Auf der Suche nach vergessenen Bildern - EMAF

In Filmen, Workshops und Medienkunst-Arbeiten widmet sich das European Media Arts Festival in Osnabrück den drängenden gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit. Ein Festival, das dezidiert etwas zu sagen hat, ohne darüber die Offenheit und Vielfalt des visuellen Ausdrucks zu vergessen. 

Strahlender Sonnenschein beim Schlendern durch die urige historische Altstadt, Gipfelsturm-Lauf und Stöbern durch den Nachtflohmarkt vor dem Rathaus – so schön war es dieses Wochenende in Osnabrück bei der 39. Ausgabe des European Media Arts Festival (EMAF). Kaum zu glauben, dass das Festival schon vor der feierlichen Eröffnung am vergangenen Mittwoch mit negativer Berichterstattung gestraft wurde: Die „Friedensstadt“ Osnabrück distanzierte sich von dem Festival, Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) widerrief seine Schirmherrschaft. Der Grund: der Kurzfilm Morgenkreis (2025) der palästinensisch-US-amerikanischen Filmemacherin Basma al-Sharif, die sich auf sozialen Medien kritisch zu Israels Völkermord in Gaza äußert. Ironischerweise untersucht das Festival unter dem Themenschwerpunkt „An Incomplete Assembly“ ebendiesen steigenden institutionellen Druck auf den Kultursektor, der z.B. in Budgetkürzungen oder der Forderung nach background checks der Beteiligten sichtbar wird. Mit einem vielseitigen Programm aus Filmen, Performances, Installationen, Workshops und Talks sucht das EMAF, gemeinsam mit dem Publikum, nach Möglichkeiten nicht-institutioneller Formen des Zusammenkommens in der Kunst- und Kulturarbeit.

Das Festival besticht dabei durch eine intime, gemütliche und bodenständige Atmosphäre. Viele Besucher*innen scheinen sich zu kennen, das Festival jedes Jahr wieder zu besuchen. Aber auch als Neuling ermutigen die interaktiven Formate zu neuen Begegnungen und Bekanntschaften. Insbesondere das Festivalzentrum in der Osnabrücker Lagerhalle lädt zum Verweilen ein: Tagsüber draußen in der Sonne, abends an der Bar werden hier die gesehenen Programme diskutiert. Das (bewusst) überschaubare Programm ist hier von Vorteil: Festivaldirektorin Katrin Mundt betont, dass vermieden wird, mehr als zwei Veranstaltungen gleichzeitig zu planen, damit sich Programme nicht gegenseitig „kannibalisieren“ können.

Fragmente einer verlorenen Lebenswelt

Von der Lagerhalle sind es nur wenige Gehminuten zum Filmtheater Hasetor, einem wunderschönen Programmtheater aus den 1960ern, umgeben von Kneipen, Restaurants und Fachwerkhäusern. Hier lief unter anderem Kamal Aljafaris Film Mit Hasan in Gaza (2025), ausschließlich bestehend aus Material, das der palästinensische Regisseur 2001 in Gaza gefilmt hatte. Begleitet von dem Reiseführer Hasan sucht Aljafari (unerfolgreich) nach einer Bekanntschaft aus seinem Gefängnisaufenthalt im Jahr 1989 und dokumentiert dabei (ungeplant) Fragmente alltäglicher Interaktionen und Geschehnisse: spielende Kinder am Strand, die ihn darum bitten, sie zu fotografieren, geschäftige Straßenmärkte, Schüsse und rollende Panzer bei Nacht. Dabei verharrt der Film teilweise minutenlang auf einer Szene. Das Material wurde direkt in der Kamera geschnitten und lediglich durch das Hinzufügen von Text und Musik bearbeitet – und erinnert schmerzlich daran, dass die abgebildete Lebenswelt heute verloren ist. Im anschließenden Filmgespräch betont Nazih Musharbash, der Präsident der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, die Notwendigkeit eines differenzierten Dialogs auf Augenhöhe, um nachhaltigen Frieden für die palästinensische Bevölkerung zu schaffen, der auch schon 2001 so nicht existierte.

So wie Mit Hasan in Gaza bringt auch das internationale Kurzfilmprogramm vergessene Bilder wieder in Umlauf. In Afternoon Hearsay (2025) erkundet Peng Zuqiang beispielsweise die Frage: Was ist ein Film ohne Kamera? Peng kombiniert eigene Super-8-Aufnahmen mit 8,75-mm-Archivmaterial, einem einzigartigen chinesischen Format, das dort von den 1960ern bis in die 1980er Jahre für mobile Filmvorführungen in abgelegenen Dörfern verwendet wurde, für das aber nie eine Kamera produziert wurde. Die gefundenen Filmstreifen fließen, verbrennen und überlagen sich mit den neu gedrehten Super-8-Sequenzen und verweben so das Motiv einer abgelegenen Filmfabrik am Standort eines einstigen Tempels und die Geschichte eines vermeintlichen Kameraerfinders zu einer berührenden semi-fiktionalen Erzählung. Eher enttäuschend wirkt dagegen Vika Kirchenbauers neuester Essayfilm This Suffocating Now (2026). Basierend auf persönlichen Erfahrungen beschreibt Kirchenbauer darin zwar sehr treffend die aktuelle Faschisierung der deutschen Gesellschaft, darunter die Polizeigewalt auf Demonstrationen in Solidarität mit Palästina sowie die ansteigende Queer- und Transfeindlichkeit, auf visueller Ebene lässt ihr Film allerdings zu wünschen übrig. Bilder und Videos werden reduziert zu Füllmaterial im Hintergrund ihrer berechtigten und äußert relevanten Wutrede und erwecken so eher den Eindruck eines Instagram-Reels. Am überzeugendsten ist noch der Soundtrack aus unregelmäßigen Atemgeräuschen und hämmernden Technobeats, den Kirchenbauer selbst komponiert hat.

Kämpferische Ikonen und aktivistische Ideale

Die diversen Formen des (feministischen) Widerstands, mit denen sich Marwa Arsanios in ihrer seit 2017 fortlaufenden Filmserie Who Is Afraid of Ideology? beschäftigt, könnten neue Ansätze und Inspiration für den gemeinsamen Kampf gegen den Rechtsruck in Deutschland bieten. Ihr war dieses Jahr das „Artist in Focus“-Programm gewidmet. In Teil 1 der Filmreihe untersucht Arsanios Strukturen der Selbstverwaltung und Wissensproduktion in der kurdischen autonomen Frauenbewegung. Der Film spielt dabei mit dem traditionellen Dokumentarfilmformat: Anstelle von talking heads werden die Interviews von beeindruckenden Bildern der umgebenden Berglandschaft begleitet. In Teil 2 dokumentiert Arsianos die Entstehung und Entwicklung von Jinwar, einem ausschließlich von Frauen bewohnten Dorf im Norden Syriens. Die Filmreihe wurde ergänzt durch Workshops, Gesprächen mit Gästen sowie weiteren Arbeiten von Marsianos, wie ihr Video Have You Ever Killed a Bear or Becoming Jamila (2014). Ausgehend von alten Ausgaben des panarabischen Kulturmagazins Al-Hilal reflektiert der Film die Rolle der algerische Freiheitskämpferin Jamila Bouhired als kulturelle Ikone des Unabhängigkeitskrieges und als konstruiertes Ideal arabischer Weiblichkeit. Darüber hinaus kuratierte Arsianos drei Programme mit den Werken anderer Regisseur*innen. Katrin Mundt betont, dass Programme von Künstler*innen – anstelle von Kurator*innen – häufig andere und wichtige Perspektiven einbringen können.

So arbeiten auch Raquel Schefer und Philip Widmann, die Kurator*innen des Programms „What is Needed“, ebenso als Regisseur*innen. Ihre Sektion untersucht die Möglichkeiten von „Intervention“ innerhalb einer liberaldemokratischen, postfaschistischen Gesellschaft und blickt dabei, mit Filmen wie Ateyyat Al-Abnoudys Deux festivals à Grenoble (1974), hinter die Kulissen der Institution des Filmfestivals. In Gesprächen mit Forscher*innen erkundet das Programm verschiedene Möglichkeiten, neue filmische Gestaltungsformen jenseits kommerzieller und institutioneller Rahmenbedingungen zu etablieren.

Dynamische Versammlungen

Ergänzt wird das Filmprogramm des EMAF durch Ausstellungen sowie Talks und Workshops. In der imposanten Kunsthalle in einer ehemaligen gotischen Klosterkirche zeigt Inga Seidler Videokunst, die sich mit menschlichen Versammlungen als dynamischen Gefügen aus Einschlüssen und Ausschlüssen beschäftigt. Hier besticht insbesondere Yalda Afsahs Jarramplas (2025), welches ein Ritual in der spanischen Ortschaft Piornal in beeindruckenden Zeitlupenaufnahmen einfängt. Ein als Teufel verkleideter Dorfbewohner zieht mit einer Trommel durch die Straßen und wird von den Einwohnern mit Zuckerrüben beworfen. Allerdings bleibt die kostümierte Figur in Afsahs Film unsichtbar, in den Vordergrund rückt sie stattdessen (geschlechtliche) Machtdynamiken sowie kollektives Handeln.

Die von Franziska Pierwoss organisierten Gespräche und Workshops erkundeten die Frage, wie die Kulturbranche produktiv mit institutionellen Hürden umgehen kann, von Bürokratie bis hin zu Zensur und Korruption. In einem Talk unter dem Titel „Laki štrajk“ etwa reflektieren eine Filmemacherin und eine Studentin über unterschiedliche Perspektiven auf und Hoffnungen für die von Studierenden in Serbien initiierte Protestbewegung, die seit dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024 erfolgreich Bildungseinrichtungen besetzt und Verkehrswege blockiert hat, um gegen die Korruption und das Missmanagement der Regierung zu protestieren.

Die instabile Grenze zwischen Arbeit und Entspannung

Das EMAF ist in Deutschland einzigartig durch seine starke politische Haltung, durch die Abschaffung des internationalen Wettbewerbs und durch einen Fokus auf die Arbeiten von Studierenden an internationalen Kunsthochschulen und Universitäten. Mit letzterem wird auch der Ursprung des Festivals geehrt, das Anfang der 1980er aus einem Workshop für Experimentalfilme im Fachbereich Medienwissenschaften an der Universität Osnabrück entstand. In der Campus-Sektion des Festivals zeigen Studierende ihre aktuellen Arbeiten oder entwickeln neue Projekte. Priyageetha Dias Video Night Shift (2025) untersucht beispielsweise durch eine scheinbar unendliche Montage einer metahumanen Tänzerin in einem simulierten Club die instabilen Grenzen zwischen Arbeit und Entspannung. Margherita Soldatis interaktives Projekt Whatever It Takes to Keep Her Sweet, in dem sie Besucher*innen Blut abnahm und in ein Bewässerungssystem für Erdbeerpflanzen einspeiste, forderte Gäste dazu auf, kritisch über die Kosten von Pflegearbeit als ein Geben und Nehmen zu reflektieren.

Laut Festivaldirektorin Mundt scheint die politische Orientierung des Festivals bei den Osnabrückern auf Anklang zu stoßen: während Medienkunst lange als unpolitisch und unzugänglich galt, hat das Festival nun „etwas zu sagen“. Doch die Frage bleibt offen: Ist ein Film automatisch ein guter Film, nur weil er die „richtige“ politische Meinung widerspiegelt?

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