Days of Gray

Ohne Worte: Mit ihrer komplett dialogfreien Kindergeschichte, die zugleich als politische Parabel fungiert, ist Ani Simon-Kennedy ein atemberaubender Debütfilm gelungen.

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Sprachlos. Tyrannei macht Menschen sprachlos, sie raubt ihnen die Mitsprache, nimmt ihnen ihre (Wahl-)Stimme. Esteban Sapirs grandioser Neo-Stummfilm The Aerial (La Antena, 2007) übersetzte diese These in schwarzweiße Bilder und einen explizit politischen Plot, in dessen Fokus zwei Kinder standen. Die junge Amerikanerin Ani Simon-Kennedy wählt nun in Days of Gray (2013) dasselbe Thema und setzt ebenfalls auf sehr junge Protagonisten. Allerdings bleibt die politische Ebene bei ihr eher implizit: Sie rückt das Tyrannische im Privaten in den Mittelpunkt, arbeitet mit farbigen (wenn auch oft zu Grautönen entsättigten) Bildern und pflanzt die Geschichte nicht in eine Großstadt, sondern in die endlos weiten Tundra-Landschaften Islands.

Das Haus ohne Sprache

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Dort – zwischen Moos, Sand und kargen Felsen – steht ein einsames rustikales Holzhaus, durch das der Wind pfeift. Ein vielleicht zehnjähriger Junge (Davið Laufdal Arnarsson) lebt darin mit seiner jüngeren Schwester, der Mutter und der strengen Großmutter. Sie alle tragen weiße Kleider, werkeln beständig am Haus herum und essen farbige, mit Wasser aufgegossene Quarzkristalle. Ein enges, zärtliches Band verbindet den Jungen mit seiner Schwester (Viktoría Rós Antonsdóttir) – die beiden spielen miteinander, trösten sich gegenseitig, holen jeden Tag gemeinsam Wasser vom Strand. Wenn der zumeist abwesende Vater mal zu Hause ist und sich Dias mit einem per Handkurbel betriebenen Projektor ansieht, guckt der Junge heimlich zu – durch ein Loch in der Wand. Wir beobachten ihn, wie er seinen Vater und dessen Bilder beobachtet. Eine schöne Metapher für die Filmkunst und den privilegierten Blick in ihrem Zentrum.

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Gesprochen wird in dieser Welt nicht. Mehr noch: Sobald jemand das Haus verlässt, muss er sich einen Mundschutz aus Metall umbinden, einen Maulkorb. Wie so mancher Schutzvorrichtung, so wohnt auch diesem Utensil eine ambivalente Dialektik inne: Die Maske soll den Träger vor Gefahren bewahren. Zugleich aber entwickelt sich der Mundschutz zum Symbol der Unfreiheit. Denn welche Autorität ihn auch vorschreibt – sie meint, die Bedrohlichkeit der Welt besser beurteilen zu können als der Träger und unterdrückt damit dessen Selbstbestimmung. Worin genau die Bedrohung besteht, bleibt in Days of Gray zwar offen, nahe liegt jedoch eine öko-dystopische Deutung (Umweltkatastrophe, Atomkrieg). Entscheidender mag aber ohnehin die Frage sein, wie real die Gefahr überhaupt ist. Denn wie Giorgos Lanthimos’ Dogtooth (Kynodontas, 2009) – ein weiterer auf die Tyrannei im Privaten konzentrierter Film, der sich als politische Befreiungs-Parabel lesen lässt – oder auch M. Night Shyamalans unterschätzter Horrorfilm The Village (2004) gezeigt haben, ist die Gefahr mitunter konstruiert und der gut gemeinte Schutz davor gefährlicher als die Bedrohung selbst.

Die Angst als Lehrmeister

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Während die Ursache für die Schutzmaßnahmen in Days of Gray ungenannt bleibt, ist die Wirkung eindeutig: Angst und Strafen beherrschen das Denken der Menschen. Seinen Ball versteckt der Junge sofort, sobald ein Erwachsener das Zimmer betritt. Als der Vater ein Musikinstrument findet, mit dem sein Sohn heimlich spielt, wird es verbrannt. Und der Vater schnürt Riemen um die Arme des Jungen – sie schneiden sich in sein Fleisch und hinterlassen schmerzhafte Druckstellen. Ein einziges Mal dringt eine höhere Instanz der Macht in diese abgeschiedene Welt vor: Ein Arzt besucht die Familie, unterzieht jedes Mitglied einer eingehenden körperlichen Untersuchung, hantiert dabei mit Waffen-ähnlichen Instrumenten und zeigt am Ende eine Art Lehrfilm, der mit drastischen Bildern davor warnt, den vorgeschriebenen Mundschutz nicht zu tragen. Bald darauf fallen dem Jungen einzelne Zähne aus – ein Vorgang, von dessen Natürlichkeit er nichts zu wissen scheint und in dem er deshalb eine metaphysische Strafe zu erkennen glaubt.

Freilich ist der Ausfall der Milchzähne ein erster Schritt zum Erwachsenwerden und damit zur Selbstständigkeit und Loslösung von der Familie, die nicht selten durch die Liebe beschleunigt wird. Und so taucht folgerichtig bald ein Mädchen (Diljá Valsdóttir) in der grauen Welt des Jungen auf: ein sehr bunt gekleidetes Mädchen, dessen Gesicht hässliche Narben zieren, die gerade deshalb so gut zu sehen sind, weil es keinen Mundschutz trägt. Wie eine Wilde haust es in einer Felsenhöhle – darin dem Bergmädchen aus Guy Maddins Careful (1992) nicht unähnlich, insofern es als Ausgestoßene dazu dient, das Andere einer Zivilisation zu repräsentieren und der Gesellschaft so erst die Selbstkonstitution über die Abgrenzung von einem Fremden zu ermöglichen.

Das Grau muss weichen

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Die ersten Szenen, in denen das Mädchen anwesend ist, spielen im düsteren Dämmerlicht und sind von einem bedrohlichen Klangteppich unterlegt. Die Kamera übernimmt die beobachtende Perspektive des Mädchens, das den Jungen und seine Familie sieht, selbst jedoch nicht gesehen wird. Doch später, als sich die beiden Kinder näher kennenlernen, grüßen sie gemeinsam die strahlende Sonne, und der Soundtrack des Films nimmt erstmals Tempo auf. Licht, Farbe, Musik und Tanz dringen in das Grau ein und stellen sich der fahlen Monochromie und der stillen Monotonie entgegen. Wenn Days of Gray gegen Ende von einer Dystopie in eine Utopie kippt, mag die Beschwörung der Freiheit ein wenig pathetisch ausfallen: Kinder als Ursprung einer besseren Zukunft, einer emanzipierten Gesellschaft.

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Insgesamt aber erweist sich Ani Simon-Kennedy als Meisterin der Subtilität, die den Mut hat, auf Emphasen zu verzichten. Die Mechanismen der Unterdrückung legt sie nicht mit dem dramatischen Gestus der Anklage offen, sondern mit Understatement: Der Junge leidet nicht demonstrativ, sondern still und verborgen. Sein Vater wird nie zum Tyrannen stilisiert, sondern zeigt neben strenger Autorität auch immer wieder seine liebevolle, ja zärtliche Seite. Der um ein Leitmotiv gewobene Soundtrack der isländischen Band Hjaltalín begleitet die Bildsprache, anstatt sie zu determinieren. Und nicht zuletzt fallen auch Simon-Kennedys Verfremdungseffekte eher niedrigschwellig aus – ob es die entsättigten Farben sind, der surreal anmutende Mundschutz oder die komplette (aber nie ausgestellte) Abwesenheit von Sprache. Diese stilsichere Zurückhaltung eines extrem ökonomischen Regie-Debüts erschafft nicht nur eine stumme, betörend schöne Welt auf der Leinwand, sondern auch eine stille Bewunderung im Kinosaal: schweigen und genießen.

Trailer zu „Days of Gray“


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