Haunter

Eingesperrt im befreiten Raum: Vincenzo Natali erschafft ein Gefängnis ohne Gitter und einen Film ohne festen Boden.

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Geheimnisse liegen immer irgendwo im Verborgenen. Wenn Figuren im Subgenre des Geisterfilms auf ein Mysterium stoßen, nützt es nichts, auf die gängige Vorstellung von Vernunft zu vertrauen. Vielmehr muss man der individuellen Wahrnehmung der Dinge Vorrang gewähren und das vordergründig Sichtbare Lügen strafen. In Vincenzo Natalis Geisterhaus-Geschichte Haunter (2013) sind es zunächst – getreu der Konvention – geheime Türen und Dinge unter den Fußbodendielen, die erschreckende Erkenntnisse beheimaten. Doch führt der Regisseur damit nur auf ein viel ausschweifenderes Spiel mit verborgenen Zwischenräumen hin. Sein ganzer Film ist ein Ort, der nur aus Ebenen des Dazwischen besteht.

Stets aufs Neue muss Lisa (Abigail Breslin) denselben Tag durchleben. Es ist kurz vor ihrem 18. Geburtstag, die Wäsche muss gemacht werden, es wird zusammen gegessen, noch eine kurze Klarinettenübung. Doch plötzlich schleicht sich etwas Neues in die deprimierende Routine ein. Anfangs sind es nur minimale Veränderungen des Tagesablaufs, ansonsten vermitteln uns die Bilder die immer gleiche Abfolge der Ereignisse. Wieder und wieder gleitet die Kamera zu den Klängen aus dem Märchen Peter und der Wolf durch die Zimmer und fängt die exakt selben Familienrituale ein.

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Bald stellt sich das Haus als hermetisch abgeriegelter Raum gegenüber einer unbekannten Außenwelt dar. Räumliche Einengung und die Unmöglichkeit des Entkommens scheinen es Natali sehr angetan zu haben. Seine Filme Cube (1997) und Cypher (2002) arbeiten ausgiebig mit derartigen Konzepten und schicken ihre Protagonisten durch klaustrophobische Szenarien. Deshalb sind die Schutzlosigkeit im eigenen Haus und die Bedrohung der Familie hier nicht der einzige Horror, der an die Pforte klopft. Bereits mit den ersten Bildern des nebelverhangenen Anwesens, das schwerelos im Nirgendwo festzuhängen scheint, schlägt jede Verortung fehl. In dieser Anordnung versucht Natali lustvoll, den Raum immer stärker zu verdichten, ihn ungreifbar zu machen. Im Laufe des Films wird dieses Haus, aus dem es kein Entkommen gibt, ein Ort der unablässigen Verwandlung. Alles, was dort ist, und jeder, der sich darin bewegt, hängt irgendwann am seidenen Faden des Rationalen.

Die zentrale Erkenntnis, mit der einer Figur alles als sicher Gegebene zwangsläufig wegbrechen muss, stellt sodann einen Punkt des Films dar, der Natali in einen ästhetischen Rausch verfallen lässt. Während das Unheil anfangs nur sanft über den Bildern hängt und man grazil durch die Szenarien gleitet, wird Haunter schrittweise greller und lauter. In der zweiten Hälfte entfernt sich der Film so zunehmend von einigen anderen Genrefilmen der letzten Zeit wie etwa Sinister (2012) [LINK] oder The Conjuring – Die Heimsuchung (2013), die sich in der Steigerung ihres Grauens zurückhaltender zeigen.

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Natali reiht sich trotzdem nahtlos in die aktuelle Strömung der Haunted-House-Filme ein. Neben der Dekonstruktion von Raum ist da nämlich noch die Rekonstruktion von Zeit, die für die Spurensuche notwendig wird und konstitutiv für das Subgenre ist. Bei Natali sind es etwa einschlägige, meist nebensächliche Elemente – wie die Poster im Teenagerzimmer, ein Tablet-PC oder ein Rubik´s Cube, an dem Lisa bei einer Diskussion mit den Eltern unablässig herumhantiert –, die trotz der Ortlosigkeit des Films Zeitlichkeit einfangen und wirkungsvoll kontrastieren. Aber vor allem motivisch löst sich Haunter nicht wesentlich von vielen seiner Vorgänger. Das eingangs so klassisch anmutende Grauen wird bald der Modernisierung unterzogen. Die Uhren bleiben stehen, die Türen knallen zu, doch das postmoderne Treiben mit dem Medium Film oder auf Videokassette gebanntem Grauen bleiben auch hier nicht aus. Das Geisterhafte macht sich im Geflimmer des Fernsehbildschirms gleichermaßen bemerkbar wie durch wispernde Stimmen aus dem Nichts.

Wäre nicht die Verweigerung jedes noch so kleinen Anhaltspunkts von beständiger Realität, hätte es uns Natali sehr leicht gemacht. Die handwerklich äußerst geschickt montierten Bilder jedoch, die sich auch manches Mal an die Schwelle des Trashigen wagen, sind stets bröckelig und durchlässig für jedwede Transformation und verlangen Aufmerksamkeit. Oder aber wir entsagen uns. Völlig befreit von jeglicher Bindung an Zeit, Raum und Motivik schickt Natali das Publikum durch Lisas persönliche Hölle, das kaum wahrnehmbare Gespinst namens Logik hat uns ohnehin schon lange einen Strich durch die Rechnung gemacht.

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Die Suche nach der Wahrheit gerät zu einem fiebrigen Traum, einer dröhnenden, rastlosen Reise, bei der niemals etwas wirklich real oder wirklich imaginiert ist, sondern ein wackeliges Dazwischen im Taumel der Horrorelemente. Der Boden unter den Füßen wankt ständig, ja existiert eigentlich gar nicht. In dieser Persistenz des Grusels auf allen Ebenen kann man nur hilflos mit den Figuren umherirren und sich tragen lassen. Ein zudringliches, aber reizvolles Vexierspiel.

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