Engel des Bösen - Die Geschichte eines Staatsfeindes

Die Geister, die die Presse rief – die Lebensgeschichte des Renato Vallanzasca wird in Michele Placidos Film zu einer Auseinandersetzung mit von Medien erschaffenen Gangsterhelden und der Agonie des Männlichen.

Engel des Bösen 09

Die Outlaws der europäischen Geschichte und die engen Bande zwischen Gesetzesbruch und Popkultur sind derzeit im Kino en vogue. Nach Jacques Mesrine (Public Enemy No. 1, 2008), Michael Gordon Peterson a.k.a. Charles Bronson (Bronson, 2008) und Carlos (Carlos – Der Schakal, Carlos, 2010) startet mit Michele Placidos Engel des Bösen – die Geschichte eines Staatsfeindes (Vallanzasca – Gli angeli del male) nun das jüngste Beispiel.

Renato Vallanzasca (im Film verkörpert von Kim Rossi Stuart), heute in einem Hochsicherheitsgefängnis im lombardischen Voghera inhaftiert, hat selbst für eine an außergewöhnlichen Gangstern nicht arme Gesellschaft wie die italienische eine beispiellose Karriere durchlaufen: vom geltungssüchtigen Mailänder Bandenführer zum meistgesuchten Kriminellen des Landes, (wahrscheinlich) verantwortlich für mehrere Polizistenmorde, Entführungen, dutzende Raubüberfälle und einen blutigen Gefängnisaufstand.

Engel des Bösen 06

Keiner der jüngst veröffentlichten Filme zu den großen europäischen Gesetzesbrechern kam um die Fragestellung herum, inwiefern gewisse Formen medialer Glorifizierung mit den Gangstern paktieren, diese in Projektionsflächen verwanden für Sehnsüchte nach Opposition zum Status quo und vage verfasster politischer Subversion. Engel des Bösen vertieft diesen Diskurs.

Denn der „hübsche René“ entfachte wahre Begeisterungsstürme in der Presse, sah gut aus, gerierte sich vor Kameras angenehm großmäulig und war tollkühn in seinen Aktionen. Die medienwirksame Verhaftung Renatos 1977 in Rom zerstückelt Michele Placido dann auch in eine Splitscreenmontage aus fiktionalem Material, nachgestellten Aufnahmen und Archivbildern, einen Sturm der sich überschneidenden und kommentierenden Ansichten. Und gerade diese Kontaktaufnahmen zwischen fiktionalen Umdeutungen und historischen Archivaufnahmen sind gleich doppelt wirksam. Die historisch verbürgten Szenen speisen Authentizität in die Erzählung, und andersherum bindet diese die fragmentarischen Medienbilder in eine schlüssige Geschichte zurück.

Engel des Bösen 13

Wo die Rückkopplungseffekte an die Historie starke Momente liefern, bleiben die Inszenierungen der eigentlichen Straftaten in Engel des Bösen jedoch einigermaßen blass.  Während das amerikanische Kino traditionell eher an der Kinetik des Verbrecherdaseins interessiert war, an den Überfällen und Verfolgungsjagden, konzentriert sich Placido auf dessen Logik. Negativ formuliert: Die Action ist alles andere als furios. Die Räume bleiben eng, die Bilder scheinen an den Gesichtern wie festgeklebt. Der Film ist extrem dialoglastig – und die Dialoge sind nicht weiter bemerkenswert.

Engel des Bösen 11

Positiv gewendet allerdings können sich die nahen Einstellungsgrößen so ganz und gar auf Kim Rossi Stuarts physisch hingebungsvolle Verkörperung Renatos konzentrieren. Je länger er im Gefängnis verweilt, desto destruktiver wird sein Drang nach Befreiung, desto tiefer graben sich seine Augen in ihre geröteten Höhlen. Bemerkenswert ist dabei die starke Verknüpfung von männlichem Körper und Autoaggression, mit der hier jede Form von Gewalt einhergeht. Einmal schluckt Renato verrostete Schrauben, um in den Krankenhaustrakt verlegt zu werden (und daraufhin von dort zu fliehen). Die Verstümmlung des eigenen Leibes ist die stärkste Waffe Renatos, seine Missachtung des Selbsterhaltungstriebes die größte Herausforderung an die Obrigkeit. Ein wenig wie bei Bronson in Nicolas Winding Refns hyperstilisiertem Biopic von 2008 ist Renatos Gefährlichkeit äquivalent zu seinem Genuss am Schmerz.

Engel des Bösen 12

Wie so viele Banditenfilme ist Engel des Bösen reich an analytischen Einsichten in die Abgründe des Männlichen – und arm an ähnlichen in die des Weiblichen. Der männliche Körper wird durch Schmerz geschaffen – der weibliche muss schadlos gehalten werden. Frauen tauchen in dem Film reihenweise auf, sind aber nur hübsche Partikel in den Spiralen viriler Agonie. Das Weibliche bleibt eine Funktion des Männlichen, eine zwar bisweilen problematische, aber ganz und gar verinnerlicht in einem auf den Mann und seinen Körper fixierten Diskurs.

Engel des Bösen 14

Dabei überrascht Engel des Bösen mit homoerotischen Obertönen. Gerade die Beziehung zu  „Engelsgesicht“ Francis Turatello (Francesco Scianna) bleibt spannend-ambivalent: Dessen lüsterne Blicke auf den entblößten Hintern Renatos während einer improvisierten Operation bringen jenen den Film beherrschenden Nexus aus männlichem Körper, Verwundbarkeit und sexueller Lust auf den Punkt (ein Themenfeld, dass auch Olivier Assayas’ Carlos nicht fremd ist). Aber Placido überspannt den Bogen und verfällt kruden Assoziationen: Gleich zu Beginn duscht Renato, umschlossen von düsterem Mauerwerk, ein strahlendes Licht fällt auf ihn wie in der Sakristei. Die Kamera gleitet die Wundmale entlang, Zeugnisse seiner schmerzhaften Mannwerdung, und begründet damit einen assoziativen Raum, zu dem der Film immer wieder zurückkehren wird: Die Verwundungen des Gangsters erscheinen im Licht der Passion, als Stigmata des die Gesellschaft infrage Stellenden. Mit solch unsinnigen Anklängen bezeugt Engel des Bösen letztendlich erneut, wie schnell die mediale Behandlung von Banditen diese ins Übermenschliche rücken kann.

Trailer zu „Engel des Bösen - Die Geschichte eines Staatsfeindes“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.