Bye Bye Blackbird

Das Spielfilmdebüt des Fotografen Robinson Savary erzählt in hyperstilisierten Bildern die Geschichte eines Wanderarbeiters, der in einem Zirkus als Akrobat zu arbeiten beginnt.

Bye Bye Blackbird

Bereits in der Stummfilmzeit diente der Zirkus und ganz speziell der Zirkusakrobat als Zeichen einer nicht allzu genau präzisierten poetisch-melancholischen Weltanschauung. In Charlie Chaplins sentimentalem vierten Spielfilm Der Zirkus (The Circus, 1928) befinden sich die entsprechenden Stereotype bereits in voller Blühte. Seither griffen immer wieder neue Regisseure, von Federico Fellini (Das Lied der Straße, La strada, 1954) bis Wim Wenders (Der Himmel über Berlin, 1987) auf der Suche nach der „Magie des Kinos“ auf die alten Klischees zurück und nutzten sie mal mehr, mal weniger originell für die eigenen Zwecke.

Dass die gute alte Rummelplatzunterhaltung zumindest auf der Leinwand den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft hat, bewies zuletzt Anfang dieses Jahres Mika Kaurismäkis Honey Baby (2005), in welchem die Protagonisten sich einem osteuropäischen Wanderzirkus anschlossen. Auch das Spielfilmdebüt des französischen Fotografen Robinson Savary folgt der Tradition Chaplins und Fellinis. Die Verbindung zu ersterem wird zusätzlich durch eine Personalie erhärtet: Die Hauptrolle in Bye Bye Blackbird ist mit James Thiérrée, dem Enkelsohn des berühmten Komikers besetzt.

Bye Bye Blackbird

Thiérrée spielt Josef, einen ehemaligen Gerüstarbeiter, der nach einem tragischen Unfall eines Kollegen in einem Zirkus zu arbeiten beginnt. Obwohl er eigentlich nur für einfache Arbeiten engagiert wurde, wird der Direktor Lord Dempsey (Derek Jacobi) bald auf die außergewöhnliche Körperbeherrschung der Aushilfe aufmerksam. Josefs Traum wird war: Gemeinsam mit der von ihm vergötterten Alice (Izabella Miko), der Tochter Lord Dempseys, darf er seine Trapezkünste einem zahlenden, enthusiastischen Publikum vorführen. Doch bald wird ein weiterer tragischer Unfall das neu gewonnene Glück Josefs zerstören...

In Bye Bye Blackbird gibt es nichts als den Zirkus. Der größte Teil der Handlung findet innerhalb eines großen, altmodischen Zeltes statt, das von der Außenwelt hermetisch abgeschlossen zu sein scheint. Die Stadt, in welcher das Spektakel gastiert, wird – wenn überhaupt – nur als gemalter Hintergrund ins Bild gesetzt. Diese Beschränkung auf einen genau definierten Handlungsraum ist Teil eines rigiden Stilkonzepts, über welches sich Savarys auf der Handlungsebene nicht allzu originelles Werk zu weiten Teilen definiert.

Bye Bye Blackbird

Savary und sein Kameramann Christophe Beaucarne entwerfen eine komplett artifizielle Welt, die historisch am Beginn des 20. Jahrhundert situiert zu sein scheint, jedoch keinerlei Zeichen der sozialen Wirklichkeit dieser Epoche trägt. Der künstlerische Anspruch des Werkes wird vor allem in den atemberaubend inszenierten Trapezchoreografien deutlich, für deren Ausgestaltung James Thiérrée selbst verantwortlich war. In diesen Sequenzen – die mit Abstand eindrucksvollste findet sich fast genau in der Mitte des Films – gelingt es Bye Bye Blackbird spielerisch, sein eigenes Sujet zu transzendieren. Wer im Kino vor allem an visuellen Bravourstücken interessiert ist, wird alleine aufgrund der oben erwähnten Sequenz mit Savarys Film voll und ganz zufrieden gestellt werden.

Allerdings nehmen die Trapezszenen insgesamt nur einen vergleichsweise kleinen Teil des Werkes ein. Die Liebesgeschichte, in die neben Josef und Alice auch noch letzterer Schwester Nina (Jodhi May) verwickelt ist und die die Handlung Bye Bye Blackbirds vorantreibt, wird trotz der durchweg hervorragenden Besetzung mit weit weniger Elan inszeniert als die Zirkusnummern. Auch die im letzten Drittel des Films verstärkt anzutreffende, etwas zu deutlich an die Filme Jean Cocteaus erinnernde Tendenz Savarys, seine Bilder in einem unsicheren Stadium zwischen Traum und Wirklichkeit zu belassen, führt nicht immer zum gewünschten Ergebnis: Statt eine mystische Parallelwelt zu evozieren, erwecken die kalkuliert poetischen Bildideen bisweilen den Eindruck seichten, opportunistischen Kunsthandwerks.

Freilich: Lässt man sich von solchen Durststrecken nicht abschrecken, wird man mit einigen der schönsten Bilder des Kinojahres belohnt. Immerhin dazu ist der Zirkus auch fast achtzig Jahre nachdem Chaplins Tramp die Stummfilmarena in Aufruhr versetzte, noch in der Lage.

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