Peter Nestler: Erinnerung und Widerstand

Politisch, ohne dogmatisch zu sein. Anspruchsvoll, ohne kompliziert zu sein. Neugierig, aber mit respektvollem Abstand. Die Filme des großen Dokumentaristen Peter Nestler erscheinen auf einer umfangreichen DVD-Box.

Arbeit, Alltag und die Spuren der Vergangenheit

Am Siel 2

Gleich mit seinem Debüt ist Peter Nestler an die Grenzen des Dokumentarfilms gegangen. Obwohl es sich dieser Filmemacher, der zweifellos zu den wichtigsten Deutschlands gehört, immer zum Ziel gesetzt hat, die Wirklichkeit so unverzerrt wie möglich darzustellen, konnte ein Publikum mit ähnlichen Erwartungen hier leicht enttäuscht werden. Denn Am Siel (1962) – als Siele bezeichnet man Kanäle an Deichen, die Teil des Entwässerungssystems sind – bricht durch die Einführung eines fantastischen Elements radikal mit den Konventionen des Formats. Dass es hier um ein norddeutsches Dorf, seine Bewohner und deren Alltag geht, ist nicht das Ungewöhnliche, es ist die Erzählperspektive. Denn statt Originalton hören wir einen lyrischen Voice-over – die Stimme des personifizierten Siels, das mit Unverständnis das Leben der Menschen beobachtet.

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Auch wenn Nestler in späteren Filmen nicht mehr auf solche radikalen Stilmittel zurückgreifen wird, finden sich in Am Siel doch schon zahlreiche Motive, die sich durch sein Werk ziehen: Der präzise Blick auf die einfache, ländliche Bevölkerung und ihre Arbeit sowie die Geschichte, die ihre Spuren in der Landschaft, aber auch den Menschen hinterlässt. Dass diese Spuren oft mit der Zeit des Nationalsozialismus zu tun haben, mag auch daran liegen, dass Nestler kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren wurde und somit biografisch sehr dicht dran ist an diesem dunklen Kapitel. In Am Siel ist zwischen Einstellungen des harmlosen Dorflebens kurz die Aufnahme eines Denkmals zu sehen, das die unter Hitler gefallenen „Kriegshelden“ ehrt. Ein hässliches Überbleibsel von gestern an einem Ort, an dem Zeit ohnehin kaum eine Rolle spielt.

In den Filmen von Peter Nestler scheint es keine wirkliche Gegenwart zu geben. Was als Jetzt bezeichnet wird, ist im Grunde ein Nebeneinander von Neuem und den Rudimenten einer vergangenen Zeit, manche sichtbarer als andere. Häufig beginnen die Filme mit aktuellen Landschaftsaufnahmen, während sich die Erzählstimme in die Vergangenheit tastet. Der Ton ist nicht nur eine Ergänzung des Bildes, er verändert auch den Blick, den wir auf eine vermeintlich idyllische Landschaft haben.

Die Donau rauf 2

Der halbstündige Die Donau rauf (1970) ist ein gutes Beispiel für das nahtlose Gleiten zwischen verschiedenen Zeitebenen. Entgegen seiner kurzen Laufzeit ist der Film unheimlich dicht und reich an Eindrücken. Den Rahmen bildet eine Schifffahrt die Donau entlang, von Budapest über Österreich bis nach Niederbayern. Der dramaturgische Aufbau in Nestlers Filmen hat oft etwas frei Assoziierendes. Auf ein Interview mit einem afrikanischen Studenten folgen Einstellungen, in denen die Handgriffe von Schiffsarbeitern kurz und klar festgehalten werden. Und dann, vorgegeben von der Route, springt der Film wild in der Vergangenheit umher, zu den Nibelungen, dem KZ Mauthausen oder den ungarischen Bauernaufständen.

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Während in Die Donau rauf die Umwälzungen in der Vergangenheit liegen, widmet sich Nestler in Ödenwaldstetten (1964), einem seiner eindringlichsten Werke, ganz konkret einer Zeit des Übergangs. Bei seiner Fernsehausstrahlung bekam der Film denn auch den erklärenden Untertitel Ein Dorf ändert sein Gesicht. Der Regisseur fuhr damals in die Schwäbische Alb, um die Auswirkungen der Industrialisierung auf den Alltag eines Dorfes festzuhalten. Die Bäckerei bekommt einen elektrischen Ofen, die Bauern setzen Melkmaschinen ein, man beginnt mit Massentierhaltung, und so weiter. Nestler zeigt ein Dorf, das nach einem schrecklichen Krieg neu anfangen will.

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Doch auch jetzt, wo alles beschleunigt wird, die Flaschen der heimischen Brauerei rasant übers Fließband laufen und die Landwirtschaft mit Mähmaschinen in größere Dimensionen gehievt wird, findet man noch überall Erinnerungen an früher: ein verblichener Schriftzug auf einer Häuserwand und wieder ein Gedenkstein, diesmal für die aus der Stadt deportierten Juden. Wenn der Film die Dorfbewohner aus dem Off zu Wort kommen lässt, wird schnell klar, dass sich Nestler nicht auf ungeschickte Formulierungen stürzen möchte, um seine Gesprächspartner zu denunzieren. Jeder, egal ob Dorflehrer oder Kriegsveteran, behält die Kontrolle darüber, was er sagen möchte, liest seine ausformulierten Statements in nüchternem Tonfall ab. Vorführen sollen andere.

Aufsaetze

Die Mitbestimmung der Beteiligten ist ein wichtiger Aspekt bei der Entstehung von Nestlers Filmen. Keiner der Beteiligten wird vom Gestaltungswillen eines übergroßen Regie-Egos erdrückt. In Aufsätze (1963) wird etwa ein Schultag in einem Schweizer Bergdorf beobachtet. Ausgangsmaterial des Films sind Aufsätze, in denen die Schüler selbst ihren Alltag beschreiben. Und während sie diese oft etwas ungelenk aus dem Off vortragen, findet Nestler dazu die passenden Bilder.

Widerstand gegen die Regeln des Fernsehens

Ein Arbeiterclub in Sheffield

Lange Zeit waren die Filme dieses bedeutenden Dokumentaristen nur schwer erhältlich. Das Label absolut MEDIEN ändert dies nun mit der fünfteiligen DVD-Box Peter Nestler – Poetischer Provokateur, die einen Großteil seines Werks enthält. Zwar fehlen die fürs schwedische Fernsehen zwischen den Jahren 1970 und 1988 entstandenen Arbeiten komplett, trotzdem gibt die Box einen umfangreichen Einblick in Nestlers Schaffen. Mit zwanzig Beiträgen wird ein Bogen von den Anfängen bis heute gespannt, und während sich Gegenstand und Format im Laufe der Zeit ändern, bleibt der unaufdringlich neugierige Blick des Machers der Gleiche.

Eine huebscher als die andere

Eigentlich hätte Nestler auch einen anderen Weg gehen können. Anfang der 1960er Jahre spielte er in Schlagerfilmen wie Eine hübscher als die andere (1961) und Muss i denn zum Städtele hinaus (1962) neben damaligen Stars wie Heidi Brühl und Vico Torriani, dies allerdings nur, um seine ersten Dokumentationen finanzieren zu können. Die kurze Karriere als Schauspieler glaubt man ihm anzumerken: an den fast ausschließlich selbst gesprochenen Kommentaren, wie er seinen Text mit brummend sonorer Stimme vorträgt, immer deutlich artikuliert und betont. Nestler liefert nicht nur Hintergrundinformationen und zitiert aus literarischen Quellen, er spricht auch häufig die Übersetzungen von Interviews ein. Im anspruchsvolleren, vom individuellen Stil eines Autors geprägten Dokumentarfilm sind solche omnipräsenten Erzählstimmen inzwischen ein No-Go geworden. In der Tat ist das auch bei Nestler manchmal gewöhnungsbedürftig, letztlich aber auch nur eine ästhetische Entscheidung, nämlich die, neben der Bild- auch die Tonebene verstärkt zu nutzen. Schließlich gibt der Filmemacher nicht den allwissenden und altklugen Onkel, sondern beschränkt sich stets auf das Notwendigste.

Zeit

Nestler dreht anspruchsvolle Filme, die einen konzentrierten und teilweise auch gebildeten Betrachter fordern, ohne dabei elitär oder penetrant intellektuell zu wirken. Alles in allem sind es sehr klassische Dokumentationen, die den Zuschauer mit fundiertem Wissen über einen bestimmten Sachverhalt ausstatten. Vom starken Formalismus des Essayfilms eines Harun Farocki oder Hartmut Bitomsky wirkt das weit entfernt. Die Arbeit für Rundfunkanstalten mag diese Art der Inszenierung gefördert haben, auch wenn es Nestler beim Fernsehen nie leicht hatte. Häufig waren seine Filme zu langsam und politisch für ein Publikum mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne. Als die Aufträge schließlich ausblieben, emigrierte Nestler nach Schweden, in die Heimat seiner Mutter.

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Hier lebt er heute noch, auch wenn sich die berufliche Lage nach einiger Zeit wieder erschwert hat und er seine Filme mitunter aus eigener Tasche finanzieren musste. Für einen Regisseur wie ihn ist es ein schmaler Grat zwischen künstlerischer Integrität und ökonomischer Abhängigkeit. Manchmal muss man sich eben den Konventionen des Mediums beugen, um überhaupt arbeiten zu können. Meist ist es Nestler trotz solcher Beschränkungen gelungen, seinen eigenen Blick auf die Dinge durchzusetzen. Dass das aber nicht immer funktionieren muss, zeigt sich etwa an dem für 3sat entstandenen Mit der Musik groß werden (2003), einem kurzen Film über zwei junge Roma-Schwestern, die bei einem Musikwettbewerb vorspielen. Hier erweist sich das Format als zu eng, sodass Nestler nicht über den Reportagestil herkömmlicher Fernsehdokumentationen hinauskommt.

Für die Unterdrückten und gegen das Vergessen

Von Griechenland

Den Ruf als unbequemen Filmemacher bekam Nestler schon mit den ersten Arbeiten. Skandale auf Filmfestivals gehörten für einen politischen Filmemacher in den 1960er Jahren zum guten Ton. Nestler sorgte etwa mit Von Griechenland (1965) auf dem Filmfest Oberhausen für einen Aufruhr. Tatsächlich wirkt der Film aus heutiger Perspektive etwas aufdringlich agitatorisch. Es wird erzählt vom Aufstand der einfachen Griechen, zunächst gegen die Besatzung der Nazis und später gegen eine korrupte Regierung. Am Schluss spricht Nestler die kämpferischen Worte: „Der Faschismus muss überwunden werden. Es wird ein freies Griechenland geben. Es lebe das griechische Volk.“

Die Donau rauf 1

Obwohl der Film seine Gesinnung deutlich nach außen trägt, ist er eher wegen anderer Aspekte interessant. Zum einen, weil Nestler hier sehr experimentell mit der Verbindung von Bild- und Tonebene umgeht, sie teilweise sogar völlig unabhängig voneinander behandelt. Aber auch, weil sich die Sympathie mit dem griechischen Volk letztlich keinem politischen Dogmatismus unterordnet. Vielmehr ist das Sympathisieren mit den Unterdrückten ein Leitmotiv in seiner Arbeit, ob es sich nun um die Juden im „Dritten Reich“ handelt, die Sklaven bei den Römern oder die indigenen Völker in der Gegenwart.

Die Nordkalotte

Letzteren widmete sich Nestler vor allem in den zwei späteren Langfilmen Die Nordkalotte (1991) und Pachamama – Unsere Erde (1995). Nicht selten verlieren sich Filme, die dem Zuschauer eine fremde Kultur näherbringen wollen, in den Untiefen des Ethno-Kitsches. Nestler bleibt jedoch auch hier so vielschichtig und politisch wie immer und findet dabei stets den richtigen Ton, oder besser gesagt den richtigen Abstand. Statt seinen Interviewpartnern auf die Pelle zu rücken und mit der Kamera zwanghaft nach Emotionen zu suchen, bleibt er respektvoll distanziert.

Pachamama

Jene Szenen, in denen die Samen oder indigene Völker aus Ecuador altertümliche Fundstücke ihrer Kultur präsentieren oder ihre vom Aussterben bedrohte Musik spielen, sind frei von kolonialistischem Blick und exotischer Romantik. Stattdessen bieten diese Momente ein Archiv von unschätzbarem Wert. Auch das Interesse für Handwerk und Volkskunst, wie es in anderen Filmen wie Zigeuner sein (1970) und Zeit (1992) deutlich wird, hängt damit zusammen, dass sich hier vergessene Traditionen und persönliche Erfahrungen manifestieren. Mit archäologischem und ethnologischem Eifer hält Nestler jeweils Ausdrucksformen einer Kultur fest, die der nächsten Generation vielleicht schon vorenthalten bleibt. Da macht es dann auch keinen Unterschied, ob es die Filme in den Anden oder der Schwäbischen Alb angesiedelt sind. Nestler zeigt eine Welt, wie sie war und zum Zeitpunkt des Drehs noch ist. Für die Erinnerung und gegen das Vergessen.

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