The Chronology of Water – Kritik
Bilder wie Gedankenblitze: Kristen Stewart bricht in ihrem Regiedebüt The Chronology of Water beherzt mit den Konventionen linearen Erzählens. Vieles bleibt schemenhaft in diesem Drama um sexuellen Missbrauch, Selbstzerstörung und die erlösende Kraft des Schreibens.

Zuerst sind da nur Bruchstücke beunruhigender Bilder: Wasser, ein gekachelter Boden, Blut, das über weiße Fliesen rinnt, Kieselsteine in einem Mund, eine bläulich verfärbte Kinderhand, junge Schwimmerinnen beim Training, eine verzweifelte Frau unter der Dusche, zwei Mädchen in der Badewanne. Bilder wie Gedankenblitze, schnell geschnitten, ineinanderfließend, doch ohne erkennbaren Zusammenhang. Dazu flüstert eine Frauenstimme aus dem Off: „This is not how I remember it!“
Für ihr Regiedebüt hat sich Schauspielerin Kristen Stewart einen heftigen Stoff vorgenommen. In The Chronology of Water geht es um sexuellen Missbrauch, Schmerz, Ohnmacht, Selbstzerstörung, Scham, Lust und die erlösende Kraft des Schreibens. Der Film basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman der US-Schriftstellerin Lidia Yuknavitch und versucht nicht nur die dramatische Geschichte der Autorin, sondern auch deren eigenwilligen fragmentarischen Erzählstil in Kinobilder zu übersetzen. Dazu bricht Stewart, die auch das Drehbuch geschrieben hat, mit den Konventionen klassischer Biopics. Statt linear einer Lebensgeschichte zu folgen, erzählt sie bruchstückhaft, die Handlung springt wild von Vergangenheit zu Gegenwart und wieder zurück, Erlebnisse in der Jetztzeit triggern Erinnerungen an die Kindheit, Szenen doppeln und überlagern sich. Es gibt extreme Einstellungen, Unterwasserbilder, Nahaufnahmen von nackter Haut und von dem Schimmel an der Zimmerecke.
Kein tränenrühriges Me-too-Drama mit Daddy Issues

Vieles bleibt schemenhaft in diesem aufwühlenden Sturm widerstreitender Erinnerungsfragmente. Für diejenigen, die die Buchvorlage nicht kennen, wird erst nach und nach klar, worum es überhaupt geht. Ich-Erzählerin Lidia (als Kind gespielt von Anna Wittowsky, später mit beeindruckender Stärke und Verletzlichkeit von Imogen Poots) wächst im Oregon der 1970er-Jahre in einem von Gewalt und Alkohol geprägten Umfeld auf. Sie sieht, wie ihre ältere Schwester (als Kind Marlena Sniega, als Erwachsene Thora Birch) sexuell missbraucht wird, und wird dann selbst Opfer ihres gewalttätigen Vaters (Michael Epp). Zuflucht findet sie nur im Wasser: In der Schule entwickelt sie sich zu einer begabten Leistungsschwimmerin und erhält schließlich ein Sportstipendium an einem College weit weg von Zuhause.
Mit der neu gewonnenen Freiheit stürzt Lidia ins andere Extrem: Partys, Drogen, Sex, Schwangerschaft. Erst durch einen unkonventionellen Schreib-Workshop mit Counter-Culture-Literat Ken Kesey, grandios-grummelig gespielt von Jim Belushi, findet sie den Mut, aus ihren traumatischen Erinnerungen ein Buch zu machen. Im Schreiben entdeckt Lidia eine Möglichkeit, sich ihre eigene Geschichte wieder anzueignen, indem sie ihre Erfahrungen von Verletzung und Verlust in Sprache verwandelt.
Es ist Kristen Stewarts Intuition und Ausdauer zu verdanken, dass aus diesem Stoff kein tränenrühriges Me-too-Drama mit Daddy Issues entstanden ist. Sicherlich hätte sich die Starschauspielerin, bekannt für ihre Rollen in Twilight, Spencer oder Love Lies Bleeding (wenn sie nicht gerade für Chanel modelt), einen gefälligeren Stoff für ihr Regiedebüt aussuchen können. Doch Lidia Yuknavitchs Geschichte und ungewöhnliche Erzählweise trafen bei ihr offenbar einen Nerv. Über acht Jahre arbeitete Stewart am Drehbuch und ließ dabei nicht nur die hässlichen, sondern auch die ambivalenten, schamlos-offenen Aspekte der Vorlage in die Filmerzählung einfließen. In einer der bemerkenswertesten Wendungen bemächtigt sich Lidia in einem erotischen Abenteuer mit zwei College-Freundinnen erneut ihrer durch Missbrauch geprägten Sexualität. Das hemmungslose, lustvolle Begehren der Frauen setzt Stewart mit extremen Nahaufnahmen und zärtlich-liebevoller Kamera ganz ohne den üblichen Hollywood-Voyeurismus in Szene.
Ein Rätsel bis zum Ende

So schafft der Film trotz seiner fragmentarischen Struktur emotional berührende Momente, auch wenn ihm insgesamt dann doch der große narrative Bogen fehlt. Oder besser gesagt, es fehlt der klare Impuls, der diese Geschichte mit all ihren erratischen Rück- und Vorsprüngen über die 128 Minuten Laufzeit tragen würde. Daran kann auch Imogen Poots’ virtuose Schauspielkunst kaum etwas ändern. Zwar überzeugt ihre Darstellung der Lidia von der Highschool bis ins mittlere Alter und ihr lakonisches Voice-over hält auch scheinbar unverbundene Szenen zusammen, doch aufgrund des episodenhaften Erzählstils wird keine nuancierte emotionale Entwicklung sichtbar. Wir sehen immer nur kurze, emotional aufgeladene Sequenzen, in denen sich die Hauptfigur in Extremzuständen befindet: Angst und Scham, Trauer und Schmerz, Lachen und Weinen. Bis zum Ende bleibt Lidia ein Rätsel: eine bewundernswert starke, resiliente, aber letztlich undurchschaubare Frau.
Dennoch ist The Chronology of Water unbedingt sehenswert, auch deshalb, weil der Film das Thema Missbrauch mal nicht im üblichen Opfer-Täter-Reue-Rache-Schema präsentiert. Und weil er eindrucksvoll demonstriert, dass wir mit Kristen Stewart ab jetzt nicht nur als spannender Schauspielerin, sondern auch als innovativer, risikofreudiger Regisseurin rechnen müssen.
Neue Kritiken
Baby, I Will Make You Sweat
Der Astronaut - Project Hail Mary
Is This Thing On?
Maysoon
Trailer zu „The Chronology of Water“

Trailer ansehen (1)
Bilder




zur Galerie (10 Bilder)
Neue Trailer
Kommentare
Es gibt bisher noch keine Kommentare.










