Berlinale 2011 – Empfehlungen

Filmempfehlungen für Forum, Panorama und Generation der 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Forum

Auf der Suche 01

Auf der Suche von Jan Krüger
Kino ist heute mehr denn je digital – die auf der Berlinale überwältigende Tendenz dazu zeigt sich auch in dezidiert für die große Leinwand konzipierten Filmen wie Auf der Suche von Jan Krüger. Gerade erst im Oktober und November mit einer digitalen Spiegelreflex-Kamera in und um Marseille gedreht, erzählt Krügers dritter Langfilm erneut von Verortungsversuchen in der Bewegung. Eine Mutter sucht nach ihrem verschwundenen erwachsenen Sohn, dessen Schwulsein sie nicht akzeptieren will, und formt dafür eine Zwangsgemeinschaft mit dessen Exfreund Jens, der sich sein Selbstbewusstsein nicht nehmen lassen möchte. Das klassische Konfrontationsszenario zweier Figuren mit gemeinsamem Ziel setzt Krüger stilsicher in Szene.

Swans von Hugo Vieira da Silva
Der Portugiese Hugo Vieira da Silva, der 2006 mit Body Rice auf sich aufmerksam machte, hat seinen zweiten Langfilm in Berlin mit deutschen Darstellern gedreht. Die wenigen Dialoge könnten in ihrer Künstlichkeit und Beispielhaftigkeit eine Verwandtschaft zu Angela Schanelec nahelegen. Die formale Strenge von Swans steht allerdings nicht im Dienste einer bürgerlichen Reflexion über Fiktion und Dokument, über Realismus und das Geschichtenerzählen selbst. Da Silva setzt vielmehr die Körperlichkeit der Existenz in den Mittelpunkt und vermag teilweise betörende Bilder dafür zu finden, die eine halluzinatorische Wirkung entfalten.

The Stool Pigeon 01

The Stool Pigeon von Dante Lam
Vor zwei Jahren konnte man sich im Forum mit The Beast Stalker von den Qualitäten des versierten Actionregisseurs Dante Lam überzeugen. In diesem Jahr wird sein neuester Film, The Stool Pigeon, der von der Zusammenarbeit zwischen einem Polizisten und seinem Informanten erzählt, im Forum gezeigt. Heraus gekommen ist dabei erneut ein rasanter Actionfilm mit melodramatischen Untertönen. Gerade von aktuellem amerikanischem Genrekino hebt sich The Stool Pigeon durch deutlich mehr Mut zu visueller und inhaltlicher Extravaganz angenehm ab.

Unter Kontrolle 01

Unter Kontrolle von Volker Sattel
Unter Kontrolle ist ein Film über die Sicherheitsvorkehrungen in deutschen und österreichischen Atomkraftwerken, springt dabei aber keineswegs auf den Zug der wiederbelebten Anti-Atomkraft-Bewegung auf. Statt eine eindimensionale Gegenposition einzunehmen, vertraut Regisseur Volker Sattel auf einen mündigen Zuschauer. Obwohl zahlreiche Interviewpartner zu Wort kommen, ist Unter Kontrolle vor allem ein visuelles Erlebnis, das ungewohnte Einblicke in das Innere eines Atomkraftwerks gewährt. In sorgfältig komponierten Cinemascope-Bildern zeigt der Film bedrohlich wirkende Aufnahmen von Endlagern, inszeniert aber auch die Architektur der Werke in ihrer monumentalen Schönheit.

The Ballad of Genesis and Lady Jaye von Marie Losier
In ihrem ersten Langfilm erzählt die französische Filmemacherin Marie Losier von einem Ausnahmekünstler und einer unkonventionellen Liebe. Über die Jahre haben der Musiker Genesis P-Orridge (Throbbing Gristle, Psychic TV) und seine Partnerin Lady Jaye die Grenzen zwischen Leben und Kunst verwischen lassen. So haben sich beide in ihrem Styling angenähert, aber auch chirurgischen Eingriffen unterzogen, um äußerlich eins zu werden. Den Konventionen schematisch inszenierter Musiker-Dokus setzt Losier mit Super-8-Aufnahmen, Stop-Motion-Animationen und der Musik P-Orridges eine traumartige Do-it-yourself-Ästhetik entgegen.

Generation

Stadt  Land  Fluss 01

Stadt Land Fluss von Benjamin Cantu
Während im brandenburgischen Jänickendorf die Erntearbeit auf Hochtouren läuft, kommt es zwischen dem verschwiegenen Einzelgänger Marko und Jacob, dem „Neuen“, zu einer vorsichtigen Annäherung. In seinem Debütfilm verbindet Benjamin Cantu die fiktive Liebesgeschichte zwischen zwei Azubis mit dokumentarischen Betrachtungen über die industrialisierte Landwirtschaft im Nuthe-Urstromtal zu einer interessanten Mischung. Dabei liegt die besondere Qualität von Stadt Land Fluss in seinem improvisierten Charakter und den Überschneidungen zwischen realer und fiktiver Welt.

Panorama

Tomboy von Céline Sciamma
Der Eröffnungsfilm des Panoramas ist eine dieser seltenen Überraschungen, für die sich der Weg in die ansonsten sehr durchwachsene Sektion lohnt. Céline Sciamma, die bereits mit Water Lilies (Naissance des pieuvres, 2007) in eine Jugendwelt auf Augenhöhe mit ihren Protagonistinnen einzutauchen vermochte, nimmt in ihrem zweiten Langfilm Tomboy erneut eine komplizenhafte Perspektive ein. Sie inszeniert dabei mit ihren Kinderdarstellern Momentaufnahmen, die vor Lebendigkeit und Spontaneität bersten. Die Geschichte um ein zehnjähriges Mädchen, das sich für einen Jungen ausgibt, fängt Sciamma ebenso sensibel wie pointiert ein.

Even the Rain 01

Even the Rain (También la lluvia) von Icíar Bollaín
Gleich auf drei Ebenen versucht Icíar Bollaín, sich der Geschichte Lateinamerikas im Allgemeinen und der Gegenwart Boliviens im Speziellen zu nähern. Die Regisseurin von Öffne meine Augen (Te doy mis ojos, 2003) inszeniert das verschachtelte Drehbuch von Paul Laverty mit Finesse: Da trifft der Film im Film, der Christoph Kolumbus' historische Rolle kritisch betrachten soll, auf die Geschichte des selbstgerechten Filmteams um Regisseur Sebastián (Gael García Bernal), das den dazugehörigen Dreh unter allen Umständen realisieren möchte, und auf die einbrechende Gegenwart eines zivilen Aufstands gegen das Engagement globaler Konzerne bei der Wasserversorgung. Gleich zu Beginn von Even the Rain scheitert der Versuch einer Protagonistin, die für das Making-of-Video zuständig ist, die Unruhen in der bolivianischen Bevölkerung zu dokumentieren. Nach und nach wird klar, dass jeder Versuch der westlichen Figuren, das indigene Volk zu verstehen oder sich mit ihm gemein zu machen, misslingen muss. Die Einsicht in die Unmöglichkeit eines emphatischen, aber nicht ausbeuterischen Blicks vermittelt der ambitionierte Film sehr überzeugend.

Khodorkovsky von Cyril Tuschi
Auch Cyril Tuschi ist seine Ambition hoch anzurechnen. In einem der seltenen investigativen Dokumentarfilme im Programm sucht der Regisseur nach Wahrheiten hinter den Fassaden von Russlands angeblicher Demokratie. Sein umstrittenes Thema, der ehemals reichste Russe Michail Chodorkowski und die Gründe für seine Inhaftierung 2003, erschließt er durch die Konfrontation verschiedenster Standpunkte und eine Rekonstruktion der Nach-Wende-Politik Russlands. Die jahrelange Recherche- und Filmarbeit ist dem dichten und spannenden Werk dabei stets anzumerken.

The Unjust 01

The Unjust von Ryoo Seung-Wan
Nach erfolgloser Suche nach einem Serienmörder greift die Polizei in Seoul zu unsauberen Methoden: Ein Sündenbock soll gefunden werden, um den lästigen Fall endlich abschließen zu können. Ryoo Seung-Wan (City of Violence, 2006) legt in The Unjust die Intrigen und finsteren Machenschaften derjenigen offen, die eigentlich eine weiße Weste haben sollten. Keiner der drei Protagonisten – ein Polizist, ein Staatsanwalt und ein Gangster – eignet sich dabei auch nur annähernd als Sympathieträger. The Unjust ist ein düsterer Thriller, in dem sich ständig die Hierarchien verschieben und sich die Hauptfiguren in einem rein männlichen Zickenkrieg gegenseitig zugrunde richten.

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