Viennale 2014: Festivalnotizen (2)

Raus auf die Straßen! Filme von Giovanni Bonfanti, Peter Bogdanovich und Pedro Costa.

Vor einigen Wochen war ich seit sehr langer Zeit wieder einmal auf einer Demonstration. Ich kann nicht abstreiten, dass ich solche Veranstaltungen zwar – je nach Thema – für wichtig halte, in der Regel aber doch meide. In diesem konkreten Fall wurden dann auch wieder sämtliche Vorurteile bestätigt, was sicher auch mit der Anwesenheit der MLPD zu tun hatte, mit unsinnigen Sprechchören, in denen sich Islamismus auf Kommunismus reimt, ja insgesamt mit einer Rhetorik, die ich, gelinde gesagt, für nicht besonders zeitgemäß halte.

Vor der medialen Selbstinszenierung#

  

In 12 Dicembre (1972) von Giovanni Bonfanti geht es um linken Protest in Revolutionszeiten. Die Bilder, die der Dokumentarfilm dabei einfängt, sind über die Jahre auch zum Klischee geworden: Die Mächtigen werden verteufelt, es wird mit Steinen auf Polizisten geworfen, die Internationale gesungen und zum Widerstand aufgerufen. Trotzdem reißt mich der Film während der nachmitternächtlichen Vorführung immer wieder aus dem Halbschlaf. Was mit einem rechtsterroristischen Bombenanschlag beginnt, entwickelt sich immer mehr zur Redebühne wütender Arbeiter. Die Menschen drängeln sich vor dem Mikrofon des Filmteams. Jeder möchte einmal laut seine Meinung sagen, und zwar nicht nur, wie sonst, unter Kollegen, sondern öffentlich; mit der Hoffnung, dass sich dadurch vielleicht etwas ändert. Streckenweise erinnert das an Pasolinis Das Gastmahl der Liebe (Comizi d’amore, 1964) – Pasolini hat angeblich auch bei 12 Dicembre mitgearbeitet –, in dem der Regisseur die Italiener auf offener Straße nach ihren Einstellungen zu Liebe und Sexualität befragt. Damals gab es eben noch kein Internet, wo jeder zu allem seinen Senf gegeben hat, sondern nur ab und zu eine Filmkamera, die Plattform für die eigenen Gedanken sein konnte. Statt vor der Kamera wegzulaufen, sie als Bedrohung wahrzunehmen, weil sie einen unvorteilhaft zeigen könnte, haben sich die Protestierenden in 12 Dicembre offensichtlich noch nicht viele Gedanken über ihr Selbstbild oder die Möglichkeiten medialer Inszenierung gemacht. Die Kamera ist vor allem eine Chance. Jede Sekunde wird dazu genutzt, dem unsichtbaren Zuschauer das Unrecht ins Gesicht zu brüllen.

Raus auf die Straße!

 

Ein ganz anderer Film, der sich überwiegend auf der Straße abspielt, ist Peter Bogdanovichs außergewöhnliche Romantic Comedy They All Laughed (1981). Ein wenig seltsam ist es schon, dass in Wien nicht Bogdanovichs neue von der Presse gefeierte Komödie She's Funny That Way läuft, sondern eine alte Regiearbeit, die in einer erstklassigen, wenn auch leider schwedisch untertitelten 35mm-Kopie zu sehen ist. Selten kommt der Film zur Ruhe, folgt seinen Figuren, durch die belebten Straßen, Plätze, Einkaufszentren, Hotellobbys, Rollschuhdiscos und Musikclubs eines New Yorks, das tatsächlich niemals zu schlafen scheint. Das Verfolgen gehört dabei fest zum Konzept des Films. Immerhin steht im Zentrum der Geschichte eine Gruppe von Privatdetektiven, die schönen Frauen wie Audrey Hepurn und Dorothy Stratton – Bogdanovichs damalige Lebensgefährtin, die kurz nach den Dreharbeiten von ihrem Ex-Freund ermordet wurde – nachstellt. Arbeit, Freizeit, Liebe, all das ist hier untrennbar miteinander vereint.

Das Liebeskarussell wird sich weiterdrehen

   

Nach They All Laughed fühlt man sich tatsächlich so, als wäre man gerade zwei Stunden durch New York gehetzt, hätte immer wieder neue Plätze und Menschen kennengelernt. Das Faszinierende an diesem unheimlich dynamischen Film ist, wie sich die Utopie der freien Liebe in die 1980er Jahre herübergerettet hat. Sicher, es gibt Beziehungen und auch Ehen, aber sie haben in einer Metropole der unendlichen Versuchungen keinerlei Wert. Es wird inflationär in der Gegend herumgeknutscht, ohne dass Bogdanovich das zum moralischen Problem erheben würde. Und wenn am Schluss ganz schnell noch jeder Topf seinen Deckel findet, ist das nur auf den ersten Blick ein konstruiertes oder gar konservatives Happy End. Denn wenn wir etwas von dem Film gelernt haben, dann dass Beziehungen alles sind, nur nicht endgültig.

Bildungslücken füllen

Selbst wenn man regelmäßig Festivals besucht, kann es einem passieren, über die Jahre um einige zentralen Figuren des europäischen Autorenkinos herumzukommen. Mir ist das bei dem Portugiesen Pedro Costa gelungen. Vor einigen Jahren wollte ich mir seinen Debütfilm Das Blut (O Sangue, 1989) ansehen, bin aber schon nach kurzer Zeit eingeschlafen. Das spricht sicher nicht gegen den Film, aber auch nicht unbedingt dafür. Einige Freunde und Kollegen sagen immer wieder, dass man nur im Kino schläft, wenn man dem Film vertraut. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube eher, man schläft im Kino, wenn man müde ist. Sonst hätte ich mein Vertrauen auch schon an wirklich grässliche Filme verschwendet. Doch zurück zu Costa und seinen neuen Film Horse Money (Cavalo Dineiro), der selbst wie ein Traum wirkt, nach meiner eigenen, allerdings nicht wirklich fundierten Interpretation sogar der Traum der Hauptfigur ist.

Vom Licht zerstückelte Menschen

  

Das Schönste an dem Film sind seine Bilder, die im dichten 4:3-Format eine unwirkliche Schattenwelt beschwören, in der Vergangenheit und Gegenwart, Einbildung und Wirklichkeit nahtlos ineinander übergehen. Allein die Lichtsetzung ist großartig, mit ihren starken Kontrasten weniger vom Expressionismus beeinflusst, als vom warmen, transzendentalen Licht niederländischer Porträtmalerei. Manchmal erinnert das ein wenig an die Filme von Aki Kaurismäki, nimmt den Menschen aber weniger als zentrale Einheit wahr, sondern zerstückelt ihn mit kleinen, über das Bild verteilten Lichtkegeln, die meist den Blick auf die unergründlichen Gesichter der Darsteller lenken. So gern ich mich in diese künstliche Welt ziehen lasse, in der sich unter einer modernistischen Klinik für psychisch Kranke eine mittelalterliche Kerkeranlage befindet und einige schlafwandelnd wirkende Jungen fein drapiert in den Bäumen sitzen, wirklich schlau werde ich aus Horse Money nicht. Einiges hat sicher damit zu tun, dass Costa ein Wissen über die portugiesische Gegenwart und Geschichte voraussetzt, das ich nicht habe. Aber auch damit, dass die ständigen Wiederholungen und die Redundanz, mit der jedes der Bilder zur Fotografie einfriert, mit der Zeit an den Nerven zehren; insbesondere in einer langen, beklemmenden Szene in einem Fahrstuhl. Danach bin ich froh, wieder raus auf die Straße zu können. Zwar lande ich nicht in Mailand, Neapel oder New York , aber ein nächtliches Wien im Nebel ist schon auch ganz schön.

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