Holidays by the Sea

Pascal Rabatés Film schaut von ferne auf das Treiben der letzten Idioten, die trotz Finanzkrise noch Urlaub machen wollen.

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Ein halbes Jahrhundert nach Mr. Hulots Ausflug ans Meer (Die Ferien des Monsieur Hulot, Les Vacances de Monsieur Hulot, 1953) wandelt Comiczeichner und Regisseur Pascal Rabaté auf den Pfaden des großen Tati. Es ist wieder Ferienzeit in einem kleinen Seebad irgendwo an Frankreichs Küsten, und wieder treffen ein paar Menschen, ein paar Maschinen und das Wetter aufeinander, um in kleinen Choreografien des Missgeschicks Murphys Gesetz zu veranschaulichen. Geblieben ist Tatis leicht unterkühlter Blick auf zwischenmenschliches Gegen- und Miteinander, seine abstrakte, rein kinetische Komik, die fast ganz ohne Sprache funktioniert. Tatis Filmemachen wie auch sein spezifischer Witz waren stets im strengen Sinne modernistisch, sehr formal und genau arrangiert, mit präzise komponierten Bildern und bis ins kleinste austarierten Bewegungen. Bei ihm kam man sich stets vor, als wäre die Feinmechanik der Kamera das ordnungsstiftende Prinzip und als gäbe es keinen wirklichen Unterschied zwischen Menschen und Maschinen. In Filmen wie Tatis herrliche Zeiten (Playtime, 1967) war das oft atemberaubend in seiner inszenatorischen Genialität, aber immer auch etwas distanziert von den Figuren, abgehoben und leicht steril. Wenn man bei ihm lachte, dann eher mit dem Kopf als mit dem Zwerchfell.

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Nicht anders bei Pascal Rabaté. Auch er behandelt seine Figuren wie Hamster im Labor, lässt sie genau den einen Zentimeter nach links gehen, in exakt der richtigen Sekunde, damit sie der Golfball umhaut. Das ewige Paradox der Slapstickkomödie: In einem Film, bei dem alles schiefläuft, was schieflaufen kann, muss die Inszenierung stets einwandfrei funktionieren. Da driften Form und Gehalt schnell weit auseinander, und entweder man lässt die Situationen heillos eskalieren, damit der Zuschauer die inszenatorische Mechanik ab und an vergisst, oder man schafft es, wie die Großen (Chaplin, Keaton), bei all den virtuosen Tricks das Menschliche nicht zu vergessen.

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Aber Rabaté hat genug Kunststücke parat, um auch bei gedämpftem Lachfaktor zu faszinieren. Er treibt seine kausalen Kaskaden des Wenn-dann (wenn der Drachen wegfliegt, dann verfängt sich in der Leine die Kette der hübschen Frau gegenüber, wenn Kette und Drachen weiterfliegen, dann landen sie über der Nudistensiedlung, wenn man ihn zurückhaben will, muss man sich nackig machen, wenn ... dann ...) immer nur so weit, bis sie sich in ausdrucksstarken Tableaus konkretisieren. Wunderbar, wie etwa eine Autokolonne nach dem Leichenschmaus über die nächtliche Landstraße schlingert: eine vieläugige Schlange des erhöhten Promillewertes, sich wiegend im Walzertakt.

Aber seit Monsieur Hulots Ferien hat sich doch viel getan in der Welt. Vor allem, dass niemand mehr in die Ferien fährt heutzutage. In Zeiten der Krise ist das gute alte Strandbad ein eher trister Anblick. Das ist der große Unterschied zwischen Rabaté und Tati: Während der Alte seine Gags meist aus einer konsequenten Fortführung der Normalität bis ins Absurde gewann, gibt es bei seinem Adepten so etwas wie Normalität von Anfang an gar nicht mehr. Keine eisschleckenden Kinder, kein ganz normaler Strandwahnsinn. Stattdessen bekommen wir: lesbische Punkpärchen, Thrash-Metal-Bands vor Seniorengruppen, armeeähnlich gedrillte Kleinfamilien. Der Ton ist bei Rabaté rauer.

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Diese spezielle Komik, halb misanthropisch, halb anarchistisch, hat viel gemein mit den Filmen Gustav der Kerverns und Benoît Delépines. Ob sich da in Frankreich eine kleine Bewegung der krisenbefeurten „Fuck-off“-Komödianten gebildet hat? Zumindest war Rabaté schon in einer kleinen Nebenrolle in Kerverns und Delépines Louise Hires a Contract Killer (Louise-Michel, 2008) zu sehen, und Gustav der Kervern latscht mit seinem Wuschelkopf auch durch ein paar Szenen von Holidays by the Sea. Zusammen mit einem Kollegen (Vincent Martin) raubt und säuft er sich als verbrecherisches Golferpärchen im Partnerlook durch den fast menschenleeren Urlaubsort.

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Holidays by the Sea mag bisweilen allzu selbstverliebt den eigenen Einfallsreichtum zelebrieren, aber als Kuriosität am Kinohimmel ist er mehr als nur beachtenswert. Außerdem ist er einfach schön anzuschauen. Als Comiczeichner weiß Rabaté, wie er seine Cinemascope-Rahmen zu komponieren hat. Manches Mal denkt man an Wes Andersons symmetrische Bilder, doch Rabaté hat einen eigenen Stil, weniger vollgestopft mit Tand und weniger besessen von rechten Winkeln. Alles hier wirkt angenehm sparsam eingesetzt, seien es die Großaufnahmen, seien es die seltenen, aber dann meist wie schwerelos gleitenden Kamerafahrten.

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Eine Ökonomie der Verknappung zeichnet Rabatés Film aus, und hier dockt er dann doch wieder an der aktuellen Lage an: Wenn es in Holidays by the Sea keine Normalität gibt, dann vielleicht, weil dies, nun ja, keine normalen Zeiten sind. Doch dieser Bezug bleibt bis kurz vor Schluss maximal vage, stattdessen unterströmt er auf sehr hintergründige (als Schlagzeile in der Frühstückszeitung, als fast leergeräumtes Supermarktregal), meist nur angedeutete Weise den Film als Ganzes. Die Krise und die drohende Armut manifestieren sich hier viel eher als Absenz denn als klarer Verweis. Wenn man Holidays by the Sea noch ein letztes Mal mit Tati vergleicht, dann fällt eines am stärksten auf: die Stille. Wo damals noch Kindergeschrei, Autogehupe und das Gebimmel der Essensglocke die hitzige Stimmung des Ferienstresses zu jedem Zeitpunkt präsent hielten, da ist in Holidays by the Sea vor allen Dingen: nichts. Und so kann man, bei aller fein ausgearbeiteter und durchdachter Slapstickmechanik, sagen, dass Rabatés Film am meisten durch das überzeugt, was er nicht zeigt. Denn dieses Nichts zeichnet er fast ebenso scharf wie alles, was sicht- und hörbar ist. Nur braucht es hierfür ein sensibleres Ohr, ein schärferes Auge, und ein wenig Distanz. 

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