seine Ehefrau setzt sich auf die Schüssel, sie pinkelt, er wartet, kniend wie ein braves Hündchen; sobald das Geschäft erledigt ist, kommt er angekrabbelt und putzt nun auch ihre Vagina. „Ich war immer schon sehr dominant“, sagt die Frau in sachlichem Ton in die Kamera, als erzählte sie von ihrem Arbeitstag. „Und wenn ich richtig dominant sein will, dann geh ich in den Keller.“ Im Keller, und nichts anderes verrät uns diese Frau, wird nicht schlicht das im Schlafzimmer Unmögliche möglich, es wird das generell Mögliche möglicher. Die Fantasie wird nicht ins Souterrain hinuntergetrieben, sie bewohnt es immer schon, sie lässt sich aufsuchen und betreten, öffnen und schließen.

Für das Poetische

Im Keller 03

Zu sagen, im Keller finde Seidl nur das, was er an der Oberfläche ebenso hätte finden können, trifft es daher nicht ganz, es trifft nicht den Nerv dessen, was der Film letztlich aus den Kellerräumen zieht. Eine soziologische Kritik hätte sicher recht, wenn sie beanstandete, dass der Keller gewissermaßen nur eine zufällige Topologie für ein wie auch immer bestimmtes Handeln aufspannt, denn klar: den Sadomasochismus, den Neonazismus, den rassistischen Zwischen-Tür-und-Angel-Talk, das Fitnessprogramm, all das gibt es auch in öffentlichen Varianten; solche Kritik versäumte darüber hinaus aber, diese Topologie auf die Prinzipien hin zu befragen, die sie durchziehen, denn genau diese Prinzipien, die querstehen zu einer Hermeneutik des Sozialen wie übrigens auch zu einem psychoanalytischen Blick (mit „Ödipus“ und „Mutterleib“ wird man hier nicht weniges benennen können, sich dafür aber umso mehr langweilen), verdichten sich zu einem poetischen Dokumentarismus. Wenn es nicht mehr darum geht, dass man für dieses und jenes in den Keller muss, sondern für dieses und jenes in den Keller will (und das heißt nicht nur pure Emphase, auch das Wollen kann Zwängen ausgesetzt sein), dann weil der Keller selbst etwas an sich hat, das kein anderer Raum bieten kann, und das hat, noch bevor die Kellerdecke gegen das mahnende Stampfen der Gesellschaft isoliert, etwas mit Zeit zu tun.

Die Zeitlichkeit des Kellers

Im Keller 01

Was also ist diese Souveränität, die sich der Mensch im Keller aneignet? Es ist eine über die Zeit, über ein Handeln gegen die Zeit, abseits der Zeit; in dieser Hinsicht ist Im Keller vielleicht sogar der subtilere Interstellar (2014). Dort unten wird lebendig, was tot ist: Immer wieder sehen wir eine alte Frau, wie sie in einer Rumpelkammer lebensechte Puppen aus Schuhkartons heraushebt; sachte Berührungen, Küsse auf die Plastikstirn, sie spricht mit ihnen, nennt sich selbst „Mama“, wiegt sie in den Armen, führt sie herum, zeigt ihnen die Kellerwelt. Dort unten ist tot, was lebendig war: Ein Mann wird uns unzählige Wandtrophäen vorführen, Tierköpfe unterschiedlicher Art, selbst gejagt und selbst verspeist: Eine Geschichte des Tötens, erzählt durch eine Wand voller lebendiger Spuren. Dort unten wird imaginiert, was vergangen ist: ein ehemaliger Partyraum, in dem schon lange kein Zusammensein mehr herrscht; als Erinnerung aber bleiben die Feste in den alten Fliesen konserviert. Mehr noch, dort unten lässt sich Vergangenheit reproduzieren: Nazis, umringt von Hitlerbildern, Stahlhelmen, Hakenkreuzen, Orden, Abzeichen, saufen sich aus der Gegenwart heraus, hinein in ihre widerliche Wunderwelt. Und mehr noch: Dort unten lässt sich das Leben verdoppeln, lässt sich die Alternative leben, lässt sich Vergangenheit mit der Gegenwart vergleichzeitigen: Der Leiter eines Schießstandes – und damit beginnt der Film auch – kehrt die leeren Patronenhülsen zusammen, lauthals singt er aus einer Oper; er wäre gerne Sänger geworden, dann hätte er vielleicht den Othello gesungen; sonderlich traurig klingt er dabei nicht, vielleicht, weil er im Keller dieser Sänger ist, ob nun mit seiner Stimme oder in seiner Vorstellung. Dort unten also wird nicht einfach kompensiert, was einem oben zustößt, nicht die Zwangshandlung ausagiert, die oben ins Leere laufen würde, nicht die Gewalt verwirklicht, die oben ein Verbrechen wäre, sondern es wird Zeit überhaupt freigesetzt, die oben immer schon im Verfließen begriffen ist. Das ist gewiss kein optimistisches Pathos, es ist schlicht und ergreifend: der Keller.

Trailer zu „Im Keller“


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