An einem Samstag

Kurz nach der Reaktorexplosion in Tschernobyl haben einige Bewohner der Stadt Prypjat ihr eigenes Mittel gegen die Verstrahlung gefunden: Saufen und Feiern.

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So makaber es klingt, aber das Timing der Macher von An einem Samstag (V Subbotu) hätte nicht besser sein können. Ursprünglich war der Film für den 25. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl am 26. April geplant. Nach dem Reaktorunfall im japanischen Fukushima dürfte ihm jetzt allein wegen der Aktualität seines Themas ein kommerzieller Erfolg garantiert sein.

Dabei entscheidet sich Regisseur und Drehbuchautor Alexander Mindadze eben nicht für den – zumindest in finanzieller Hinsicht – erfolgversprechendsten Weg. Von einem Film über eine atomare Katastrophe würde man wohl am ehesten ein verkitschtes Drama mit großen Emotionen erwarten. Für einen klassischen Katastrophenfilm disqualifiziert sich An einem Samstag aber schon deshalb, weil eine unsichtbare Bedrohung nicht mit einem derart zerstörungswütiges Genre zusammenpassen will.

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Vielmehr gleicht der Film in seiner Struktur zunächst einem Thriller. Wenn die Handlung einsetzt, ist der Reaktor nach einem missglückten Sicherheitstest bereits explodiert. Wie ein Getriebener rennt der junge Parteifunktionär Valerij (Anton Shagin) über Felder, bis hin zum Atomkraftwerk. Dort wird er von einem Vorgesetzten beruhigt, es sei alles nicht so schlimm. Erst als er an der Tür lauscht, hört er, dass das gesamte Gebiet bereits verstrahlt ist und die Bevölkerung so lange wie möglich über diesen Zustand im Unklaren gelassen werden soll.

Nicht nur die finster dreinblickenden Parteimitglieder und ihre Verschwörung fügen sich den Konventionen des Genres. Die Hauptfigur Valerij verfügt durch eine Rolle als Parteifunktionär auch über eine Mittlerposition mit hohem Konfliktpotenzial. Einerseits ist er über das Ausmaß der Tragödie informiert, andererseits darf er die Bevölkerung der Stadt Prypjat, darunter viele Freunde, nicht informieren. Seine Freundin Vera (Svetlana Smirnova-Marcinkevich) ist zwar schnell eingeweiht, begreift die Tragweite des Unfalls aber nicht. Als er sein dramatisches Ziel, die Stadt möglichst schnell zu verlassen, erreichen möchte, erfährt Valerij gleich den ersten Rückschlag: Wegen eines abgebrochenen Absatzes verpasst das Paar den Zug in die Ferne.

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Dann wechselt Mindadze plötzlich den Kurs. Der Protagonist verfolgt nun nur noch halbherzig sein Ziel, resigniert schließlich und gibt sich mit seinem Schicksal ab. Obwohl immer wieder an die Verstrahlung erinnert wird – unheilvolles Husten, metallener Geschmack im Mund –, rückt eher der stereotyp wirkende Alltag in einem sozialistischen Regime in den Vordergrund. Valerij trifft auf eine Hochzeitsband, mit der er früher einmal gespielt hat, schließt sich ihr an und betrinkt sich hemmungslos. Die Entscheidung, sich nicht auf die Katastrophe einzulassen, sondern den Film dramaturgisch zu entschleunigen, ist zweifellos ein spannender Ansatz. Doch bis auf eine Anekdote, in der es sich Valerij in der Vergangenheit als Parteispitzel mit seinen Freunden verscherzt hat, weiß Mindadze nur wenig damit anzufangen.

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Doch nicht nur inhaltlich, auch ästhetisch verfügt An einem Samstag über ein Konzept, dass eher in der Theorie interessant ist. Oleg Mutu radikalisiert seine dokumentarische Handkameraarbeit aus 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (4 luni, 3 saptamani 2 zile, 2007) und fokussiert mit reichlich Gewackel fast ausschließlich die Gesichter der Figuren. Weitgehend konsequent verweigert der Film dem Zuschauer übersichtliche Totalen und lässt das Umfeld der Darsteller in der Unschärfe verschwinden. Als Bild für den desorientierten Zustand seines Protagonisten ist das durchaus plausibel, das ständige Gewackel stellt aber auch eine nicht leicht zu ertragende Geduldsprobe für den Zuschauer dar.

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Das noch größere Problem dieser Methode ist allerdings, dass der Blick ständig auf die Gesichter gelenkt wird, es dort aber nichts Entscheidendes zu sehen gibt. Ein Zugang zu den Figuren, deren Verfassung je nach Alkoholpegel zwischen abgestumpft und hyperemotional schwankt, bleibt verwehrt. Das gilt für den blass gezeichneten Valerij ebenso wie für seine Freundin, in der man selbst als wohlwollender Zuschauer nicht mehr sehen kann als eine hysterische, einfältige Gans. So leidet An einem Samstag vor allem an dem Paradox, dass die Kamera zwar ständig in irgendeinem Gesicht klebt, die Figuren dem Zuschauer aber trotzdem fern bleiben.

Trailer zu „An einem Samstag“


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Kommentare


Aaron

Der Film ist einfach so Unrealistich.






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