Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Kritik

Streaming-Tipp: Gerade steht die neue Staffel von Annette Hess‘ Ku’damm-Serie in der ARD-Mediathek, Ku‘damm 77: Auch empfehlenswert! Aber in Hess‘ Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (2021) können einem die Figuren zwischen Kindlichkeit und abgefuckt-gefährdeter Junkie-Grandiosität u. U. noch näher gehen.

Leben als große Party. Coole, süße Jungs und verrückte Freundinnen in einem lustigen, schwungvollen Hochgefühl. Dinge passieren, von denen man nicht zu träumen wagte. Man lässt die Scheiße einfach hinter sich und fliegt euphorisch hoch in einer Glamrock-Disco-Zirkuskuppel. Oder schwimmt darin herum, wie die Delfine in dem sehnsüchtig schluchzenden Song „Heroes“ von David Bowie, einem wichtigen Bezugspunkt für Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, das Buch und den Film. Die „Kinder“ – eher Teenager – wollen sich diesen Traum nicht ausreden lassen; ihre ganze Liebe zum Leben hängt davon ab.

Ich habe die erste Verfilmung (Uli Edel, 1981) des seinerzeit supererfolgreichen autobiographischen Romans von Christiane F. (1978) nie gesehen. Ein Freund von mir schon. Er haute darauf ab nach Berlin, weil er auch so leben wollte. Heroin nehmen, wie in dieser Geschichte, galt in ziemlich großen Teilen meines Freundeskreises als cool schockierender Mutbeweis und Verweigerungsstatement gegen die tristen und rigiden Erwartungen der Erwachsenenwelt. Dann lieber die Kerze sein, die an beiden Enden brennt, wie Hendrix, Herman Brood, Lou Reed, oder welche anderen Vorreiter man verehrte. In meinen alten Tagebüchern stehen ganz ähnliche Bekundungen von Freunden, denen ich beim Ausprobieren riskanter alternativer Lebensstile zusah.

Du, könntest du schwimmen

Am Anfang ist es ein wunderbares Gefühl, das Heroin im Blut zu haben, das sieht man in den verzückten und verzauberten Gesichtern der Kids. Da sind: Der sympathisch verpeilte Dreherlehrling Axel (Jeremias Meyer), der zwischen Abenteuerlust, Verliebtheit und geerdeter Arbeitsbereitschaft schwankt. Die kindlich wirkende Babsi (Lea Drinda), die mit dem Geist ihres extravaganten toten Vaters redet, sehr gut zeichnet und mit ihrer Oma in einer alten Berliner Villa wohnt – chancenlos verliebt in den Ricky-Shayne-artigen DJ Dijan (Nik Xhelilaj) im angesagten „Sounds“ mit seiner mythisch-todesdunklen Bühnenausstrahlung. Stella (Lena Urzendowsky), die in der Kneipe ihrer Mama von einem Gast vergewaltigt wird und von da an zynisch, aber immerhin selbstbestimmt mit Sex umgeht. Ein flippiger, schlanker, blonder Junge (Bruno Alexander), der unheimlich gut Leute hochheben kann. Faszinierend auch einige der Erwachsenen: Bernd Hölscher, Jack-Nicholson-artig als solider Handwerkertyp Günther, der Stella und manchmal auch ihre Freundinnen bei sich wohnen lässt. Er ist verliebt und lebt dafür, sobald das Gesetz es erlaubt, mit Stella schlafen zu dürfen und sie zu heiraten. Er wichst und weint herzzerreißend, als dieser Traum zu scheitern droht. Sehr gut auch Sebastian Urzendowsky (Bruder der Stella-Darstellerin) als Christianes kindlich-enthusiastischer Papa mit den großen Plänen, auf den man sich leider nur bedingt verlassen kann. Sie alle spielen erschütternd gut.

Christiane (Jana McKinnon) ist ein intelligentes Mädchen, das Springreiterin werden will und sich auf dem idyllischen Bauernhof ihres Opas um die Stute Gabi kümmert (ihr T-Shirt mit Pferdeporträt kommt auch in Ku’Damm vor). „Gabi mag es versaut“ zitiert ein Freund witzelnd einen Pornotitel, als Gabi eines Tages ausbricht, um einen Hengst zu finden. Zur Strafe soll sie „abgedeckt“ werden. Wie man mit Tieren umgeht, entsetzt Christiane, auch als sie der sogenannten „Absamung“ des geliebten Dobermanns (Hundezucht ist eine der scheiternden Geschäftsideen ihres Papas) beiwohnt. Die Kindheitsfassade bröckelt. Die herbe, enge Wirklichkeit des Erwachsenseins offenbart sich immer mehr. Christiane reagiert mit Härte und ostentativer Abgebrühtheit.

Entzug auf dem Ponyhof

Clean werden heißt, den Traum vom grandiosen Leben auf der Überholspur aufzugeben. Aber auf H sein heißt am Ende fast dasselbe und noch Schlimmeres. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo beschönigt nicht, was für Arschlöcher die einst leuchtenden jungen Leute im Laufe ihrer Sucht und derer Umstände teilweise noch werden – verächtlich, abgefuckt, auch zu einander und zu denen, die sie lieben. Die Regie hat sich dabei mutig gegen das naheliegende Klischee entschieden, alles schäbig und trist aussehen zu lassen. Die Bilder (Kamera: Jakub Bejnarowicz) sind glänzend bunt und intensiv beleuchtet – so glamourös, exzentrisch, groß, kühn und psychedelisch-experimentell wie der Bowie-Sound. Oder auch drastisch-crazy, im Geist von Trainspotting. Die Welt zuhause, im Job oder bei Opa sieht dagegen manchmal aus wie TV oder Kinderferienfilme. Die Serie wurde für ihre flashy Optik kritisiert; sie verharmlose das alles. Aber ich sehe in diesen Farben und verschiedenen Inszenierungsstilen das jugendliche innere Durcheinander der Träume und Lebensentwürfe dieser Kids, selbst wenn das Heroin an ihnen nagt und sie dahinrafft; ihre Geschichte ist auch ohne „realistischen“ Grauschleier wahrlich trist genug.

Die Serie kann man bei Amazon Prime streamen. 

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