Extrem laut und unglaublich nah

Der 11. September 2001 aus der Sicht eines Kindes: Nach dem gleichnamigen Roman von Jonathan Safran Foer versucht Extrem laut und unglaublich nah sich an der Bewältigung eines nationalen Traumas.

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Mittelpunkt von Stephen Daldrys (Der Vorleser, The Reader, 2008) viertem Film ist ein extrem begabter und unglaublich geschwätziger Junge namens Oskar (Thomas Horn), der am 11. September 2001 in New York seinen Vater (Tom Hanks) verliert. Er entdeckt in dessen Sachen einen geheimnisvollen Schlüssel und versucht fortan, das passende Schloss zu finden – im Glauben, der Schlüssel sei eine Botschaft seines Vaters.

Die wissenschaftlich exakt vorbereitete Schnitzeljagd durch New York, auf die Oskar sich in Extrem laut und unglaublich nah (Extremely Loud and Incredibly Close) begibt, ist die glasklar nerdige Veranstaltung eines hochbegabten Kindes. Ausgerüstet mit selbst gebastelter Archivbox, liebevoll bemaltem Kartenmaterial, einem Faible für Zahlen und seinen auf wenigen Hinweisen basierenden Vermutungen, läuft der Junge (vor der U-Bahn hat er Angst, wie auch vor Brücken, Schaukeln und manch anderen Dingen) durch die Stadt, um hunderte Menschen zu besuchen und nach des Rätsels Lösung zu befragen: alle Menschen, die „Black“ heißen nämlich, denn so lautete der Name auf dem Umschlag, in dem besagter Schlüssel steckte.

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Das ist Trauerarbeit mit den Mitteln der Expedition. Wenn die einzelnen Menschen immer wieder in kurzen Schlaglichtern ihren Auftritt bekommen, wird Extrem laut … zu einer großen tröstenden Umarmung, die die ganze vom Trauma der Anschläge gezeichnete Stadt New York einschließt. Eine Umarmung freilich, die auch das Publikum einschließen soll und dies mit manipulativen Mitteln versucht. Jedes Vorkommnis, jeder Blick wird mit Bedeutung aufgeladen. Der Moment, in dem Oskar den Schlüssel findet, wird mit einem musikalischen Crescendo vorbereitet, und als die Vase dann zu Boden fällt und den Schlüssel freigibt, tut sie dies natürlich in extremer Zeitlupe. Und der Film kann auch nicht zu Ende sein, als das Rätsel gelöst ist, sondern benötigt noch einen kleinen Rattenschwanz, um dann auch wirklich alles zu einem glücklichen Abschluss zu bringen.

Selbst die Bilder der in Todesangst von den Zwillingstürmen springenden Menschen stellt Daldry in den Dienst seiner Sentimentalität. Schon im Vorspann schwebt ein Mann kopfüber über die Leinwand, ebenfalls in Zeitlupe. Die Fotos wurden seinerzeit als geschmacklos empfunden und in der Berichterstattung über die Anschläge auf New York aus Pietätsgründen meist nicht verwendet. Daldry nutzt sie als ikonografisches Bild des „schlimmsten Tages“ (so nennt Oskar den 11. September) und später mittels eines Schiebekarten-Tricks als Sinnbild für den Wunsch, die Tragödie ungeschehen zu machen.

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Thomas Horn, der in Extrem laut und unglaublich nah seine erste große Rolle spielt, verleiht dem manchmal nicht wenig nervtötenden Oskar eine bemerkenswerte Präsenz, was angesichts der für eine Kinderrolle ungewöhnlich großen Dialogmasse nicht selbstverständlich ist. Max von Sydow als Großvater spricht dagegen kein Wort – verstummt nach traumatischen Erlebnissen bei der Bombardierung Dresdens. Mit „Ja“ und „Nein“ in den Handflächen kann er einfache Fragen beantworten, für längere Sätze kritzelt er seitenweise mit großen Buchstaben in teure Moleskine-Notizbücher. Von Sydow bringt mit seiner unnachahmlichen Mimik etwas Stummfilmruhe in den sonst immer recht aufdringlichen Film, wenn auch nur für die mittlere halbe Stunde, bevor er wieder aus der Handlung verschwindet.

Sandra Bullock als Mutter hat vom Drehbuch noch weniger Aufmerksamkeit bekommen, wenn auch besser über die Handlung verteilt. Die Geschichte greift immer wieder zu eingeschobenen Rückblenden, um den Ablauf jenes „schlimmsten Tages“ Stück für Stück nachzuerzählen. Auch Tom Hanks als Vater erhält auf diese Weise einige pointierte Auftritte, hier gelingt es sogar, das besondere, vom gemeinsamen Forscher- und Basteldrang bestimmte Verhältnis von Vater und Sohn zu zeichnen.

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Die meiste Zeit aber ist Extrem laut … ein mit zu vielen Motiven vollgestopftes Sammelsurium, ein Film wie ein Hochbegabter, der stolz seine Sammlung an Kuriositäten und seine Fähigkeiten zur Tränenerzeugung vorführt. 

Trailer zu „Extrem laut und unglaublich nah“


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Kommentare


Sebastian

....und trotzdem immer spannend und sehr emmotional. Das Premierenpublikum war begeistert!


Josefina

Mit stehenden Ovationen wurde der Film und die anwesenden Schaffenden verabschiedet. Mit Recht, wie ich finde. Ein sehr schweres Thema wurde durch die Augen eines Jungen neu dargestellt und in den genau richtigen Momenten durch 'komische' Momente sehrbar gemacht. Bravo.






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