Der Astronaut - Project Hail Mary – Kritik
Eine Mission zur Rettung der Erde mit Ryan Gosling als Astronaut ohne Gedächtnis. Der Astronaut – Project Hail Mary hätte leicht ein schwerfälliges Weltraumepos werden können, erweist sich jedoch als optimistischer Abenteuerfilm: verspielt, aufrichtig und im besten Sinne sentimental.

Eine ganze Reihe von schleierhaften Erscheinungen müssen in Der Astronaut – Project Hail Mary entschlüsselt werden. Erstens: Eine schwarze, mikrobiologische, außerirdische Substanz saugt vampirisch der Sonne ihre Kraft aus. Soll die Erde keine Eiswüste werden, muss das Verhalten dieser „Astrophagen“ erforscht und ihre Wirkung rückgängig gemacht werden. Zweitens: Auf der Weltraummission, die zur Rettung der Erde gestartet wird, lernt Dr. Ryland Grace (Ryan Gosling) ein steinförmiges Wesen kennen. Nicht wenig Laufzeit widmet der Film der Suche der beiden nach Verständigungsmöglichkeiten. Drittens und last, but not least: In mehreren Szenen steht Grace mächtigen Autoritäten gegenüber, seien es Räume voller ernst blickender Wissenschaftskoryphäen oder einfach nur seine unterkühlte Vorgesetzte (Sandra Hüller). In diesen Situationen liegt es stets an Grace, den richtigen Ton zu finden, um das Eis zwischen sich und den anderen zu brechen.
Der Astronaut behandelt also, neben dem drohenden Weltuntergang, vor allem das Mysterium, wie sich Kommunikation zwischen Fremden herstellen lassen kann. Der Film setzt ein, indem er zeigt, wie Grace in seinem Raumschiff fern der Erde aus einem langen Koma erwacht. Die restlichen Besatzungsmitglieder sind alle ums Leben gekommen, Grace ist allein in den Weiten des Alls und hat außerdem seine Erinnerung verloren. Ansatzlos wird er somit in eine Welt geworfen, die er nicht versteht. Erst Rückblenden erschließen ihm und uns nach und nach, wie er im All landete, obwohl er eigentlich kein Astronaut, sondern Grundschullehrer war. Parallel zu dieser Spurensuche in der Vergangenheit muss Grace außerdem lernen, außerirdische Mikroben und Sprachen zu verstehen, obwohl deren Komplexität seinen Verstand übersteigt. Sich in dieser fremden Umgebung zurechtzufinden ist für Grace ein steiniger Weg.
Existenzfragen werden zu anregenden Knobelaufgaben

Die von Regieduo Phil Lord und Chris Miller (Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen) entworfene Ausgangssituation ist kalt und unerbittlich. Doch obwohl die Einsätze enorm sind – es geht um das Schicksal der Welt und die Daseinsbedingungen des Menschen – bedeutet das mitnichten, dass man sich dadurch die Stimmung verhageln muss. Die Mysterien unserer Existenz treten hier nicht wie in Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum als schwarze Quader in Erscheinung, die uns mit ihrer kosmischen Bedeutsamkeit niederdrücken und in Schockstarre versetzen. Stattdessen erscheinen sie wie an- und aufregende Knobelaufgaben. Denn Dr. Grace ist im Herzen immer noch ein Grundschullehrer geblieben und Der Astronaut ist ein Film ganz in seinem Sinne: Er möchte einem den Spaß am Lernen vermitteln, für ihn gilt die Suche nach Verständnis schon als Bereicherung.
Ryan Goslings Grace ist folglich kein klassischer Held und auch kein gestandener Wissenschaftler, der stets die richtigen Antworten parat hat, sondern ein neugieriger, verantwortungsscheuer Nerd. Er trägt T-Shirts mit Wissenschaftlerhumor – auf einem ist das Periodensystem abgebildet, darunter steht: „I wear this shirt periodically“. Seine Brille sitzt immer so tief auf der Nase, dass er weltfremd über sie hinwegschauen kann – was durch Goslings weiche Augen nicht nach der Pose eines geltungsbewussten Philosophen und Publizisten aussieht, sondern nach nerdigem Hipsterchic. Größtenteils stolpert Grace durch den Film, verhaspelt sich und bekommt aufgezeigt, wie wenig er in der Lage ist, seine Probleme zu meistern. Graces Lust am Lernen übersetzt der Film aber nicht in eine ausladende Abfolge wissenschaftlicher Details (was manche vielleicht bedauern mögen). Und dass Grace ständig in schwer zu bewältigenden Situationen landet, schmückt der Film nicht zu einem schwerwiegenden Drama aus. Stattdessen bekommen wir mit Der Astronaut einen grundoptimistischen Abenteuerfilm und eine derbe Buddy-Komödie serviert, die von einer ungetrübten Jugendlichkeit angetrieben wird.
Aufrichtig bis ins Mark und voll mutiger Verspieltheit

Auf seiner Reise durch das All trifft Grace irgendwann auf „Rocky“, einen steinernen Außerirdischen mit sechs Armen/Beinen und ohne Gesicht. Beide sind sie die letzten Überlebenden ihrer jeweiligen Raumfahrtsmission und beide besitzen Technik, die die Vorstellungskraft des anderen übersteigt. Nach kurzem Schrecken beim ersten Aufeinandertreffen werden sie schnell zu besten Freunden, zu den Hauptfiguren einer platonischen Romanze, die dieser gnadenlos sentimentale Film wunderbar auskostet. Der Astronaut hält unserer kalten Welt eine warmherzige Vision entgegen, getragen von der Überzeugung, dass es völlig normal ist, sich unsicher durchs Leben hangeln zu müssen – und dass, egal wie krude jemand ist, er jemanden finden wird, der ihn versteht. Trotz aller Ironie ist Lord/Millers Film aufrichtig bis ins Mark, mit dick aufgetragenem Kitsch, zuweilen atemraubender Optik und einer Sandra Hüller, die (wenn auch nur in Rückblenden) wieder Karaoke singen und uns das Herz aufgehen lassen darf.
Die Verspieltheit des Films ist nicht Ausdruck einer regressiven Kindlichkeit, sondern, im Gegenteil, eines mutigen Erwachsenenseins. Weder versteckt er sich hinter einer sphinxhaften Pose hoher Weisheit, noch lässt er durch die Zurschaustellung menschlichen Schmerzes alle Hoffnung fahren – er besteht vielmehr stets auf ebendieser Hoffnung. Klar, das macht den Film vielleicht nicht zu einem neuen Meilenstein in der Geschichte des Science-Fiction-Films. Aber in seiner Verbindung von naiver Neugier mit sentimentaler Aufrichtigkeit erinnert Der Astronaut doch daran, wozu die Traumfabrik Hollywood in ihren besten Momenten immer noch in der Lage ist.
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