Die Wand

Martina Gedeck in einer Tour de Force als einzige Darstellerin (und Vorleserin) eines Film über Isolation und Harmonie mit der Natur. 

Die Wand

Eine Frau reist mit einem Ehepaar in die Berge, in das Salzkammergut, um genau zu sein. Das Paar geht noch einmal hinunter ins Dorf, die Frau bleibt mit dem Hund in der Hütte zurück. Als ihre Begleiter am nächsten Morgen nicht zurückgekehrt sind, macht sie sich auf die Suche und stößt auf eine unsichtbare Wand, hinter der es kein Leben mehr zu geben scheint. Vollkommen isoliert, versucht sie zu überleben und beginnt, ihren Alltag in der Natur in Notizen festzuhalten.

Das ist der Plot des Erfolgsromans Die Wand der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer (1963), der vor allem im Zuge seiner feministischen Lesart in den 1980er Jahren wiederentdeckt wurde und der vollständig aus der Ich-Perspektive erzählt ist. In einem Buch funktioniert eine solche Gestalt wunderbar. Aber wie macht man einen Film daraus, der ja nicht durch Worte lebt, sondern durch Bilder und Bewegungen?

Regisseur Julian Roman Pölsler hat sich entschieden, Film und Buch zu gleichem Recht kommen zu lassen, und so ist eine bebilderte Vorlesestunde entstanden – in der Martina Gedeck mal mit kurzen Haaren schreibend am Tisch sitzt, mal mit langen (Achtung: Rückblende!) durch die Berge stapft. Dazu erzählt sie aus dem Off die Geschichte, wie sie im Buche steht. Sie sagt dann zum Beispiel: „Ich ging um neun ins Bett.“ Und wir sehen dazu eine Martina Gedeck, wie sie ins Bett geht.

Die Wand 2

Dass Off-Kommentare nur sehr behutsam einzusetzen sind, ist eine Binsenweisheit in der Filmbranche. Es erstaunt sehr, dass Pölsler so radikal dagegen verstößt, vor allem weil man auf der visuellen Ebene von Die Wand mit zunehmender Spieldauer den starken Eindruck bekommt, dass er weiß, was er da tut.

Das gilt vor allem für die Inszenierung der Natur, die bei aller Dramatik der unfreiwilligen Isolierung als Idylle erscheint, als Ort der Abkehr von der Zivilisation, als Sinnbild für Robinson Crusoe und das „Zurück zur Natur“ eines Jean-Jacques Rousseau. Es bleibt in der Schwebe, ob die Wand die Frau bloß einschließt oder vielleicht sogar schützt. Sie bewältigt ihren Alltag, indem sie für Tiere sorgt – zunächst ein Hund, später auch noch zwei Katzen und eine Kuh –, indem sie die Heuernte einbringt und Rehe schießt. Letzteres tut sie aus reiner Notwendigkeit, ohne Lust am Töten, wie die Off-Stimme ausführlich erklärt.

Denkt man zu Beginn noch eher in psychoanalytischen Deutungsmustern – die Wand als Symbol von seelischer Isolation zum Beispiel –, so tritt mit den Naturbildern immer mehr die technologisch rückwärtsgewandte Utopie in den Vordergrund. Doch leider vertraut Pölsler seinen Bildern selbst nicht recht und legt fast permanent den Romantext darüber, der den ganzen Film wie altes Papier rascheln lässt.

Trailer zu „Die Wand“


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Kommentare


wignanek-hp

Eingentlich unterfüttert der Kommentar gerade iin der richtigen Weise die grandiosen Bilder.


Martin Zopick

Man muss u.a. bereit sein, sich mit einem so schwierigen Thema wie ‘Depression‘ auseinander zu setzen, um den Film zu verstehen. Man kann sich aber auch an Martina Gedecks Schauspielkunst erfreuen und die tollen Naturaufnahmen genießen. All das sind Erklärungsoptionen zu diesem ungewöhnlichen Film.
Die großartige Martina Gedeck stößt an eine unsichtbare Wand und wird auf sich zurückgeworfen. Um sie herum ist die Welt menschenleer. Ihr bleiben nur Hund, Katze und Kuh als Gesprächspartner. Für die fühlt sie sich verantwortlich. Das motiviert sie, aufzustehen und sich und die Tiere zu versorgen. So beginnt sie uralte, inzwischen nur noch von Spezialisten getane Arbeiten zu erledigen: sie pflanzt, erntet, mäht, melkt die Kuh und geht auf die Jagd. Sie wird autark. Versucht sich über ihre Situation und über sich selbst Klarheit zu verschaffen. Dafür hat sie jede Menge Zeit droben auf der Alm. Die Selbstbesinnung weckt also verloren geglaubte Fähigkeiten.
Und da kann die Interpretation sowohl des Romans von Marlen Haushofer als auch des sich eng daran orientierenden Films von Julian Pölsler einen Schritt weitergehen. Der Mensch wird in einen quasi paradiesischen Zustand zurückversetzt. Er kann eine nie gekannte Freiheit und Unabhängigkeit erlangen auf seiner ‘Insel‘. Und lebt in völligem Einklang mit der Natur. Vorausgesetzt dies kleine Universum ist ihm genug. Und diejenigen, die dieses Paradies bedrohen, müssen bekämpft werden. Die Einsamkeit darf ihm nichts anhaben, menschliche Nähe nicht fehlen. Suizidale Gedanken bleiben außen vor. Was für ein geniales Konstrukt.






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