Das Fest des Ziegenbocks

Luis Llosa spürt den Machtstrukturen in der Dominikanischen Republik um General Trujillo nach und inszeniert den Bestsellerroman des peruanischen Autors Mario Vargas Llosa als tränenseligen Politthriller.

Das Fest des Ziegenbocks

Vielleicht ist Lateinamerika uns Deutschen näher als manch europäischer Staat. Zumindest eine Geschichte der Diktaturen teilen wir mit vielen Ländern jenseits des Atlantiks. So mag es auch kein Zufall sein, dass Das Fest des Ziegenbocks, der im Januar 2007 in die Kinos kommt, ausgerechnet hier, auf der Berlinale, seine Uraufführung hatte und dass auch der peruanische Schriftsteller und ehemalige Präsidentschaftskandidat Mario Vargas Llosa die historischen Hintergründe zu seinem gleichnamigen Diktatorenroman, auf dem der Film basiert, mit einem DAAD-Stipendium am Iberoamerikanischen Institut Berlin recherchierte.

Ungefähr an dieser Stelle enden dann aber die Gemeinsamkeiten. Nur schwerlich könnte ein Film in Deutschland diesen erschreckenden Tanz, diesen Reigen der Gewalt, Sexualität und Selbstherrlichkeit, eben dieses „Fest eines Ziegenbocks“, in seiner ganzen karnevalesken Absurdität zeichnen und zugleich die eigene Historie in Form eines melodramatischen Politthrillers voll trivialer Sentimentalitäten erzählen.

Das Fest des Ziegenbocks

Roman wie Film schildern die Trujillo-Ära von 1930-1961 in der Dominikanischen Republik, als der „Generalissimus“ Rafael Leónidas Trujillo y Molina an der Spitze eines Apparates von Militärs, Staatsmännern und Geheimdiensten mit uneingeschränkter Gewalt die Tugenden der Disziplin bis zur Selbstaufgabe, der Pünktlichkeit und Manneskraft einforderte. Keine Diktatur „eignet“ sich so gut, einen rauschenden Film daraus zu machen, wie diese, bezeichneten doch schon die Zeitgenossen das Regime mit seinen prunkvollen, barock anmutenden Festen, seinen Intrigen und Machenschaften zwischen Männern, die heute zum engsten Kreis der Macht gehören und morgen in Ungnade fallen konnten, als „Operettenstaat“. Teilweise ist es dieser Tatsache geschuldet, dass der Film so ist, wie er ist, teilweise auch der Buchvorlage – der internationale Bestseller liest sich ohnehin wie ein Politthriller, und die Dialoge eignen sich bestens für einen Hollywoodfilm.

So hält sich der Regisseur Luis Llosa, der sich bisher mit Filmen wie Anaconda (1997) oder Mörderischer Amazonas (Fire on the Amazon, 1993) dem Trivial-Genre verschrieben und ansonsten hauptsächlich Fernsehserien produziert hatte, denn auch sehr eng an die Romanvorlage. Die meisten Dialoge sind eins zu eins übernommen, ebenso wie Aufbau und Struktur der Handlung. Die Geschichte wird hauptsächlich aus der Perspektive der historisch nicht verbürgten Figur Urania Cabral (Isabella Rossellini) erzählt, der Tochter des Ministerpräsidenten Agustín Cabral, genannt „Cerebrito“ („Köpfchen“), einem engen Vertrauten Trujillos, der aus ihm unerfindlichen Gründen von einem Tag auf den anderen in Ungnade fällt. Nach über dreißig Jahren der Abwesenheit, während der die junge Frau im US-amerikanischen Exil als Juristin bei der UN Karriere machte, kehrt sie in ihr Heimatland zurück und besucht ihren an den Rollstuhl gefesselten und der Sprache nicht mehr mächtigen, gebrochenen Vater. Rückblenden aus der Perspektive der verschiedenen Beteiligten erzählen die historischen Ereignisse und die entsetzlichen Machenschaften, die die junge „Uranita“ für immer von ihrem geliebten Vater entzweiten und in eine kalte Zynikerin verwandelten. Die persönliche Geschichte lässt keine einzige tränenrührende sentimentale Identifikation mit dem unschuldigen kleinen Mädchen oder dem vom Schicksal gebeutelten, bemitleidenswerten Vater mit den einst so stechenden blauen Augen (Paul Freeman) aus.

Das Fest des Ziegenbocks

In der Figur des Ziegenbocks – die Einwohner der Dominikanischen Republik gaben dem Diktator diesen Beinamen – sind alle symbolischen Anklänge, die sich daran knüpfen, vom „geilen Bock“ über den Leibhaftigen auf dem Thron bis hin zum Opfertier des Schlachtfestes der Regimegegner präsent. Film wie Roman geben den Diktator (Tomas Milian) mit einer an Thomas Pynchon erinnernden karnevalesken Vermischung von sexuellem und sonstigem Stehvermögen der Lächerlichkeit preis. Die ganze Diktatur – ein einziges Fest der Verführung, Vergewaltigung und Demütigung, ein Mensch-ärgere-dich-nicht mit Menschen als Spielfiguren. Mal wird einer rausgekickt, man lacht darüber. Dem hab´ ich´s gegeben. Ein unglaublicher Mummenschanz – wenn es dabei keine Hinrichtungen gegeben hätte.

Es wirkt verstörend, dass sich der Wille zum Widerstand Film und Buch zufolge letztlich mehr aus persönlichen Demütigungen der aus dem Zentrum der Macht Ausgeschlossenen formiert als aus politischer Überzeugung. Es erbittert, wie wenig Gedanken sich die Beteiligten des Schlachtfestes um die Überleitung der Macht, die Stabilisierung der Verhältnisse nach dem Tyrannenmord machen, beziehungsweise als wie brüchig sich ihre Pläne erweisen. Der Roman arbeitet noch klarer heraus, wie das Machtvakuum nach einer Phase des gegenseitigen Abschlachtens und Bürgerkriegs unter Intervention der USA zu einem Übergang des Regimes in die Hände des Trujillo-nahen unscheinbaren Taktikers Joaquín Balaguers (Pericles Mejía) führt, eines weiteren „Marionettenpräsidenten“, wie er in Lateinamerika betitelt wurde. In der für das Medium Film typischen Verknappung genügen einige markante Bilder, um darzustellen, wie Balaguer sich fast spielerisch auf Trujillos Stuhl setzt, nur mal so probeweise, und tatsächlich mehrere Wahlperioden lang als „wahrer“ Erbe des Diktators dort sitzen bleibt.

Das Fest des Ziegenbocks

Alles in allem bleibt Das Fest des Ziegenbocks jedoch ein konventionell erzählter, höchst melodramatischer Historienfilm, der den Betrachter in den Bann schlägt und auf seine Weise irgendwie funktioniert, aber die Wurzeln des Regisseurs im sentimentalistischen Abenteuergenre keineswegs verbergen kann. So sind es wohl hauptsächlich die Familienbande, die Luis Llosa zum Fest des Ziegenbocks gebracht haben. Der Regisseur ist nämlich ein Cousin des Erfolgsautors. Auch die Nichte des peruanischen Schriftstellers hat sich dem Kino verschrieben. Claudia Llosa erhielt kürzlich für ihr Debütwerk Madeinusa mehrere Festivalpreise. Vielleicht hätte Mario Vargas Llosa den Stoff ihr überlassen sollen.

Kommentare


Martin Zopick

Ein Vater-Tochter Drama vor politischem Hintergrund. Ein Vater bietet einem Diktator (Tomas Milian), den seltsamerweise alle ‘Chief‘ nennen, seine Tochter Uranita (Stephanie Leonidas) an, um zu überleben. In Rückblenden wird das Drama erzählt, das 30 Jahre zurückliegt. Das Zusammentreffen der beiden nach so langer Zeit zeigt welche Spuren das Ereignis hinterlassen hat. Die Tochter (Isabelle Rossellini) ist immer noch traumatisiert und unverheiratet geblieben, ihr Vater (Paul Freeman) kann nicht sprechen und sitzt gelähmt im Rollstuhl. Der grausame Umgang mit Dissidenten wird ebenso gezeigt, wie die Möglichkeit eines schnellen Aufstiegs für besonders erfüllungsbereite Schergen. Dem ‘Chief‘ geht es außer um junge Mädchen noch um Ordnung und Frieden. ‘Und bezahlt wird mit Blut! ‘, sagt er.
Die Untat selber wird zwar ausführlich, aber eher abstoßend ins Bild gesetzt. Man spürt die Angst von Uranita, sowie den Ekel vor dem geilen alten ‘Bock‘. Heute kann sich der Vater nicht mehr entschuldigen und Urania kann ihm nicht verzeihen. Man kann den Übeltäter nur umbringen. Auch die Ausreden und Entschuldigungen der Verwandten werden vorgebracht.
Hier werden die Emotionen angesprochen nicht so sehr die Spannung. Die menschliche Tragik eines unverzeihlichen Verbrechens egal aus welchen Motiven heraus es begangen wurde.






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