Anfang 80 – Kritik

Für junge Liebe ist es nie zu spät: Gerhard Ertl und Sabine Hiebler haben einen heiter-sentimentalen Film über die Liebe im Angesicht des Todes gedreht.

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Eigentlich kennt Liebe keine Grenzen, schon gar keine Altersgrenzen. Und dennoch: Die Darstellung der Liebe im hohen Alter gehört wohl zu den Dingen, die in einer jugendfixierten (Medien-)Welt immer noch schwer möglich scheinen. Als Stoff für Komödien bietet sich das Thema durchaus an, doch vor einer ernsthafteren Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod – Aspekten, die dabei unweigerlich eine Rolle spielen – wird in Kinofilmen meist zurückgeschreckt. Dabei hat Michael Haneke mit Liebe (Amour, 2012) gerade erst bewiesen, dass dieses Thema mit großer filmischer Präzision erzählt werden kann.

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Wahrscheinlich ist der Erfolg des Oscar-prämierten Films auch der Grund, warum Anfang 80, der in Österreich bereits vor zwei Jahren gestartet ist, jetzt in die deutschen Kinos kommt. Geht es doch auch hier um die Frage, wie im hohen Alter noch geliebt werden kann. Während Haneke aber die fürsorgliche Liebe eines Ehemanns für seine sterbende Frau in den Mittelpunkt rückt, geht es Sabine Hiebler und Gerhard Ertl in ihrem Spielfilm um das Recht, auch mit Blick auf den Lebensabend und gegen alle Erwartungen anderer verliebt sein zu dürfen.

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Mit Wolke 9 hatte sich Andreas Dresen im Jahr 2008 an einen recht ähnlichen Stoff gewagt. Ihm ging es vor allem um die intimen und familiären Folgen einer solchen Liebesaffäre im Alter. Mit ungeschönt inszenierten Sexszenen brach er die gewohnt romantisierende Kinoästhetik und regte überzeugend an, über die immer noch tabuisierte Sexualität im Alter nachzudenken. Anfang 80 steht gewissermaßen in dessen Windschatten: Er dreht sich zwar von Anfang bis zum Ende nur um seine beiden Verliebten, funktioniert aber eher – auch in erotischen Fragen – als eine romantische Komödie mit sanften melodramatischen Untertönen.

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Dennoch beginnt der Film ungemütlich: Die 80-jährige Rosa erfährt nach einer Untersuchung, dass ihre Krebserkrankung nicht heilbar ist und sie höchstens noch ein halbes Jahr zu leben hat. Sie muss feststellen, dass ihre Familie sie längst abgeschrieben hat, denn als sie vor ihrer Haustür steht und aufzuschließen versucht, wird sie von ihrer verärgerten Nachmieterin weggeschickt. Sie sollte nach dem Willen ihrer Nichte ins Altersheim. Völlig aufgelöst steht Rosa vor dem Haus und begegnet dem ebenfalls 80-jährigen Bruno, der sie mit den galanten Worten „Kann ich helfen, gnädige Frau?“ zurück ins Leben holt. Es ist der flüchtige Beginn einer Liebe gegen alle Widerstände. Vor die Wahl gestellt, verlässt Bruno nach vielen wohl auch glücklichen Ehejahren seine Frau, als die Affäre mit Rosa ans Licht kommt. Nachdem klar wird, dass im Pflegeheim eine späte Romanze kaum geduldet werden kann, flieht Rosa kurzerhand mit ihrem Liebhaber in eine eigene Wohnung, um für einige letzte glückliche Tage mit ihm zusammenleben zu können.

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Karl Merkatz und Christine Ostermayer wecken die Liebe dieses Paars mit großer Spielfreude zum Leben. Sie bemühen sich umeinander wie Teenager, lachen viel, küssen sich, schlafen miteinander und strahlen bei alledem eine gelassene Würde aus. Leider wird das Vergnügen an den Schauspielern etwas davon getrübt, dass der Film zwischen einer romantic comedy und einem wirklichkeitsnahen Liebesdrama unentschlossen hin- und herpendelt. Obwohl Anfang 80 mit seinem ernsten Beginn ein Melodram erwarten lässt, ist lange Zeit nicht klar, wie sich Rosas Erkrankung über Müdigkeit hinaus bemerkbar machen wird, Details werden gar nicht erst erörtert. Es werden zwar grausige Aspekte des Umgangs mit älteren Menschen geschildert (Brunos Sohn entmündigt ihn, als er von dessen später Affäre erfährt, hebt dies aber wieder auf, als er seinem Vater beichten muss, dass seine Ehe ebenso gescheitert ist), aber nicht in den Mittelpunkt gerückt. Und nie stellen sie eine echte Bedrohung für das Liebesglück dar, bei dem es vor allem darum geht, sich trotz Rosas Krankheit die Romantik zu wahren: So kauft man sich für die neue Wohnung hübsches Mobiliar, diniert gemeinsam im Bett, verscheucht die Pflegehilfe und besorgt die wichtigsten Medikamente anderweitig.

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Anfang 80 folgt den gängigen Inszenierungsmustern des Sterbens im Film: Leid und Angst werden zwar thematisiert, doch auf ein erträgliches Maß reduziert. Selbst in ausdrucksstarken Beispielen wie in François Ozons Die Zeit, die bleibt (2005) wird der Tod als friedliche Erlösung gezeigt. Hier ist er letztlich eine reizvolle narrative Methode, die als Höhepunkt der Handlung die Bedeutung des Geschehens aufwertet und auch ein wenig dramatisiert. Zwar bricht Anfang 80 stellenweise aus einem solchen Muster aus – die Szene etwa, in der Bruno Rosa nach Morphium bettelnd auf dem Boden kriechend vorfindet, erinnert durch die schonungslose Darstellung von Rosas Leiden an Haneke und ruft durch ihre Inszenierung mittels starrer Weitwinkelaufnahme sogar Ulrich Seidls Kino wach. Zur Atmosphäre des Films, die im Grunde über weite Strecken heiter bleibt und auch das zu erwartende Ende – moralische Ambivalenzen der Sterbehilfe glattbügelnd – gewissermaßen in Wohlgefallen auflöst, will eine solche Einstellung aber nicht recht passen.

Trailer zu „Anfang 80“


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