Eine dunkle Begierde

Carl Jung peitscht seine Patientin.

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Durch eine offene Tür hindurch sehen wir Michael Fassbender mit Schnurrbart, eine Peitsche in der Hand. Auf dem Bett vor ihm liegt Keira Knightley, für ihre Sabina ist es die Erfüllung der sexuellen Lüste. Doch der Blick auf die „Perversionen“, wie Freud die Ausdrücke solcher Normabweichungen nennt, ist ein distanzierter, ein emotionslos registrierender. Peter Suschitzky, langjähriger Kameramann von David Cronenberg, verleiht dessen Biopic eine aus der Zeit gefallene Abstraktion, eine unwirkliche Atmosphäre, die das zugrunde liegende Theaterstück durchschimmern lässt.

Christopher Hampton, der zuletzt die Drehbücher für Abbitte (Atonement, 2007) und Chéri (2009) lieferte, hat Eine dunkle Begierde (A Dangerous Method) auf der Grundlage seines eigenen Stückes The Talking Cure (2002) geschrieben, das sich wiederum von John Kerrs historischer Studie A Most Dangerous Method: The Story of Jung, Freud, and Sabina Spielrein (1994) inspirieren ließ. An die Oberfläche des Films drängt vor allem das Interesse des Autors, die historischen Figuren C.G. Jung und Sigmund Freud in einen privaten, familiären Rahmen zu setzen und zu entmystifizieren. Gleichzeitig spart das Drehbuch nicht an Anspielungen auf die Bedeutung des Erfinders der Psychoanalyse und seines dissidenten Schülers.

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Eine dunkle Begierde pirscht sich mit einer großen Faszination für die Geburtsstunde der Psychoanalyse an sein Biopic-Material heran. Aus der Perspektive des erst 29-jährigen C.G. Jung, dem Michael Fassbender ein jugendliches, bisweilen beschwingtes Gemüt verleiht, entfaltet er die Fragen nach psychologischen Therapien, Arbeitsansätzen und methodischen Differenzen der frühen Psychoanalyse. Dezent verweist der Stoff dabei auf die dunkle Vergangenheit – die kein Erbarmen mit Neurosen kannte – und die Zukunft, die mit der Psychotherapie im weiten Sinne eine Neudefinition des Menschen erfährt. Dabei rührt er an Fragen, die bis heute ganze Bücher füllen. Nur die Gegenwart der Geschichte kurz nach der Jahrhundertwende, ihre Verortung im Wien und der Schweiz in den knapp zehn Jahren vor dem Ersten Weltkrieg bleibt seltsam außerhalb des Blickfelds – eine Vorahnung des spirituellen Jung, ein „Meer des Blutes“, das er vor dem inneren Auge sieht, einmal ausgenommen. In einigen Dialogen werden immerhin die Ressentiments der Zeit thematisiert, so spielt etwa das Judentum von Freud und von Sabina eine Rolle. Auch deswegen rechnet Freud Jung bessere Chancen zu, ihre Profession voranzubringen, als anderen Psychoanalytikern – schließlich seien sie alle Juden. Eine dunkle Begierde ist als Historienfilm vor allem an einer Ideengeschichte interessiert und an deren Rückbindung auf persönliche Schicksale.

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Jungs erste Patientin wird trotz seines Wissens um Übertragung und Gegenübertragung zur großen Liebe seines Lebens. Im Zuge ihrer Therapie lernt er Freud (Viggo Mortensen) kennen und wird zeitweise zu dessen Protégé. Und so sehr sich David Cronenberg für die beiden herausragend gespielten Männerfiguren interessiert, so ist es doch Keira Knightleys junge Russin Sabina, die als Katalysator und Verbindungspunkt zwischen den Ärzten dem Film ein wenig Herzblut einpumpt. Zu viel vielleicht, denn die Schauspielerin bewegt sich immer nah an der Karikatur. Ihr gegenüber stehen aber Männer, die zusehends über Briefe kommunizieren. Das fördert nicht nur retardierende Momente, sondern auch ein allgemeines Ausbremsen der Konflikte. Eine dunkle Begierde vermittelt bisweilen einen Eindruck von Ruhe vor dem Sturm, so abgehoben wirken die Figuren von ihrem Umfeld. Das wiederum mag ein sehr adäquates Bild der Doktorenwirklichkeit des in einer Schweizer Villa hausenden C.G. Jung im frühen 20. Jahrhundert zeichnen.

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Bei all dem ist es nicht ganz einfach auszumachen, worin sich die Handschrift von David Cronenberg eigentlich erkennen lässt. Zwar steht Cronenberg ohnehin für ein breitgefächertes Werk – von Horror über Science-Fiction, Dramen und Thriller bis zum Gangsterfilm –, dennoch assoziiert man sein Schaffen bis heute mit dem tendenziell Trashigen, dem übersteigert Symbolischen und offensiv Libidinösen, stets dargestellt aus einer intellektuellen, mithin wissenschaftlichen Perspektive. Angesichts seiner Vorliebe für die Exteriorisierung seelischer Prozesse – man denke nur an Videodrome (1983), eXistenZ (1999) oder Spider (2002) – dürfte es keine allzu große Überraschung gewesen sein, dass Cronenberg sich für den Stoff interessierte und Hampton dazu anhielt, ein Drehbuch daraus zu stricken. Von der gestalterischen Umsetzung her reiht sich Eine dunkle Begierde hingegen eher in eine Reihe mit seinem vorletzten Film, dem geradezu klassizistisch anmutenden A History of Violence (2005), an dessen Eleganz der Bildkompositionen er allerdings selten heranreicht.

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In einer Szene gegen Anfang setzt Cronenberg eine ganz wörtlich zu verstehende Versuchsanordnung ins Bild: Jung testet eine Gerätschaft an seiner Frau, die einen Wortassoziationstest durchlaufen muss. Sabina assistiert ihm dabei und misst irgendwelche Werte auf einer großen Skala. Die Technik – deren Inszenierung eine Spezialität von Cronenberg ist – spielt nur als Dekor eine Rolle. Was sich hier aber allein im Rhythmus der Antworten und im Dreieck der Blicke über die latenten Gefühle der Protagonisten vermittelt, ist beeindruckend. Als die Frau kurz darauf den Raum verlassen hat und Sabina zur vorläufigen Diagnose ermuntert wird, läuft der Film schnell Gefahr, den Effekt der elektrisierenden, weil unartikulierten Spannung verpuffen zu lassen. Da ist es ein Glück, dass die drei Hauptdarsteller diese Spannung unter sich stets aufrecht erhalten und der Stoff ihnen auch in den Momenten der Ausbuchstabierung von Gefühlen und Prozessen noch ausreichend Spielraum lässt, um sie mit Ambivalenzen zu füllen.

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Kommentare


Stefan

Schöne Kritik! Einzig der Begriff 'trashig' scheint m.E. etwas unpassend, ich selbst finde nicht, dass selbst das frühe Werk Cronenbergs allgemeingültig mit dieser Beschreibung assoziiert werden kann (einzig vielleicht Shivers). Dafür, und das sagst Du ja richtig, ist der Regisseur ein viel zu großer Perfektionist hinsichtlich Bildsprache und Technikinszenierung. Für mich bestätigt Eine dunkle Begierde Cronenbergs konsequente Themenaufarbeitung, die spätestens seit Spider weg vom körperlichen (wobei dies niemals ausgeschlossen wird) und noch stärker hin zum psychischen Dillemma bzw. der identitären Selbstfindung der Figruen führt.


Ingebor g Safakci

Ein saft- und kraftloser Film. Nicht steril, aber steif und "gekünstelt" dargestellt. Man hört förmlich die gestärkten Hemdkrägen knistern, aber sonst knistert nichts zwischen den Darstellern.Einzig Vincent Cassel scheint Blut in den Adern zu haben, kann gegen die gerüschten Langweiler aber auch nichts ausrichten.Der Film könnte besser "Die steife Bügelfalte" heissen oder so ähnlich. So starrte ich überrascht auf das blutige Laken nach der Entjungerung der Hauptdarstellerin. Aha, daher so blutleer.Von Begierde als "dunklem Trieb" hatte ich bislang eine andere Vorstellung. Und die pseudoakademischen Dialoge....Schlumpfine von den "Schlümpfen" kommt als Blaublüterin authentischer rüber als die halbverhungerte Keira Knightly.Sorry, der Film hat mich nicht berührt. Leider werde ich lange brauchen, bis ich das Bild vom trockenen steifen Gelehrtenpaar Jung/Freund vergessen habe. So langweilig wie nachtfinster. Vielleicht habe ich auch nur den Film nicht verstanden, Blockade des ES, des Über-Ichs, ach Quatsch.


Debra

Langweilig bis zum geht nicht mehr. am Ende sind wir fast eingeschlafen!


Michael Kendel

Wer einen spannenden Psychothriller erwartet oder auch nur „dunkle Begierden“ wird enttäuscht. Und wer nicht wenigstens ein bisschen Ahnung von der Geschichte der Psychoanalyse hat ebenso. Letztlich ist es ein Kammerstück um die Auseinandersetzung des wissenschaftlichen Freud mit dem etwas spiritueller veranlagten C.G. Jung und die reale Enttäuschung der beiden aneinander. Freud blickt meist sinnend, Jung hat überwiegend strenge Mimik, Lichtblick ist Keira Knightley, die überzeugend verschiedene Gefühlszustände vorführt. Jung schafft es, scheinbar in ein paar Sitzungen, seine Patientin Sabina Spielrein zu heilen, die danach ihre Obsession mit ihrem Arzt auslebt. Warum dieser sich darauf einlässt und was er wirklich davon hat, wird nicht deutlich dargestellt. Aus Skrupel beendet er schließlich das Verhältnis, Sabina wendet sich dich daraufhin, warum auch immer, Freud zu, der sie flugs zu seiner Assistentin macht, und im Abspann wird erklärt dass sie eine geachtete Psychotherapeutin wurde. Ein Film, in dem lange Dialoge statt Gefühle vorherrschen (Ausnahme: Knightley), der reale Ereignisse im Zeitraffer behandelt, die (psychologischen) Zusammenhänge unklar lässt und letztlich ziemlich enttäuscht.


Martin Zopick

Regisseur Cronenberg strapaziert die Zuschauer mit langen Fachsimpeleien. Aber was kann man schon beim Thema Freud - C.G. Jung erwarten. Wenn sich zwei Koryphäen dem Thema der Psychoanalyse von verschiedenen Seiten nähern, geht es um ‘Übertragung‘, ‘Unterdrückung der Lust‘ oder um die Behandlung von sexuellen Zwangsneurosen. Dieser Gedankenaustausch findet hier nun mal in Dialogen statt. Damit es nicht gar zu theoretisch wird, ist noch Jungs Privatleben mit Ehefrau Emma (Sarah Gadon) und der Geliebten, Fräulein Spielrein (Keira Knightley) eingebaut, die hier ihre reifste schauspielerische Leistung abliefert. Die Darstellung ihrer Zwangsneurose geht bis an die Schmerzgrenze. So einen verzerrten Gesichtsausdruck kennt man von ihr sonst nicht. Als Kontrast dazu ist Emma ständig schwanger und ungewöhnlich liberal.
Neben Traumdeutungen geht es in den Gesprächen mit Siegmund Freud (Viggo Mortensen) auch um den Zusammenhang von Sexualtrieb und Todestrieb. Der Heilungsprozess von Fräulein Spielrein zur ebenbürtigen Kollegin von C.G. Jung ist nicht leicht nachvollziehbar. Es wird der Eindruck erweckt, als ob der Psychoanalytiker den Rat des Kollegen Groß (Vincent Cassel) beherzigt hätte ‘Gehe nie an einer Oase vorbei, ohne zu trinken.‘ Alle Neurosen seien sexuellen Ursprungs bzw. deren Unterdrückung. Kein Wunder also, dass Fräulein Spielrein von C.G. Jung (Michael Fassbender ) geheilt wird, weil er die Matratzen-Praxis anwendet. Später promoviert sie sogar darüber und bleibt zeit Lebens seine einzige große Liebe.
Die Psychoanalyse bleibt hier ein oberflächliches Konstrukt bezüglich ‘einer dunklen Begierde‘. Der Originaltitel spricht von einer ‘gefährlichen Methode‘. Davon spürt man wenig. Hier fährt der Zug eher in Richtung ‘Lourdes‘.






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