Freistatt

Inmitten unwirtlicher Moorlandschaften zeichnet Freistatt das Leiden ehemaliger deutscher Heimkinder in den 1960er Jahren als systematisches Unrecht, das scheinbar aus sich selbst heraus geschieht.

Freistatt 09

Das Moor und der Tod stehen seit langer Zeit in einer innigen Beziehung: Oft wenn im Norden Deutschlands ein Problem aus der Welt geschafft werden musste, wurde das Moor zum Ort des letzten Richterspruchs. Moorleichen aus dem Mittelalter, mit eingeschlagenen Schädeln oder zerfetzten Gliedmaßen, zeugen davon, und auch heute noch müssen Häftlinge bisweilen Torf stechen – als wäre diese Landschaft ein ganz natürlicher Ort der Buße. Auch Marc Brummunds Freistatt macht das Moor zu einem Ort, an dem Entscheidungen fallen. Wir schreiben den Sommer 1968. In der wohlstandsbeduselten BRD entsteht zum ersten Mal seit dem Krieg so etwas wie eine gelebte Jugend, aber auch die familiären und sozialen Wunden sind noch überall spürbar. Und wer diese heile, bürgerliche Welt der goldenen Sechziger herausfordert, landet schnell im Erziehungsheim: Freistatt. Ein abgelegenes Gut irgendwo in einem Moor in Norddeutschland. Hier kommt der 14-jährige Wolfgang (Louis Hoffmann) eines Hochsommertags an. Sein Stiefvater will ihn nicht, seine Mutter hegt inzestuöse Gefühle für ihn und gefährdet so die familiäre Sittlichkeit. Wolfgang muss weg, irgendwohin. Also wird er nach Freistatt gebracht, wo er von nun an mit anderen Outlaws und Ungewollten zusammen Torf stechen wird.

Freiheitsdrang und Heimroutine

Freistatt 05

Freistatt will die Geschichte eines Leidens nacherzählen und dabei möglichst authentisch sein. Dieser Anspruch ist so etwas wie die Grundbedingung des Films. Mit anderen Worten: Wir sehen all die Schläge, die Demütigungen und Gräuel schon kommen, bevor sie sich ereignen. In dem Moment, in dem Wolfgang in Freistatt einfährt, wissen wir im Grunde bereits, was passieren, aber auch, dass Wolfgang die Regeln brechen wird. Und tatsächlich scheint sein Freiheitsdrang den seiner Kumpanen zu übersteigen; Wolfgang ist eine Heldenfigur, der Einzige, der ständig dermaßen Lehrgeld für sein Ungehorsam kassiert, dass wir uns fast über seine Naivität wundern. Dabei bleiben Wolfgangs Schmerzen seltsam farblos, es spritzt kein Blut, wir sehen erstaunlich wenig blaue Flecken, kaum ein rot-verzerrtes Gesicht: So nüchtern und flach wie das Moor bleibt die affektive Skala des Protagonisten, der das Unrecht, das ihm geschieht, gar nicht so richtig an sich heran lässt. Stattdessen dramatisiert die Musik die Erzählung von Anfang an, sodass wir all die Schläge schnell ertragen lernen – die institutionalisierte Gewalt baut sich nicht wirklich auf, sondern ist einfach da, ein Fakt.

Körperliche Dialoge, ansonsten Schweigen

Freistatt 06

Freistatt zeigt uns also den Missbrauch eher aus einer Makroperspektive und versucht kaum, seine Figuren zu psychologisieren. Warum sind die Aufseher gewalttätig? Warum dulden Sie ihre eigene Verrohung? Wem nützt die Gewalt? Aus Wolfgangs Sicht, die unsere Sicht ist, erscheint diese Welt unterschiedslos: der Stiefvater, der Heimleiter, der Aufseher. Alles im Grunde völlig degenerierte, kaltherzige Tyrannen, Nazis. Die weiblichen Figuren sind auf eine andere Art verhängnisvoll: Neben seiner Mutter ist da noch Angelika, die Tochter des Heimleiters, die den naiven Wolfgang geschickt verführt und für ihre Zwecke ausnutzt. Die anderen Heiminsassen dagegen sind merkwürdig still, es wird kaum geredet, der Alltag in Freistatt ist Schweigen. Selbst Anton, der aus eigentlich unklaren Gründen alles dafür tut, Wolfgangs Sympathie zu gewinnen, ist kein wirklicher Gesprächspartner, jeglicher Dialog ist auf elementare Notwendigkeiten reduziert. Entscheidungen fallen nur körperlich: stehlen, wegrennen, verstecken, einfangen, Schläge kassieren. Diese Bewegungen exerziert Freistatt mehrmals durch, und die Kräfteverhältnisse im Heim verschieben sich marginal mit. Der Widerstand wird zur Routine.

Leiden für den Zusehenden

Freistatt 02

Wolfgangs abstrakte Vorstellung von einer Freiheit, die er nie hatte, richtet sich dabei auf wenige, weiche Objekte der Begierde, die der männlich-gewalttätigen Heimwelt und dem lebensfeindlichen Moor entgegenstehen: die besagte Tochter des Heimleiters, die überzeichneten roten Tomaten in dessen Garten, eine Fotografie seiner Mutter. Wolfgang scheint im Gegensatz zu den anderen Jungen stets zu wissen, dass eine andere Welt möglich ist. Wir erfahren aber wenig, vielleicht zu wenig, über Wolfgangs Leben, besonders vor Freistatt, sodass wir letztlich nicht seine Perspektive einnehmen können. Er bleibt Stellvertreter, Repräsentant eines geschehenen Unrechts, Opfer der Verhältnisse: Wolfgang leidet nur und bleibt stark, damit wir es sehen, damit wir wissen, dass dies damals so passiert ist. So wendet sich der aufklärerische Gestus des Films gewissermaßen gegen sich selbst, er wird zum Selbstzweck. In dieser Linie endet auch der Film: Gewalt erzeugt Gegengewalt. So ist die Botschaft von Freistatt unmissverständlich, aber auch verkürzt. Denn am Ende kann Wolfgang zwar das Heim verlassen, aber wir bleiben mit der subtilen Ahnung zurück, dass Wolfgangs wirkliche Leidensgeschichte gerade erst beginnt.

Trailer zu „Freistatt“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.