Far East Film Udine 2014: Sehtagebuch (2)

Ein japanisches Not-To-Do der Vergangenheitsbewältigung, ein niederschmetternder Kinderfilm aus dem Hongkong der 1960er Jahre und die lang erwartete Fortsetzung von Gareth Evans’ Hochhaus-Klopperei The Raid.

The Eternal Zero (Eien no zero; Regie: Takashi Yamazaki; Japan 2013)

The Eternal Zero

Mit der Bewältigung ihrer faschistischen Vergangenheit haben die Japaner so ihre Probleme. Umso bemerkenswerter war Yoji Yamadas auf der Berlinale gezeigtes Kriegsmelodram The Little House (Chiisai ouchi) [LINK], das genau den richtigen Ton traf: Was geschehen ist, wird nicht verharmlost, die Landsleute von damals aber auch nicht zum Schafott geführt. Der Blockbuster The Eternal Zero arbeitet zumindest mit einer ähnlich zwischen Vergangenheit und Gegenwart springenden Erzählstruktur: Der junge Kentaro (Haruma Miura) erfährt, dass sein leiblicher Großvater ein Kamikaze-Flieger war, und beginnt darauf bei den ehemaligen Kollegen nachzuforschen. Dass der Opa, wie zunächst behauptet, kein Feigling, sondern ein Held war, das ist schon nach den ersten der zahlreichen Rückblenden, die Kentaro immer wieder die Tränen in die Augen treiben, klar. Der amerikanische Kritiker Mark Schilling, der für Udine die japanischen Beiträge aussucht, betont, dass sich The Eternal Zero von Filmen mit ähnlicher Thematik abhebt, weil der Krieg hier nicht im Namen des Vaterlandes, sondern im Namen der Liebe zu Frau und Kindern geführt wird. Erträglicher macht das diesen Kitsch – für den sich immerhin der legendäre Butoh-Tänzer Min Tanaka hergegeben hat – aber auch nicht.

Was Takashi Yamazaki hier betreibt, bewegt sich irgendwo zwischen Soldatenromantik und Geschichtsklitterung. Dass zumindest dem strategischen Selbstmord ein wenig der Heroismus ausgetrieben wird, ist da ein schwacher Trost. Was die Japaner genau im Zweiten Weltkrieg alles verbrochen haben, ist dem Film noch nicht einmal eine Fußnote wert. Das persönliche Drama überschattet den politischen Wahnsinn. In einer der absurdesten Szenen verteidigt Kentaro die Ehre der Großväter gegenüber der ignoranten Enkelgeneration, die ihre Vorfahren als Terroristen im Kampf für eine falsche Ideologie sieht. Auf den Opa lässt The Eternal Zero nichts kommen. Die Zielgruppe scheint der Film damit auch außerhalb seines Entstehungslandes zu erreichen. Als ich nach dem unappetitlich pathetischen Finale den Kinosaal verlasse, sehe ich, wie sich einige junge Italiener die Tränen aus den Augen wischen.

 

Nobody’s Child (Kuer liulang ji; Regie: Wancang Bu; Hongkong 1960)

Nobody s Child

Kinder und Tiere sind im Kino oft nicht zu ertragen, in Kombination sowieso nicht. Nobody’s Child hält den süßen Versuchungen aber stand, und das trotz einer arg ambitionierten jungen Darstellerin und einem kostümierten Äffchen, das Kunststücke aufführt. Wancang Bus Film beginnt mit einem Zicklein, das einsam durch die Berge streift. Erst nach einer Weile trifft es auf seine Mutter. Die Heldin des Films kommt dagegen nie wirklich an. Ihre Reise ist ein einziger Abschied, zunächst von ihrer liebevollen Pflegemutter, dann von einem Ein-Mann-Wanderzirkus, der als Ersatzvater dient, und schließlich zu ihrer – so legt es der Film nahe – leiblichen Mutter, ohne dass die wahre Verbindung zwischen den beiden je aufgedeckt wird. Obwohl Nobody’s Child anscheinend für Kinder gedacht war, wozu auch die Lieder und niedlichen Attraktionen gut passen, ist der Film eine ziemlich niederschmetternde Angelegenheit. Bu lässt seine Protagonistin immer wieder das bittere Leben spüren, spendet ihr kurzzeitig Trost, nur um ihr darauf gleich wieder den nächsten Schicksalsschlag um die Ohren zu hauen. Wirklich verstanden fühlt sich das Mädchen nur bei den Tieren, die genauso vagabundierende Waisen sind wie sie selbst. Der mir bis dahin unbekannte Regisseur begann seine Laufbahn noch in der Stummfilmzeit, drehte in den 1940er Jahren Propagandafilme für die japanischen Besatzer Hongkongs und erlebte in den 50er und 60er Jahren den Höhepunkt seiner Produktivität. Neben Nobody’s Child entstanden 1960 noch sechs (!) weitere Filme von ihm. Nimm das, Fassbinder!

 

The Raid 2: Berandal (Regie: Gareth Evans; Indonesien, USA 2014)

The Raid 2 Berandal

Ich war neugierig, wie Gareth Evans den Minimalismus seines tollen Hochhaus-Actionfilms The Raid weiterführen würde. Dabei ist die Antwort eigentlich naheliegend: Der opulente The Raid 2: Berandal will vor allem mehr. Mehr Schauplätze, mehr Handlung, mehr Kämpfe und vor allem mehr ausgefallene Tötungsarten. Diese zu (er)finden hat schon der erste Teil als sportliche Herausforderung verstanden. Ein großer Erzähler ist Evans nicht, die Handlung über die intriganten Machenschaften in der Unterwelt Jarkatas ist so rudimentär gehalten, dass sie gerade noch verständlich ist. Iko Uwais, der Star des ersten Films, bleibt dabei zwischenzeitlich ganz im Hintergrund und überlässt die Bühne etwa dem deutschstämmigen Arifin Putra, der mit seinem dämonischen Schönlingsgesicht durchaus Potenzial für eine große Filmkarriere hat. Eigentlich dient die Handlung aber ohnehin nur dazu, die atemberaubend choreografierten Setpieces zusammenzuhalten, die von einer beengten Klokabine bis zu einem von Matsch überzogenen Gefängnisinnenhof reichen. Letzteres inszeniert Evans als bewegtes Schlachtengemälde, das zwischen monumentalisierenden Zeitlupeneffekten und schnellen, punktgenauen Schnitten einen sehr beeindruckenden Rhythmus findet.

Über die epische Länge von 150 Minuten verteilt, gerät das Konzept des Films mitunter an seine Grenzen. Immer noch eins draufsetzen ist die Devise. Jede Szene soll noch brutaler, ausschweifender und abgefahrener sein als die davor. Ein wenig scheint sich Evans in einem ständigen Wettkampf mit sich selbst zu befinden, der im Publikum mit regelmäßigem Szenenapplaus quittiert wird. Aber auch zu Recht. The Raid 2 wirkt wie ein stylishes Handbuch darüber, wie man mit Kreativität und Abwechslung eine gelungene Alternative zu schematischen Actionszenen schaffen kann. Die Latte liegt hoch. Und The Raid 3 ist auch schon in Arbeit.

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