Der Glanz des Tages

Das Leben als Bühne – die Bühne als Leben. Tizza Covi und Rainer Frimmel bleiben der Dokufiktion treu. Mit Der Glanz des Tages gehen sie noch einen Schritt weiter.

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„Ich bin vom Glanz des Tages überschienen, ihr kennet mich, ich kenne mich nicht mehr“ (1). Der Titel des Films geht auf diese Zeile aus Goethes Torquato Tasso zurück, doch das italienisch-österreichische Regie-Duo entlehnt für seinen neuen Film nicht nur Zitate aus Theaterstücken. Vielmehr gehen Leben und Theater eine filmische Symbiose ganz besonderer Art ein. Wie schon in La Pivellina (2009) trifft dokumentarischer Stil ohne Musik oder Off-Kommentar auf fiktionale Handlung und vermischt sich mit den Biografien der Akteure. Diesmal wird eine weitere Ebene eingeschaltet: Das Theater, das in einigen Momenten selbst gar nicht mehr so richtig vom Leben zu unterscheiden ist.

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Altbekannter Wegbegleiter von Covi und Frimmel ist seit Babooska (2005), einer Dokumentation über einen Wanderzirkus, Walter Saabel. Der (echte) Messerwerfer und Lebenskünstler trifft in Der Glanz des Tages auf seinen (Film-)Neffen Philipp Hochmair. Die Regisseure, die bisher ausschließlich mit Laien gearbeitet haben, drehen zum ersten Mal mit einem professionellen Schauspieler. Und wie lautet die Regieanweisung an den Profi: Sei einfach du selbst! Das ist für den Workaholic Hochmair leichter gesagt als getan. Beinahe jeden Abend verwandelt er sich in einen anderen Charakter. Am Hamburger Thalia Theater, am Deutschen Theater in Berlin oder am Wiener Burgtheater, wo er 2006 eben jenen Tasso mimte, ist er von Woyzeck über Werther bis hin zum Gestiefelten Kater teilweise für neun Rollen gleichzeitig engagiert. Sein Alltag ist eingenommen von den Bühnenwerken: Abends Vorstellung, tagsüber Proben und Text lernen. Und Hochmair stolziert durchaus gerne in voller Bühnenmontur raus ins Nachtleben. Mit Genuss steht er mit seinem glitzernden Bühnenoverall nach der Aufführung von Handkes Untertagblues am Wiener Akademietheater in einer Kneipe und prahlt ein bisschen. Macht er das denn wirklich?

Oder ist es doch wieder nur eine Rolle? Sich selber spielen oder man selbst sein? Genau diese Diskrepanz loten die Regisseure in Der Glanz des Tages aus. Der Film oszilliert pausenlos auf verschiedenen Ebenen zwischen Fiktion und Realität. Hochmaiers Bühnendarstellungen, seine Selbstdarstellung im Film und Aspekte aus seinem wirklichen Leben vermischen sich.

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Zu Anfang sehen wir ihn in einem Passbildautomaten vor einem Hamburger Flackturm. Der ansonsten adrette Film- und Theaterschauspieler wirkt hier mit Glatze und restlichen Haarkranz um fast 20 Jahre gealtert. Erst nach der Woyzeck-Premiere am Thalia Theater und gute 15 Minuten nach Filmbeginn nimmt er sein Toupet ab. Erst jetzt wird klar, dass er zuvor nur seinem Hobby nachgegangen ist, in voller Bühnenmontur Passfotos von sich zu schießen. Am Eingang zum Theater wird er von seinem Onkel Walter aus Rom überrascht. Dessen Geschichten vom Bärenringen muten weitaus theatraler an als Hochmairs Bühnenstoffe. Hier treffen nicht nur zwei Generationen von (Bluts-)Verwandten aufeinander, sondern auch zwei verwandte Lebensentwürfe, deren Berührungspunkt in den ähnlichen Metiers von Theater und Zirkus liegt.

Sympathien entstehen rasch und Walter quartiert sich auf Philipps Couch in Wien ein. Nach und nach kristallisieren sich jedoch die unterschiedlichen Persönlichkeiten der beiden heraus. Während Hochmair in ständiger Verwandlung unermüdlich dem Zauber des Lebens auf der Theaterbühne nachjagt, versucht der Realist Walter den Alltag mit magischen Momenten zu füllen. Symbolisch hierfür steht eine selbstreflexive Diskussion über den Beruf des Schauspielers, die für beide in divergierende Definitionen von persönlicher Freiheit mündet. Der „Glanz des Tages“ ist für jeden etwas anderes.

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In Der Glanz des Tages wirkt all dies lockerleicht, spontan und vor allem ehrlich. Etliche Szenen, in denen die verschiedenen Lebenseinstellungen der beiden Protagonisten aufeinandertreffen, tragen humoristische Züge. Zum Beispiel, wenn Hochmair überglücklich sein Abbild für die Ehrengalerie des Burgtheaters in Form einer Holzskulptur zugesandt bekommt, deren Schönheit im Auge des Betrachters liegt, und Walter sie kurzerhand für Messerwerfübungen zweckentfremdet. Dies ist möglich, weil Walter die Macken von Hochmair mit gesundem Menschenverstand herausfordert und dieser wiederum bereit ist, über sich selbst zu reflektieren und seinen Schauspielfanatismus auf die Schippe zu nehmen. Wolle man die Frage stellen, was filmische Authentizität sei, könnte man mit besten Gewissen auf diesen Film verweisen.

(1) Johann Wolfgang von Goethe, Torquato Tasso, 4. Akt, 2. Auftritt

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