24 Wochen

Tabu or not Tabu? Zwischen Werbeoptik und Terrassentischblicken lässt 24 Wochen ganz wichtige Fragen offen und nimmt sich dabei nicht minder wichtig.

24 Wochen 01

Der Vorspann spielt ein bisschen mit der Sichtbarkeit: Man sieht da wie durch eine Masche im Pulli irgendwelche verschwommenen Aufnahmen, mal in der linken, mal in der rechten Ecke der Leinwand. Dieser Vorspann – man kann darüber streiten, ob er schlicht beliebig verspielt sein will, oder ob er wirklich etwas kaschieren möchte – kommt ganz schön naseweis daher für einen Film, in dem eigentlich alles ganz offen auf der Hand liegt. Allein die Musik, die man in ihn hineingepanscht hat, ihre willkürlich zur Passt-schon-Melodie sortierten Töne, die sich etwas zieren, die mit Bedacht unaufdringlich an- und abschwellen und dabei auf dem Boden eines elektronisch dröhnenden Basstons wackeln, macht schon klar, dass sich hier leise Dramen erzählen wollen, was vermutlich so viel heißt wie ein psychologisch realistisch herunterreduziertes Existenzentscheidungskino. Die Töne tönen träge, der Bass brummt schicksalhaft fatalistisch vor sich hin, wie ein langer Piepton eines EKG-Geräts, nur eben tiefer.

Unser Tagesschau-Alltag

24 Wochen 03

Astrid (Julia Jentsch) und Markus (Bjarne Mädel) wohnen so, wie man im deutschen Film und Fernsehen eigentlich fast immer wohnt, in einer schicken Betonkiste mit länglichen, geometrisch etwas irreführend eingelassenen Fenstern und einem Garten, in den man Stelzenhäuser für die Kinder baut. Astrid ist eine erfolgreiche Kabarettistin, die mit unheimlich unsympathischen und belanglosen Mann-Frau-Gags ihr Publikum zum Gackern bringt. Das Interessanteste an ihrer Figur ist eigentlich ihr unschlagbar schlechter Humor, aber darauf legt es Regisseurin Anne Zorah Berrached nicht an, denn alles, woraus diese Figur gebaut ist, soll sie eigentlich nur als deutsche (oder westliche) Durchschnittsbürgerin präsentieren, die, wenn sie einmal bei Dieter Nuhr in der ARD auftritt, mitten hineinplatzt in unseren Tagesschau-Alltag, in dem wir uns einhellig darauf verständigt haben, dass Frauen-Männer-Themen alle zum Lachen bringen dürfen. Und weil Astrid beruflich das bedient, was der ganzen Familie gefällt, geht sie uns auch alle etwas an. Astrid und der Zuschauer im Kino stehen in einem ähnlich familiären Verhältnis zueinander wie Tagesschausprecher und Wettervorhersager – so viel zur Prämisse.

Bei einem Glas Wein auf der Terrasse

24 Wochen 02

Astrid ist außerdem schwanger (auch über Schwangerschaften macht sie schlechte, aber ungemein zündende Witze); sie und Markus sind eines dieser Wir-sind-schwanger-Paare, die ihre Freunde bei einem Gläschen Wein auf der Terrasse über ihren Nachwuchs informieren. Das Kind wird allerdings mit Trisomie 21 zur Welt kommen, wie uns eine an den Vorspann erinnernde, das eigentliche ärztliche Gespräch auslassende Szene informiert. Durch die Krankheit des Kindes wird dann auch die Terrassen-Szene endgültig ins Muster des deutschen Lieblingsfilmmoments zurückgeholt, wenn sich nämlich die Akteure, die um einen Tisch herumsitzen, in moralisch unterschiedlich positionierte ausdifferenzieren, wodurch sich eine Reihe von konfliktbeflügelten Großaufnahmen der Gesichter schießen lassen. Eine solche Szene – man kann sich kaum vorstellen, wer ihren Ausrufezeichencharakter heute noch erträgt – stellt mit amtlichem Charme ihr „Achtung Tabu!“ aus, als sei der Film in erster Linie ein rhetorisches und kein ästhetisches Medium. Berrached aber geht es tatsächlich in erster Linie um einen rhetorischen Kniff.

„Sieh doch, wie tragisch ich glänze!“

24 Wochen 05

Den Konflikt ihres Films, „Schwangerschaftsabbruch oder nicht?“, will sie in erster Linie nicht ästhetisch perspektiviert wissen – die formale Beliebigkeit der Eröffnungssequenz hat das schon bewiesen, es ließe sich aber auch an anderes denken, etwa an wiederkehrende Bilder des Fötus in der Fruchtblase oder Aufnahmen des geblähten Bauchs, deren visueller Reiz schon von Nivea-Werbungen vorgemacht wurde (auch die Werbung, könnte man sagen, macht die Ästhetik zum Agenten der Rhetorik). Ihr geht es zuvorderst darum, ihr eigenes Thema zu veredeln. Melodramatik ist nicht der Modus, in dem sich das Geschehen entfaltet, es ist die Politur, die unaufhörlich winselt: „Sieh doch, wie tragisch ich glänze!“ Dass sich dieser Film kein Urteil erlauben will, dass er die Frage nach der Tötung eines Babys im Bauch ethisch unbewertet lassen möchte, macht er sich mit derart kleingeistigem Eifer zum Ziel, dass man darüber beinahe enttäuscht ist; wäre er wenigstens so hübsch nüchtern, anonym und neutral wie die Begrüßungsfloskeln von Allgemeinärzten zur Routineuntersuchung. Szenen, in denen Ärzte Astrid begrüßen, sind eigentlich die besten in 24 Wochen.

Rhetorik ist nie neutral. Filme, die nicht zum Nachdenken anregen (es ist an sich schon fraglich, ob sie das leisten müssen), sondern mit dem mütterlichen Ernst von Tagesthemenkommentatoren zum Nachdenken auffordern, gehören in andere Jahrzehnte und zwar in vergangene. Der Tabubrecher, als welcher sich dieser Film verstanden wissen will, ist er beileibe nicht, vielleicht auch deshalb, weil sein zentrales Problem um einiges weniger tabuisiert ist, als er es sich zurechtlegt.

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