Die Eleganz der Madame Michel

Mona Achaches Verfilmung eines französischen Erfolgsromans erzählt von der Trostlosigkeit in einer großbürgerlichen Pariser Familie und vom kleinen Glück, Geschwister im Geiste zu finden.

Die Eleganz der Madame Michel

Nicht im Goldfischglas zu enden, das ist Palomas Wunsch. Das 11-jährige Mädchen, scharf beobachtende Tochter einer Familie des reichen Pariser Großbürgertums, sieht in ihrer Familie und ihrem Haus nur Goldfische, als sei das gedankenlose, neurotische Herumschwimmen im kleinstmöglichen Bassin solch bourgeoiser Existenz der einzig mögliche Lebensentwurf, der auch ihr offenstünde.

Paloma, der die bemerkenswert präzise und sehr zurückhaltend spielende Garance Le Guillermic eine Aura verleiht, die fortwährende Irritation mit altkluger Abgeklärtheit verbindet, ist zunächst die eigentliche Heldin von Die Eleganz der Madame Michel. Dabei verweist der Titel, wie auch im französischen Original Le hérisson (wörtlich: „Der Igel“), auf eine ganz andere Hauptfigur, die in Palomas Haus arbeitende Concierge Renée Michel (Josiane Balasko).

Die Eleganz der Madame Michel

Auf diese ist die Igel-Metapher gemünzt, die auch die Vorlage, Muriel Barberys in Frankreich außerordentlich erfolgreicher Roman Die Eleganz des Igels (L’élegance du hérisson), im Titel trägt. Nach außen vielleicht nicht eben stachelig, so doch zumindest rau und unnahbar, hat es sich Madame Michel in ihrem einsamen Leben in der Concierge-Loge eingerichtet. Die Großbürger in ihrem Haus nehmen sie kaum anders als in ihrer Funktion wahr, sie aber hat eines ihrer Zimmer bis an die Decke mit Büchern gefüllt. Unter der ungepflegt wirkenden Oberfläche verbirgt sich ein feiner, verletzlicher Geist.

Diese Renée Michel entspricht also nach außen nahezu perfekt dem stereotypen Bild, das man von einer Pariser Concierge üblicherweise hat (auch wenn man diese heute politisch korrekter „Guardienne“ nennt). Auch dass sie im Grunde ein hässliches Entlein ist, das nur auf die Gelegenheit zur Entfaltung seiner Schwanenflügel wartet, ist eine nicht minder klassische, wenn nicht gar allzu gewöhnliche Erzählung.

Die Eleganz der Madame Michel

Der Film kommt in seiner äußeren Form denn auch nahezu bescheiden daher. Die junge Regisseurin Mona Achache, die sich die Rechte an der Verfilmung sichern konnte, bevor der Roman mit Preisen überhäuft wurde, inszeniert die Zimmer und Gänge des Wohnhauses in all ihrer Enge als Räume ohne viele Öffnungen; die Blicke durch Fenster und Türen weiten den Blick nur wieder in andere Ecken des Hauses selbst. Die Eleganz der Madame Michel bekommt dadurch eine Ästhetik, die an Fernsehfilme erinnert.

Größer, weiter wird das Blickfeld selten einmal auf der Straße vor dem Haus – weiter hinaus kommen die Protagonisten nie, was den einengenden Charakter des Stadthauses noch verstärkt –, vor allem aber in der Wohnung von Herrn Ozu. Der frisch zugezogene Japaner möbliert seine Wohnung im Stil seiner Heimat äußerst zurückhaltend, da ist auf einmal Platz für ihn und auch für Renée Michel, sich zu bewegen. Ozu nämlich, gebildet und wohlhabend, sieht hinter die Fassade der Concierge, erkennt die Schwester im Geiste und lädt sie in seine Wohnung ein, zu Abendessen und japanischen Filmklassikern. Widerstrebend, etwas ängstlich lässt sie sich darauf ein, und natürlich entwickelt sich daraus eine vorsichtige Liebesgeschichte unter Schwierigkeiten.

Die Eleganz der Madame Michel

Mit der Ankunft von Ozu verschiebt sich der Fokus in Richtung Michels; der Japaner wird allerdings auch für andere Vorgänge im Haus zum Katalysator. Der Film, der zunächst als melancholische Komödie daherkommt, muss schließlich, um nicht völlig zu kippen, dem von Paloma in den allerersten Szenen geäußerten Vorsatz etwas entgegensetzen, sich an ihrem nächsten Geburtstag umzubringen, weil das Leben ihr keine Hoffnung lasse. Dass es Achache dennoch wagt, den leichten Ton mit dramatischen, gar tieftraurigen Momenten zu konterkarieren, macht Die Eleganz der Madame Michel allerdings erst bemerkenswert.

Die Eleganz der Madame Michel

Ansonsten bewegt sich die Erzählung oft auf allzu ausgetretenen Pfaden. Dabei bleibt insbesondere die Figur von Ozu blass, schlimmer noch: Er gerät zu einem fast exotistisch zu nennenden, romantisierenden Abziehbild des weisen, besonnenen, stoischen Asiaten. Dass Schauspieler Togo Igawa durchaus genreübergreifend und international aktiv ist, allerdings leider fast immer in Nebenrollen, gibt dieser Rolle den seltsamen Beigeschmack, sie sei mit einer Art Allzweck-Japaner möglichst wiedererkennbar besetzt worden.

Die schöne Idee des Drehbuchs (von Achache selbst verfasst), Paloma ihre Weltsicht, die ihren späteren Selbstmord erklären soll, mit einer kleinen Handkamera filmen zu lassen – anders als im Roman, wo es sich um schriftliche Aufzeichnungen handelt –, erlaubt zwar einige interessante Perspektivwechsel und ist ein hübsches Stilmittel, Achache versäumt es aber, daraus mehr als ein Gimmick zu machen.

So bleibt von diesem Film das Gefühl einer Lücke, einer Unabgeschlossenheit, die nicht nur mit dem offenen (fast schon klaffenden) Ende zu tun hat. Josiane Balasko zuzusehen allerdings, das sollte nicht vergessen werden, ist eine echte Freude.

Trailer zu „Die Eleganz der Madame Michel“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Ploppy

ein "offenes (fast schon klaffenden) Ende" hab ich nicht gesehen. Ich finde, das abzusehende (kitschige) Ende wurde ausgespart, man darf es sich selbst denken. Ein toller Film!


wehrburger

Also soviel Unsinn in einer Form habe ich selten als Filmkritik gelesen. Dieser Film ist mit seinen Schauspielern und seiner ruhige Kameraführung sehr gut gelungen. Mein Tenor lautet: Liebe,Freundschaft und Achtung jedes Menschen sind postive Erfahrungen. Selbst beim traurigen Ende dieses Filmes.


Freiburger

aber echt, die kritik ist nicht sonderlich gelungen, grade bezüglich auf das ende.
ein wunderschöner film...


Chris und Dieter

Ein toller, sehr gelungener Film!!! Wir sind begeistert!


H. Weigel

Habe heute weder einen bemerkenswerten noch einen öden Film gesehen. Klischeehafte Milieuzeichnung, verschwommene bourgeoise Zitatenflut aus Film und Roman und Leitmotive,verstreut wie Konfetti am Rosenmontag, lassen das Ende, ob offen oder nicht, ziemlich klar erkennen. Obwohl das Publikum vor allem bei spritzenden Musikklos und Schlürfen von Nudeln amüsiert ist, zeichnet sich der Film allerdings an wenigen Stellen durch subtilen Humor aus. Bemerkenswert das Spiel der jungen La Gullermic und die subtile Mimik von Josiane Balasko.

Ich werde demnächst mal "L'élégance du hérisson" lesen.


Dr. P. Wagner

Ein toller Film, am Anfang aber nur am Anfang etwas langweilig. Das nachdenkliche und Unterhaltsame kommt aber voll auf seine kosten. Das ende ist etwas tragisch und so entgültig


sb

Liebe Alle !

Film leider habe ich nicht gesehen; Das Buch ist einfach geniel, gut !
Filmkritiker sein ist ein Beruf; Ein Buch zu lesen ist keine Beruf, das ist ein Vergnügung ! Viele Grüsse an Alle aus Budapest !
sb.


Martin Zopick

Auf den ersten Blick ist es eine leise Sozialstudie über eine Annäherung von René, einer Concierge (großartig Josiane Balasko) und der elfjährigen Paloma (ebenso gut Garance Le Guillermic). Unterschiedlich vom Alter und Herkunft gehen die beiden auf einander zu. Die Concierge ist wie sie von sich selber sagt ‘alt, hässlich und ruppig‘. Auch wenn sie es weit von sich weisen würde, ist sie etwas besonders. In einem kleinen Hinterzimmer hat sie eine Bibliothek und liest viel.
Auch das Verhältnis von Madame Michel zu Herrn Ozu (Togo Igawa), einem älteren japanischen Hausbewohner wird mit viel Einfühlungsvermögen beschrieben. Hier schwingt eine anrührende menschliche Saite mit, die das erschreckende Ende dann noch viel schlimmer macht. Zu Beginn beschließt Paloma, sich an ihrem nächsten Geburtstag das Leben zu nehmen. Aber der Sensenmann hat andere Pläne…
Durch Animation von beweglichen, gezeichneten Bildern der kleinen Paloma und der Reise ihres Goldfisches durch die Kanalisation wird der märchenhafte Charakter des Films unterstrichen, sodass andererseits der Schluss wieder erträglich wird.
Eine gelungene Romanverfilmung mit eindrucksvollen Schauspielern und einer Handlung, die auf der einen Seite in der Realität steht, wo es Derbes aber auch Anrührendes zu erleben gilt und auf der anderen Seite auf Dinge hinweist, die auf der Metaebene anzusiedeln sind und jenseits des Diesseitigen liegen. Denn die Eleganz der Madame ist nicht von dieser Welt…
Und so sind wir aufmerksam dabei oder auch amüsiert, werden nachdenklich oder auch am Ende gar aufgeschreckt.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.