Axolotl Overkill

Rauchen im KZ, Sex mit Minderjährigen, Koksen als Hobby: In ihrem ersten Spielfilm lebt Helene Hegemann ihre Provokationslust aus und inszeniert Berlin als Sündenpfuhl voller kaputter Existenzen.

„Vielleicht bräuchten wir ja doch einen Führer“, meint die 16-jährige Mifti (Jasna Fritzi Bauer) zu ihrem Lehrer, der seine aufmüpfige Klasse beim KZ-Besuch nicht gebändigt bekommt. Fast glaubt man in diesem Moment, Regisseurin Helene Hegemann neben sich zu spüren, zwinkernd und einem in die Rippen stoßend: „Du verstehst schon: KZ, Führer, hihihi.“ Was für ein Schenkelklopfer!

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Helene Hegemann, Jahrgang 1992, hatte 2010 mit ihrem Roman Axolotl Roadkill für Furore gesorgt – einerseits wegen des großen kommerziellen Erfolges, andererseits, weil sie das Buch teilweise aus Texten anderer Autoren zusammengebastelt hat, ohne die betreffenden Stellen als Zitate zu kennzeichnen. Einige Literaturkritiker verteidigten sie mit dem Hinweis, Collagen seien eine ebenso übliche wie legitime Form postmoderner Kunstwerke. Die Schriftstellerin selbst entschuldigte sich aber später für ihr „gedankenloses und egoistisches“ Vorgehen. Sieben Jahre später ist aus der Autorin eine Regisseurin geworden, die ihr eigenes Werk unter dem leicht geänderten Namen Axolotl Overkill verfilmt hat.

Ein Lurch als schiefe Metapher

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Dem titelgebenden Axolotl, einem „Schwanzlurch aus der Familie der Querzahnmolche“, wohnt durchaus eine metaphorische Kraft inne: Das Tier wird nie richtig erwachsen. Das wäre nun beispielsweise ein schönes Symbol für die urbanen Thirtysomethings der Generation Y. Doch erstens reißt der Film diese Metaphorik nur kurz an – und zweitens ist fraglich, ob sie zu der Geschichte von Mifti passt, schließlich kann man einer 16-Jährigen kaum vorwerfen, dass sie sich immer noch nicht wie eine Erwachsene verhält. Allenfalls für einige Nebenfiguren könnte das daueradoleszente Tier ein treffendes Bild sein.

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Mifti leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, seit ihre Mutter gestorben ist. Der reiche Vater kümmert sich lieber um Kunst als um seine drei Kinder, die gemeinsam in einer Berliner WG wohnen. Wenn Mifti die Schule gerade mal nicht schwänzt, fällt sie dort durch Aggressionen auf. Ihre Schwester schickt sie deshalb zur Psychotherapie, doch die Psychologen – noch so ein subtiler Witz – lassen Mifti nur Bäume malen oder klagen über die negativen Schwingungen, mit denen der Teenager die Feng-Shui-Balance der Praxis aus dem Gleichgewicht bringt.

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Halt- und orientierungslos lässt sich Mifti durch ein Berlin treiben, das Hegemann als Sündenpfuhl voller kaputter Existenzen skizziert, die sich durch Drogen- und Sexexzesse betäuben, um der Leere und Kälte ihres Lebens zu entfliehen. Zu profunden emotionalen Beziehungen ist hier niemand fähig. Das könnte man als Entmythisierung jenes Berliner Freiheitsversprechens lesen, dem seit der Wende Hunderttausende Menschen gefolgt sind. Gleichzeitig aber lädt diese Inszenierung von Berlin als verrucht-hedonistischem Moloch einen neuen, düster-nihilistischen Mythos auf.

Filmen für die Generation Smartphone

Hegemann stellt sehr gern den Schauwert ihrer Bilder aus: Hier laufen Alpakas durch Friedrichshain, da hüpft ein Pinguin durch den Berliner Altbau, dort steht ein Einhorn im Wald. Visuell sind das durchaus gelungene Verfremdungseffekte – ob dahinter aber mehr steckt als bloßes Spektakel, bleibt so manches Mal offen.

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So wirkt Axolotl Overkill häufig, als sei er für Zuschauer mit Aufmerksamkeitsdefizit gedreht worden, die jederzeit den Blick abwenden könnten, weil Facebook, Twitter oder WhatsApp das Handy vibrieren lassen: Hegemann würfelt lesbischen Sex mit einer Minderjährigen, hysterisches Geschrei und eine faszinierende, aber völlig vom Rest des Films losgelöste Tanzszene wild durcheinander. Im Nachtclub flackert stroboskopisches Licht, junge Körper verbiegen sich in perfekt getimten Choreografien, auf der Toilette wird gekokst. Und wenn Mifti mal eine Minute still sitzt und gedankenverloren raucht, hält die Kamera diese Ruhe nicht aus und rennt wie getrieben hin und her.

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Hegemann moduliert kaum, ihr Film ist – wie die Protagonistin – stets mit viel Tempo und Lärm unterwegs. Ihr auf ständige Höhepunkte getrimmtes Skript und die mitunter brachial-disruptive Montage fügen sich dabei in eine zeitgenössische Online-Logik ein, in der ein ständiger Wettbewerb um Aufmerksamkeit stattfindet und folgerichtig oft schwere Munition aufgefahren wird. Wenn Filme immer häufiger nebenbei und auf Handybildschirmen rezipiert werden, ist für Subtilität wenig Platz – entsprechend lässt Hegemann gleich mehrere Personen zehnmal am Stück „Fuck you!“ schreien. Die Folge ist, dass der Plot gelegentlich wie eine willkürlich herumspringende, effekthascherische Abfolge von surrealen Szenen, gezielten Provokationen, arg bemühten Witzen und gestelzten Dialogen wirkt.

Provokation als Selbstzweck

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Dieser Dauerangriff auf die Sinne nervt zwar, aber entbehrt nicht einer gewissen Konsequenz. Problematisch wird es dagegen, wenn Hegemann die psychischen Störungen Miftis und anderer Figuren verharmlost, indem sie sie als Entertainment-Faktor nutzt – und vor allem wenn sie sexuelle Gewalt wiederholt für billige Witze missbraucht: Der Film offenbart eine seltsame Obsession mit dem Thema Vergewaltigung. Die Schulrektorin fragt an einer Stelle lapidar: „Hast du Probleme mit den Leuten hier? Sind es die Lehrer? Oder hat dich jemand vergewaltigt?“ Ein Taxifahrer klagt, dass Frauen immer alles auf Vergewaltigungen schieben – und Mifti antwortet ihm: „Vielleicht sollte ich wirklich mal vergewaltigt werden.“ Vielleicht sollte man auch nicht jedem postpubertären Provokations-Impuls nachgeben.

Trailer zu „Axolotl Overkill“


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