Das Venedig Prinzip

Mit den Mitteln der klassischen Reportage zeigt Andreas Pichler in seinem sehenswerten Dokumentarfilm die Ursachen für den unvermeidlichen, selbstverschuldeten und tragischen Untergang von Venedig.

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Das erste Bild ist harmlos, das zweite schon nicht mehr. Andreas Pichler zeigt zu Beginn seiner Dokumentation Das Venedig Prinzip in der Luft schwebende Möwen. Doch mit der Idylle hält er sich nicht lange auf. Als nächstes sehen wir ein Bauschiff, das für Touristen umfunktioniert wurde, die nun darin, dicht gedrängt, durch die Kanäle Venedigs befördert werden. Von wegen Gondel-Romantik. Dann folgen Menschenmassen und ein Busparkplatz; per Zeitraffer wird schnell deutlich um welche Dimensionen es hier geht: Durchschnittlich 60.000 Touristen kommen jeden (!) Tag nach Venedig, eine Stadt, die heute, mit stark abnehmender Tendenz, noch 58.000 Einwohner hat.

Was das für Venedig bedeutet, dafür findet Tudi Sammartini, eine der fünf Protagonisten des Dokumentarfilms, die treffendsten Worte: „Die totale Verarschung!“, sagt sie angesichts der riesigen Kreuzfahrtschiffe, die sprechende Namen wie „MSC Magnificia“ tragen und aus denen die Menschenmassen strömen. (Die Vibrationen der Motoren schaden ganz nebenbei auch den alten Mauern, die solch einem Verkehr nicht gewachsen sind.) Tudi, eine ältere Dame, sagt auch, dass sie den Markusplatz nur nachts besucht, weil tagsüber dort „nur Barbaren sind“. Den größten Teil ihres Hauses vermietet sie an Touristen, notgedrungen, wie viele Venezianer das tun.

Wenn sie nicht ohnehin die Stadt verlassen, weil es keine bezahlbaren Wohnungen mehr gibt. Flavio transportiert mit seinem Lastkahn Möbel und hat schon unzählige Umzüge von Venedig auf das Festland organisiert. Gegen Ende des Films fährt er seine eigenen Möbel fort, in eine Hochhaussiedlung in Mestre.

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Andreas Pichler hat für seinen Film solche und andere Beispiele zusammengetragen, die alle auf die bittere Wahrheit hinauslaufen: Venedig wird unbewohnbar. Der Immobilienmarkt wird sich selbst überlassen, bei der Luxusrenovierung von Gebäuden wird gepfuscht (Kronzeuge dafür ist ein kompetenter, engagierter Makler, der an den Zuständen zunehmend verzweifelt und den Glauben an seine Profession verliert). Städtische Einrichtungen wie Kindergärten und ärztliche Versorgung schließen. Venedig werde zu Disneyland, heißt es einmal.

Das Venedig Prinzip fügt seine Argumentation sorgfältig zusammen, mit Bildern, die das verrutschte Verhältnis zwischen der Stadt und der gigantomanischen Tourismusindustrie eindrücklich illustrieren: die Kreuzfahrtschiffe, die sich in unmittelbarer Nähe der Stadt erheben, als wären sie Bausünden aus einer fernen Epoche; die so schönen Postkartenansichten Venedigs, die immer wieder gebrochen werden. Pichler verzichtet auf einen Off-Kommentar. Man hört diesen Menschen, die sich um ihre Stadt sorgen, gern zu und kann ihre Verzweiflung, auch ihre Wut, ihre hilflose Entrüstung gut nachvollziehen. Besser kann man sich die Lust auf einen Urlaub in der vermeintlich schönsten Stadt der Welt nicht verderben lassen.

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Oder Urlaub ganz allgemein. Der Film bleibt eng bei seinem Thema, aber in einem Statement im Presseheft macht der Regisseur deutlich, dass er den Bogen weiter spannt. Er sieht in Tourismus und Immobilienspekulation die treibenden Kräfte hinter der radikalen Veränderung vieler Städte. Venedig ist da nur ein besonders plastisches, besonders tragisches Symbol.

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