Diagonale 2013: Austrian Pulp meets Institut Schamlos

Der fantastische Film aus Österreich braucht eine Lobby. Gedanken zur Diagonale 2013 und zur Nicht-Existenz des Institut Schamlos.

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Das Institut Schamlos trägt den Untertitel „Zentrum für untergriffige Filmkultur“. Es nennt sich Branchennetzwerk, versteht sich als Anlaufstelle für Filmschaffende, Filminvolvierte und Liebhaber des fantastischen (österreichischen) Films. Und: Das Institut Schamlos gibt es nicht. Jedoch  präsentierten es seine Unterstützer in Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria im Rahmen der Retrospektive „Austrian Pulp“ auf der diesjährigen Diagonale zum ersten Mal der Öffentlichkeit. Seine Geburtsstunde wurde dort mit einem feuchtfröhlichen „Get-Together“ von Gleichgesinnten zu einer Zeit eingeläutet, in der andere Siesta feiern. Zügelloses Spektakel, genau das wird vom Institut auch auf der Leinwand gefordert.

Wie jetzt? Das Institut Schamlos gibt es doch? Zumindest haben die beiden Austrian-Pulp-Kuratoren Paul Poet und Markus Keuschnigg im Diagonale-Katalog pamphletartig eine ziemlich klare Aussage über die Missstände des österreichischen Kinos formuliert. Im selben Atemzug propagieren sie im Stil eines Manifests das fantastische Kino als Allheilmittel gegen Absenz des Publikums und dessen Langeweile im Kinosaal, sowie das Institut Schamlos als unabdingbare Vollstreckerinstanz.

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In Deutschland ist die Diskussion bekannt. Mit einer ähnlichen Argumentation plädierte Dominik Graf vor nicht ganz einem Jahr in der „Zeit“ für mehr Trivialitäten im deutschen Film. Was für ein Zufall, dass Graf dann auch der internationale Gast der diesjährigen Diagonale war. Bei Poet-Keuschnigg liest man analog für die österreichische Filmlandschaft vom weltweit erfolgreichen, aber dort fehlenden Genre-Kino (Horror, Science-Fiction, Fantasy), von der konventionellen Einheitsästhetik und vom Graben zwischen Kunst und Kommerz. Schuld sei die hiesige Förderkultur samt Fernsehsendern, die trophäengeil für eine gentrifizierte Filmproduktion verantwortlich sind. Mit Berufung sowohl auf die fantastische Tradition innerhalb der österreichischen Filmgeschichte (laut Institut Schamlos u.a. Wiene: Groschenhefte, Wilder: Film noir, Hanekes Funny Games: Torture Porn) als auch auf die grundlegenden Wurzeln des Kinos im Trivialen (Massenmedium, Jahrmarktskultur) fordern sie das Exotische und Spektakuläre (zurück) für den österreichischen Film. Kurzum: mehr Sex & Crime, mehr Blut und Schocker, und das alles mit dem Prädikat künstlerisch wertvoll.

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Klingt selbstbewusst, man möchte sagen arrogant. Zappt man sich durch das diesjährige Spielfilmprogramm der Diagonale, das als Festival des österreichischen Films zumindest den Anspruch besitzt, die nationale Kinokultur abzubilden, stellt man eine weit klaffende Lücke eben jenes (schamlosen) Kinos fest. Neben altbekannten Namen wie Haneke und Seidl traf man auf durchaus bemerkenswerte Filme, aber auch auf eine (tendenziell realistische) Gleichförmigkeit: wahnwitzig überdrehte Komödien (Zweisitzrakete, 2013; Diamantenfieber, 2012), (Geschichts-)Dramen & Literaturverfilmungen (The Strange Case of Wilhelm Reich, 2012; Die Wand, 2012), globalisierte Festivalfilmästhetik aus reduzierter Inszenierung und „realistischem“ Schauspiel (Grenzgänger, 2012; Talea, 2013), Dokufiktionen (Der Glanz des Tages, 2012; Museum Hours, 2012). Nach so mancher projizierten Wachkoma-Vorstellung (Gehen am Strand, 2013) möchte man ihnen zurufen: Ja, schneidet das Kino aus seinem Korsett! Gebt uns ein Kino, das unsere Sinne berührt, das Sensation ist, das leibt und lebt! Das manchmal subversiv und gerne auch mal obszön sein darf!

Bevor aber die Gegenwart bzw. Zukunft an der Reihe ist, will man mit dem Institut Schamlos an die Perlen des österreichisch-fantastischen Films erinnern. Was bieten die drei Spielfilme (und eine Kurzdoku) der Retrospektive Austrian Pulp? Unter anderem ein kleines Staraufgebot und ganz viel Genre.

Der Gangster: Schamlos (1968)

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Der junge Udo Kier in einer seiner ersten Rollen als kleinkrimineller Gangsterboss Alexander Pohlmann. Mit dem Aussehen eines Laufsteg-Gigolos in schicken Anzügen und teuren Autos, dem nötigen Maß an Gewissenlosigkeit sowie einer Affinität zum Brutalen erpresst er Geschäfte und Nachtclubs mit seiner Gang. Ein an sich typischer Gangsterfilm nach US-amerikanischer Art der 1930er mit dem Geschmack nach der Wiener Kärntner Straße. Nicht die Kriminellen, sondern die Geschäftsinhaber stammen aus (italienischen) Einwandererfamilien. Das Geschäft dreht sich nicht wie während der Prohibition in den USA um die illegale Produktion und Distribution von Alkohol, die Waren sind hier die Frauen, die im mobilen Wohnwagen-Puff an den Mann gebracht werden. Annabella, die gutaussehende Tochter eines italienischen Großgemüsehändlers und Gespielin des größten Gangsterbosses von Wien, verdreht Pohlmann den Kopf. Prostitution, viel nackte Haut, Inzest. Bandenkrieg, Schlägereien, Schießereien, Erpressung, Mord. Und überhaupt die Swinging Sixties: Rock ’n’ Roll auf der Bühne und aus dem Off, kurze Röcke, lange Beine und tonnenweise Kajal. Garniert mit einer Otto-Muehl-Happening-Szene samt Mehl und Ei. Spannung und Nervenkitzel garantiert. Das gefällt.

Der Fantasy-(Anti-)Heimatfilm: Die Wölfin vom Teufelsmoor aka Tod im November (1978)

In den noch biederen 1970ern kommt der Ingenieur John Valetti (John Phillip Law) in ein kleines Dorf im österreichischen Niemandsland, um die dortigen Bauern von einem industriellen Großprojekt auf ihren Ländereien zu überzeugen. Und weil Klischees gar so schön sind: Der porzellanpuppenhafte Adonis Valetti trifft auf eine eingeschworene, patriarchale Bauerngemeinschaft, die sich am liebsten im Wirtshaus zu ein paar Maß trifft und vom Zauberer (oder Scharlatan) Kasimir befehligt wird, sowie auf die rothaarige Hexe Walburga (Florinda Bolkan), die dem Städter (natürlich) nicht widerstehen kann. Mit kleinen Zauber- und Filmtrickeinlagen geht es mystisch zu. Beim Sex badet man in einem Meer aus Herbstblättern. In Verbindung mit den ausgewaschenen gelb-braun Tönen und der TV-Kulissen-Ästhetik wird daraus eine Albtraumversion von Fantasy Island (Insel der Träume, 1978-1984) oder doch eher eine dystopische Version vom Heimatfilm. Die Rollen sind klar verteilt: Stadt gegen Land, Tradition gegen Fortschritt. Das kommt mit einer ganzen Menge Satire daher, wirkt manchmal platt, vermag aber gerade deshalb stellenweise zu amüsieren. Der Regisseur Helmut Pfandler hat vorwiegend fürs Fernsehen produziert. Ebenso wenig „große Leinwand“ steckt in Die Wölfin vom Teufelsmoor. In der fantastischen Dreierreihe ist er der Schwächste.

Der Porno: I Was a Teenage Zabbadoing (1988)

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Dem erst 2012 verstorbenen Wiener No-Budget-Regisseur Carl Andersen, der von seinen Verehrern liebevoll „Caro B.“ genannt wurde, ist ein ganzer Abend samt Kurzdokumentation über sein Schaffen (What’s So Dirty About?, 1990) gewidmet – wohl auch wegen seiner filmpolitischen Errungenschaften des Pulp in Österreich (1. Schwul-Lesbisches Filmfestival in Österreich, Etablierung von Liquid Sky (1982), Ulrich Seidl, Eddy Saller). Sein schizophrener Horrorporno I Was a Teenage Zabbadoing (1988) ist eine sexgeladene Collage des Punker-Wien der 1980er Jahre. In körnigen Schwarzweiß-Bildern, die teilweise bis zur Solarisation überbelichtet sind, folgt in ranzigen Kneipen und den eigenen vier Wänden ein Saufgelage auf die nächste Schlägerei. Mittendrin die Zabbadoings: Sexvampire, von der dreadlockigen Domina-Königin im Grufti-Style mit Olivenölhostien beim Gottesdienst angesteckt. Diese Spezies saugt ihre Opfer bevorzugt während des Gruppensex aus, zerfleischt sie ganz nach Zombie-Manier oder zerhackt sie klassisch mit Messer oder Axt. Ohne O-Ton, dafür mit pointierter Synthie-Musik von der Wiener Band Modell Doo, nachsynchronisierten Kommentaren, die amüsant zusammenhangslosen Nonsens von sich geben, und einem nackten, Gitarre spielenden Ronnie Urini. Geballte Obszönitäten, schwarzer Humor und eine Hommage an jegliche Ausprägungen des Horrorgenres. Eine Symphonie der Lust, die ein bisschen verstört, aber immer wieder extrem komisch ist. Geschmackssache.

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Nach Roger Caillois offenbart das Fantastische „ein Ärgernis, einen Riss, einen befremdenden, fast unerträglichen Einbruch in die wirkliche Welt.“ Klingt ganz nach der genreschweren Rückbesinnung des Wiener Institut Schamlos von 1968, ’78 und ’88. Hier die Top 10 zum Abhaken: (Viel) Blut. (Noch mehr) Sex. (Immer wieder) Gewalt. Auch mit dabei: Verbrechen. Obszönitäten. Blasphemie. Außerirdische. Sinnlichkeiten. Subversives. Horror. Das eckt an und ist nichts für leichte Nerven. Aber eben auch dem Fantastischen immanent. Außerdem verspricht es cineastischen Genuss und feuchte Hände im Kinosessel. Ausgehend von diesem „Riss in der Wirklichkeit“ macht Tzvetan Todorov die fantastische Zugehörigkeit eines Stoffes letztlich von der Unschlüssigkeit des Rezipienten abhängig, ob er die übernatürlichen Phänomene anerkennen oder leugnen soll. Liest man seine Definition (film)politisch, könnte man sagen: Lasst den Zuschauer entscheiden! Und den Publikumserfolgen wie dem Wiener Slash-Film-Festival oder der Nachtsicht des Crossing Europe Festival in Linz nach zu urteilen, sind die Zuschauer dem fantastischen Genrekino wohlgesinnt. Da sollte man guten Gewissens auch in österreichischen Archiven wühlen. Her mit der Ausschussware der Filmgeschichte. Austrian Pulp, lasst uns schaudern!

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