Die Reise ins Glück

Kapitän Gustav landet mit seinem Schneckenschiff auf einer mysteriösen Insel und nimmt den Kampf gegen König Knuffi und dessen fiese Helfer auf. Ohne Rücksicht auf Verluste inszeniert der Undergroundfilmer Wenzel Storch sein bisher aufwändigstes Werk.

Die Reise ins Glück

Es gibt sie noch, die guten Filme. Und manchmal kommen sie sogar aus Deutschland. Allerdings steckt in diesen Fällen meist eine ganz besondere Kraftanstrengung dahinter. So auch im Falle von Wenzel Storchs Opus Magnus Die Reise ins Glück. Der Undergroundfilmer arbeitete acht ganze Jahre an diesem Werk über den kugelrunden Kapitän Gustav (Jürgen Höhne) und seiner Frau Eva (Jasmin Harnau), die mit ihren menschlichen und tierischen Freunden sowie einem Schneckenschiff auf einer geheimnisvollen Insel landen, welche der böse König Knuffi (Holger Müller) mit eisernem Teppichklopfer regiert. Unterstützt wird der Tyrann unter anderem durch seine ihm treu ergebenen Edelleute, die unter starkem Harndrang leiden.

Einen großen Teil der Vorbereitung nahmen wohl die Versuche ein, die Finanzierung des ausstattungsintensiven Films zu sichern, da die Gelder der Filmförderung nicht ausreichten und durch Einnahmen diverser Benefizveranstaltungen, an denen unter anderem Max Goldt, Wiglaf Droste und Harry Rowohlt mitwirkten, ergänzt wurden. Letzterer lieh außerdem dem 1. Offizier des Schneckenschiffs, einem launischen Braunbär, die Stimme. Auch der Berliner Splatterfilmer und Journalist Jörg Buttgereit wirkte mit, gestaltete die Spezialeffekte und verkörpert einen Edelmann.

Die Reise ins Glück

Zu großen Teilen lebt der Film von den fantasievollen Kulissen, welche Wenzel Storch und sein Team in jahrelanger Kleinstarbeit aus Schrottplatz-, Rumpelkammer- und Flohmarktinventar zusammenbastelten. Sowohl das Schneckenschiff als auch Knuffis Inselreich sind mit absurden Utensilien aller Art überladen. Die Zweckendfremdung von allem und jedem hat System, das Ergebnis wirkt auf groteske Weise funktionell und organisch.

Ein unvorbereiteter Zuschauer könnte angesichts der wunderbaren Bilderflut, die der Film ausbreitet, geneigt sein, bereits nach wenigen Minuten die Flucht zu ergreifen. Wenzel Storch bricht im Verlauf der 73 Minuten fast alle in der heutigen Gesellschaft noch bestehenden Tabus – unter anderem vergewaltigt das Schneckenschiff eine Kirche, außerdem nimmt der Ausstoß von Körperflüssigkeiten jeder Art ungeahnte Ausmaße an. Auch die stilistische Beschaffenheit des Films ist nicht an den Sehgewohnheiten des Normalsterblichen ausgerichtet. Das knallbunte Spektakel wird in einer seltsam verzerrten Optik präsentiert, exzessive Kamerabewegungen zielen darauf ab, dem Publikum das optische Äquivalent eines psychedelischen Drogenrausches zu ermöglichen.

Die Reise ins Glück

Auf den ersten Blick gibt es kaum einen Film, der weiter von der alltäglichen Realität entfernt ist, als Die Reise ins Glück. Und doch finden sich in diesem Meisterwerk des fantastischen Kinos Risse, durch die Bruchstücke deutscher Lebenswelt eindringen und sich in äußerst ungewöhnlicher Umgebung häuslich einrichten. Am deutlichsten erkennbar ist dies an den Dialogen, die den gesamten Sprachschrott der letzten 30 Jahre enthalten. Vergessen geglaubte Redewendungen der Siebziger und Achtziger Jahre treffen auf die schlimmsten Elemente der Jugendsprache der Neunziger. Selbstverständlich geht es nicht darum, einen wie auch immer gearteten Kommentar zu den aktuellen Verhältnissen in Deutschland zu leisten, die Tonspur fungiert vielmehr als weiterer Faktor eines Systems, dessen Bezugspunkte einzig Wenzel Storch bestimmen könnte.

Eine inhaltliche oder ästhetische Beschreibung dieses Films erscheint ebenso unmöglich wie eine auch nur halbwegs abgeschlossene Würdigung. Die Maßstäbe, an denen Filme implizit von jedem Zuschauer gemessen werden, weisen keinerlei Bezug zu Die Reise ins Glück auf. Einzig die im selben Stil, aber auf 8mm-Material gedrehten vorherigen Arbeiten des Regisseurs, Glanz dieser Tage (1989) und Sommer der Liebe (1992), können als Vergleich herangezogen werden. Storch, Katholik und bekennender LSD-Konsument, ist in der Tat ein Autorenfilmer par excellence, setzt seine persönlichen Fantasien in einer solch unnachahmlichen Art und Weise in Bilder um, wie es kaum einem Filmemacher in mittlerweile über 100 Jahren Filmgeschichte gelungen ist. Trotz seiner scheinbaren Unnahbarkeit ist eine intensive Auseinandersetzung mit diesem einmaligen Werk erstrebenswert, schon alleine, um etwas mehr Aufmerksamkeit auf das Schaffen des Hildesheimer Autodidakten zu lenken. Die Reise ins Glück ist ein Film, der wieder und wieder angeschaut zu werden verlangt. Vielleicht gibt er irgendwann doch sein Geheimnis preis.

Kommentare


spoon

endlich kommt der stoff auch auf dvd heraus!
wurd ja auch zeit!
im februar ist es soweit, kommt bei cinema surreal heraus


xtraa

Endlich kommt das Kind vom Storch.

Gruß,

xtraa






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