Far East Film Udine 2014: Sehtagebuch (3)

Eine amerikanische Nerd-Komödie aus Indonesien, Waterboarding mit Nudelsuppe in einem südkoreanischen Foltergefängnis und ein durch und durch romantischer Actionfilm, der ganz Hongkong in Trümmer legt.

Brontosaurus Love (Cinta brontosauraus; Regie: Fajar Nugros; Indonesien 2013)

Brontosaurus Love

Nerd-Komödien gibt es nicht nur in den USA. Interessant an dem indonesischen Film Brontosaurus Love ist aber, wie offensichtlich er sich auf diese bezieht. Die Geschichte um den Slacker Daki, der seine amourösen Misserfolge in einen literarischen Misserfolg verwandelt hat, eignet sich den Look amerikanischer Vorbilder bis ins Detail an. In der Rolle des Protagonisten könnte ich mir gut Michael Cera oder Jesse Eisenberg vorstellen – auch wenn Daki weniger sensibel geraten ist. Und auch der Dresscode – von der schwarz umrandeten Brille bis zum Karohemd – bleibt der globalisierten Geek-Ikonografie treu. Vielleicht hat sich Regisseur Fajar Nugros aber auch von einer früheren Generation an unbedarften Brillenträgern inspirieren lassen, das legt zumindest ein Bild von Woody Allen auf Dakis Handy nahe. Das sichere Gespür für Fettnäpfchen und den Hang, sich über die Liebe zu viele Gedanken zu machen – Daki stellt etwa die Theorie auf, dass jede Beziehung ein Ablaufdatum hat – teilen die beiden zumindest.

Vergleicht man Brontosaurus Love mit seinen Vorbildern, treten seine Unzulänglichkeiten deutlich hervor: Das Tempo ist schleppend und den Witzen fehlt der Biss. Nun könnte man gerade den Humor des Films als indonesische Eigenheit verstehen und mein Unverständnis als kulturelles Übersetzungsproblem. Doch die Wohlstandswelt des Films, in der es nur Beziehungs-, aber keine Geldsorgen gibt – in Indonesien eher die Ausnahme als die Regel – kennt man eher aus dem westlichen Kino. In einigen Details fließen aber auch nationale Eigenheiten mit ein. Ganz hübsch ist etwa ein Running Gag mit einem Produzenten von Horrorfilmen, der Dikas Buch auf die Leinwand bringen will, ohne sich dafür zu interessieren, worum es darin eigentlich geht. Inspiriert von der Mythologie des indonesischen Horrorkinos und den Verkaufsstrategien von Schundfilmen sind am Rande immer wieder kurze lustige Trailer zu sehen, in denen aus totalem Nonsens – einer Krankenschwester etwa, die sich durch Liegestützen fortbewegt – ein neuer Verkaufsschlager wird.

 

The Attorney (Byeon-ho-in; Regie: Yang Woo-seok; Südkorea 2013)

The Attorney

Auch The Attorney, das Regiedebüt des Südkoreaners Yang Woo-seok, kann man sich gut in Hollywood vorstellen: Es handelt sich um ein Gerichtsdrama, das einen historischen Fall aufgreift und sein Publikum vor allem mit der Kraft der Gefühle überzeugen möchte. Wie in National Security (Namyeong-dong 1985, 2013), der im letzten Jahr in Udine zu sehen war, geht es darin um das umstrittene Nationale Sicherheitsgesetz. Damit wurden bis in die 1980er Jahre widerwärtige Foltermethoden legitimiert, mit denen eine paranoide Regierung auf Kommunistenhatz ging. Sogar ihre zentralen Schauplätze teilen die Filme, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung: Ein Gerichtssaal und ein mit weißen Fließen gekachelter Folterkeller. In Letzerem müssen die Gefangenen in The Attorney unter anderem ein Water Boarding mit Nudelsuppe ertragen. Doch trotz dieser Gemeinsamkeiten hat Yang einen ganz anderen Film gedreht. Was ihn interessiert, ist nicht eine ausführliche Schilderung des Unrechts, sondern die Möglichkeit, diesem mit den Mitteln des Kinos entgegenzutreten. Der Engel der Gerechtigkeit ist ausgerechnet ein materialistischer Anwalt, der sich nur für den Fall erweichen lässt, weil der Sohn einer Bekannten angeklagt ist, und der sich im Laufe der Handlung vom Opportunisten zum politischen Aktivisten wandelt. Der Realität fühlt sich der Film dabei weniger verpflichtet als der Genugtuung seines Publikums. Der Gerichtssaal wird zur emotional hocherhitzten Kampfarena, in der Yangs Held seine ganze Wut in die Gesichter der Folterknechte schreien darf.

 

Firestorm (Fung bou; Regie: Alan Yuen; China, Hongkong 2013)

Firestorm

Ein graues Wolkenmeer braut sich in der ersten Einstellung über der Skyline von Hongkong zusammen, wie eine dunkle Vorahnung von dem, was mich in den nächsten zwei Stunden erwartet: eine Dampfwalze von einem Film, die einen selbst als Kenner des zum Exzess neigenden Kinos der ehemaligen britischen Kronkolonie mit offenem Mund zurücklässt. Eine vertraute Räuber-und-Gendarm-Geschichte ist für Alan Yuen nur der Ausgangspunkt für eine wahnwitzige Materialschlacht, die nur Superlative kennt und sich in alle Richtungen prügelt. Gleich am Anfang wird ein Geldtransporter überfallen, indem er mit einem Kran von der Schnellstraße in den Himmel gezogen wird. Am Ende, nachdem Hongkong von einer Gruppe ehrgeiziger Männer, die sich ihren Traum nicht nehmen lassen wollen, in Schutt und Asche gelegt wurde, reißt der Asphalt auf und zieht die Leichen und Autotrümmer in die Tiefe.

Es ist immer wieder erstaunlich, was für unterschiedliche inszenatorische Ansätze ein Label wie das des Actionkinos vereint. Für Yuen ist ein Actionfilm vor allem ein Katastrophenfilm in jeder Hinsicht. Man könnte auch sagen, Firestorm verwirklicht jenes Ideal der Romantik, nach dem sich die innere Zerrissenheit der Figuren in der äußeren Wirklichkeit widerspiegelt. Während die Stadt von einem Taifun umkreist wird, gerät die urbane Welt durcheinander: Der rechtschaffene Polizist wird zum Bösen und der selbstsüchtige Gangster zum verantwortungsvollen Familienvater. Wenn am Ende dieser überwältigenden Trümmerorgie der einzige Überlebende versucht, die alte Ordnung wiederherzustellen, klärt sich auch der Himmel auf.

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