Crime d'amour
Der französische Altmeister Alain Corneau wiegt seine Zuschauer eine Stunde lang in Sicherheit – und wirft sie dann in einen völlig anderen Film.
Büro ist Krieg. In dieser schlichten Sentenz lässt sich die Prämisse zusammenzufassen, auf der Alain Corneau, der 67-jährige Altmeister der französischen Kriminalfilms, seinen 16. Spielfilm Crime d’amour aufbaut. Kombattanten sind in diesem Fall zwei Frauen, die gemeinsam in einem multinationalen PR-Konzern Strategien zum Produktmarketing entwerfen, dabei mit gigantischen Summen jonglieren und um hohe Posten wetteifern. Die ältere Christine (Kristin Scott Thomas) ist die Chefin, die jüngere Isa (Ludivine Sagnier) arbeitet ihr zu, beide gemeinsam haben beträchtlichen Erfolg. Das geht allerdings nur so lange gut, bis Isas Assistent Daniel dieser mitteilt, dass die egozentrische Christine die Ideen der Untergebenen als ihre eigenen ausgibt und sie somit nur als Werkzeug und nützliches Sprungbrett zur ersehnten Beförderung benutzt.
Als Isa kurz darauf in ein ebensolches Gespräch hineinplatzt, erwartet sie nur ein spöttischer Blick der Vorgesetzten und die Bemerkung, sie würde doch hoffentlich ebenso handeln. Von diesem Moment an sind beide Frauen durch Misstrauen und zunehmende Feindseligkeit getrennt, und aus kleinen Gemeinheiten werden schnell komplexere Intrigen, die immer skrupelloser auf die Zerstörung der jeweiligen Antagonistin abzielen. In aller Ruhe entwickelt Corneau dieses Sujet, und im Grunde scheint es auch die gesamte erste Hälfte von Crime d’amour lang so, als würde die Eskalationsdramaturgie des Plots nun unbeirrt und ungebrochen bis zur letzten Konsequenz ablaufen. Man hat derlei durchaus schon zuvor gesehen im Kino, ins Groteske übersteigert etwa in Yukihiko Tsutsumis begnadet derangiertem Duellfilm 2LDK. Alain Corneau aber ist zu schlau dafür, sein Publikum so überraschungsfrei davonkommen zu lassen.
Stattdessen platziert er in der Mitte von Crime d’amour eine Bruchstelle, die den gesamten Film noch einmal gewissermaßen in Stücke schlägt und neu zusammensetzt: Erzählstrukturen und Identifikationsangebote müssen an diesem Punkt der Erzählung noch einmal ganz neu geordnet werden. Als Ausdruck von Corneaus Virtuosität als Erzähler kann dabei gelten, wie er diesen Bruch arrangiert: Im Grunde verlässt er seine Eskalationsdramaturgie noch nicht einmal, sondern überspringt lediglich mehrere Stufen, was zunächst einen beträchtlichen Überraschungseffekt bewirkt – und schließlich die anderenorts meist mit der Präzision eines Uhrwerks ablaufende Ereigniskette aufbricht, kurzschließt und damit deren als ehernes Genreprinzip unverzichtbare Zwangsläufigkeit in Frage stellt.
Die zwar allmählich, aber sehr bestimmt nach vorn drängende Erzählstrategie der ersten Filmhälfte bricht somit nach einer knappen Stunde einfach ab, und die Erzählhaltung der zweiten Hälfte ist, auch durchaus unter Zuhilfenahme einer Reihe von Rückblenden, eher rückwärts gerichtet. Da entfaltet Corneau zunehmend ein anderes Genretopos, das des scheinbar perfekten Mordplans, von dem er uns zunächst nur Bruchstücke vor Augen führt, die wir noch nicht zu verknüpfen imstande sind. Mit diesem Kunstgriff gelingt es ihm, den zunächst noch von der glatten Geradlinigkeit von Erzählung und Inszenierung in Sicherheit gewiegten Zuschauer dezent, aber grundlegend zu verunsichern – und eben deshalb umso nachhaltiger an sich und seine dramaturgischen Kniffe zu binden. Crime d’amour ist ein geschliffener, perfektionistischer Film, konsequent bis zur letzten, bösen Pointe.
Filmkritik von Jochen Werner
Veröffentlicht am 20.08.2010
Kommentare zu Crime d'amour
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Crime d'amour. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Crime d'amour
Internationaler Titel: Love Crime
Frankreich 2010
Laufzeit: 106 Minuten
Regie: Alain Corneau
Drehbuch: Alain Corneau
Produktion: Saïd Ben Saïd
Bildgestaltung: Yves Angelo
Montage: Thierry Derocles
Darsteller: Kristin Scott Thomas, Ludivine Sagnier, Mike Powers, Patrick Mille, Gérald Laroche, Guillaume Marquet
Copyright Crime d'amour
Fotos: © Fantasy Filmfest / TF1
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - schon jetzt mit Trailern und Vorab-Infos zu den Filmen! www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Aktuelle Filme
The Firm
R: Alan Clarke
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Boardwalk Empire
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Neu im Kino
02.02.2012
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Moneyball
R: Bennett Miller
26.01.2012
Michael
R: Markus Schleinzer
26.01.2012
Ein riskanter Plan
R: Asger Leth
Arirang - Bekenntnisse eines Filmemachers
R: Kim Ki-duk
The Artist
R: Michel Hazanavicius
Drive
R: Nicolas Winding Refn
Demnächst im Kino
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Aktuell im TV
Motel
Mi 08.02, 22:10 Uhr, Kabel Eins
Waltz with Bashir
Nacht von Mi auf Do, 08.02-09.02., 02:00 Uhr, arte
Berlin is in Germany
Do 09.02, 20:45 Uhr, kultur (ZDF digital)
Metropolis - restaurierte Fassung
Do 09.02, 21:00 Uhr, 3sat
Spur der Steine
Fr 10.02, 22:25 Uhr, 3sat



















