Die Liebe, ein Höllenschlund – Das Kino von Valerio Zurlini
Nur acht Spielfilme hat Valerio Zurlini während seiner kurzen Karriere gedreht. Jeder einzelne ist die Entdeckung wert: Mal tragisch, mal leichtfüßig bewegte sich der italienische Regisseur stets fernab gängiger Kino-Moden. Ab heute Abend widmet ihm das Berliner Arsenal eine umfassende Werkschau.

„Tromba solista: Maynard Ferguson“ und „Sax tenore solista: Gianni Basso“: Das sind die ersten Zeilen der Endcredits von Valerio Zurlinis La prima notte di quiete (1972). Zu Recht, denn die mal von einer Trompete, mal von einem Saxofon intonierte Hauptmelodie des Films wird man nach dem Verlassen des Kinos nicht so schnell aus dem Kopf bekommen: ein elegischer Dreiklang, der im Anschluss melancholisch umspielt wird. Die Melodie, komponiert von Mario Nascimbene, legt sich, zum Beispiel, über verregnete Hafenansichten von Rimini, dem Schauplatz von La prima notte di quiete (zu Deutsch: Oktober in Rimini). Einem Film, in dem die Liebe ein Höllenschlund ist, dem niemand entkommt; oder auch nur entkommen will.
Ein Blick, der die Zeit stillstellt

Lieben heißt in diesem Film – und auch sonst oft bei Zurlini – vor allem, einen Menschen anzublicken. Besonders oft blickt Alain Delon Sonia Petrovna an. Delon spielt Daniele Dominici, einen Kunsthistoriker, der sich als Vertretungslehrer an einem Gymnasium durchschlägt, Petrovna die Schülerin Vanina, in die sich Daniele ziemlich Hals über Kopf verliebt. Daniele ist verheiratet, seine Frau wartet zuhause im Bett verzweifelt auf ihn. Vanina hat einen anderen, einen reichen Typen, der einen Sportwagen fährt und über sie verfügt, als wäre sie ein weiteres schickes Accessoire.
Es kann nicht gut ausgehen mit den beiden und doch kommen sie nicht voneinander los. Schuld daran ist, siehe oben, der Blick, der Zurlini-Blick. Man kann ihn, vielleicht, mit dem Spielberg-Blick, beziehungsweise dem „Spielberg Face“ kontrastieren. Spielberg zeigt immer wieder Menschen, die mit weit aufgerissenen Augen das Wunderbare anblicken und sich damit der Zukunft als einem Möglichkeitsraum öffnen. Der Zurlini-Blick schneidet hingegen den, der ihn blickt, von der Zukunft ab. Es ist ein Blick, der Veränderung negiert, Zeit stillstellt und den Blickenden in einer ewigen Gegenwart einschließt. Fast immer ist es ein männlicher Blick, aber fetischisiert wird nicht das weibliche Blickobjekt, sondern das männliche Blicksubjekt. So makellos schön Sonia Petrovna ist: La prima notte di quiete ist in erster Linie ein Film über die Sehnsucht in Alain Delons Augen, über das offene Lächeln, das seine weichen Lippen umspielt. (Sex gibt es freilich auch: rau und wütend.)
Und so berückend ohrwurmtauglich Mario Nascimbenes Filmmusik ist: In der schönsten Szene des Films erklingt statt ihrer ein Popsong, nämlich Ornella Vanonis „Domani è un altro giorno“. In einem Club schaut Daniele auf Vanina, die eng umschlungen mit ihrem Arschloch-Boyfriend tanzt – und der Zurlini-Blick rastet endgültig ein.
Reisen mit leichtem Gepäck

In La ragazza con la valigia (1961) hingegen ist es „Impazzivo per te“, einer der schönsten Adriano-Celentano-Songs („Mai, mai, mai più / t'amerò così tanto per tutta la vita“), der den Zurlini-Blick wahlweise triggert oder untermalt. Der Blickende in diesem auf Deutsch sehr schön Das Mädchen mit dem leichten Gepäck betitelten Film ist der 16-jährige Lorenzo (Jacques Perrin), die Angeblickte die deutlich ältere Tänzerin Aida (Claudia Cardinale).
La ragazza con la valigia ist ein ganz anderer Film als La prima notte di quiete – sprunghafter, pragmatischer, längst nicht so pessimistisch. Überhaupt hat Valerio Zurlini, der nur 56 Jahre alt geworden ist, nie einen Film zweimal gedreht. Den wechselnden Moden der kommerziellen Produktion steht sein Werk fern; zur mit sich selbst identischen Autorenfilmer-Marke ist er allerdings auch nie geworden – neben den Liebesdramen wie La prima notte di quiete und La ragazza con la valigia, die über die Jahre zu Kultfilmen geworden sind, stehen weitgehend unbekannte Polit- und Historiendramen wie Seduta alla sua destra (1968, englisch: Black Jesus) und Il deserto dei Tartari (1976). Acht Filme hat Zurlini insgesamt gedreht, jeder einzelne ist die Entdeckung wert.
Die Reihe läuft vom 8. bis 26.5.2026 im Berliner Arsenal.













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