Mit dem Kino zurück in den vorsprachlichen Zustand!

Jessica Hausner über ihren neuen Film Lourdes und die Wunderkraft des Kinos, Bilder für das Unbeschreibliche zu finden

Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner hat einen Film über die heilige Wunderstätte von Lourdes gedreht. Ein Ort, an dem Glaube, Angst und Wunder so präsent und doch unsichtbar sind, kann durchaus als filmische Herausforderung bezeichnet werden. Was Jessica Hausner am Unsichtbaren reizt und wie sie ihre Geschichten vom Drehbuch bis zum Film entwickelt, darüber hat sie mit critic.de gesprochen.

Lourdes

critic.de: In Ihren bisherigen Filmen geht es vor allem um Ängste. In Lourdes nun geht es um ein Wunder. Gibt es eine Beziehung zwischen Ängsten und Wundern?
Jessica Hausner:
Ich habe mich bisher immer mit den Grundängsten oder vielleicht sogar Urängsten beschäftigt: Die Angst vor der Dunkelheit und dem Unbekannten, die Angst vor Einsamkeit, die Angst vor dem Tod. Ich denke, dass Lourdes in gewisser Weise daran anknüpft. Es geht am Ende vielleicht gar nicht so sehr um das Wunder in meinem Film, sondern wieder um eine Angst: die Angst vor Krankheit. Das Wunder ist hier gewissermaßen ein Ausweg, eine Möglichkeit, Krankheit und Tod zu überwinden.

Ein religiöser Gedanke?
Es ist wahrscheinlich einer der zentralsten Gedanken der katholischen Kirche: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Ich finde, dass das eine der besten Ansagen ist, die man mir machen kann. (Sie lacht.) Mein Zugang zu dem Stoff kam allerdings eher aus dem Bedürfnis heraus, mich mit der Angst vor der Endlichkeit und vor der Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Mit Lourdes habe ich mich intensiv mit meiner eigenen Sterblichkeit beschäftigt. Und ihr sozusagen ins Auge gesehen.

Lourdes

Wie finden Sie die Bilder für Ihre Gedanken?
Das ist ein langer Prozess. Beim Drehbuchschreiben versuche ich mich immer möglichst nur an den Handlungsablauf zu halten. Da schreibe ich nicht rein, wie jemand aussieht oder wie sich jemand fühlt. Meine Drehbücher sind so schlicht, dass die meisten, die sie lesen, fragen: „Also worum geht’s da? Das ist ja nix.“ Oder: „Das trägt nicht!“ Das ist der Satz, den ich oft höre. Es geht denen dann meistens um jene Details, über die man eine Figur besser versteht. Das verweigere ich beim Drehbuch standhaft.
Dann kommt das Storyboard. Das ist der Moment, in dem Film eigentlich entsteht. Bei Lourdes gab es da beim Zeichnen irgendwann den Moment, wo ich verstanden habe, es soll nicht um ein Individuum gehen, sondern um die Gruppe. Es muss ein Film werden, in dem sich in mehr oder weniger totalen Bildern immer die ganze Gruppe hineinwälzt. Als ich das beim Zeichnen verstanden habe, war mir plötzlich klar, wie sich die Geschichte für mich erzählen lässt. Das heißt, es ist eigentlich ein visueller Moment, der mit visueller Gestaltung und Bildsprache zu tun hat, über den ich dann aber die Erzählung entwickle.
Wenn das Storyboard fertig ist, setze ich mich noch einmal ans Drehbuch. Weil ich dann merke, diese oder jene Information kann ich über Bilder viel besser ausdrücken als über Dialoge. Oder auch umgekehrt: Ich merke, hier könnte ein Dialog bereichernd sein.

Lourdes

Glaube, Ängste, Wunder – interessiert Sie das Unsichtbare?
Sicher! Die Unsichtbarkeit spielt für mich eine große Rolle. In gewisser Hinsicht ist das natürlich paradox, weil das Medium Film zunächst einmal etwas mit Sichtbarkeit zu tun hat. Ich finde es allerdings oft viel interessanter, die sichtbare Oberfläche zu zeigen und sie nicht gleich mit einer Bedeutung zu versehen. Natürlich beginnt Bedeutung in dem Moment, in dem man eine Kamera aufstellt und Schauspielern Dialoge in den Mund legt, aber gleichzeitig finde ich es interessant, so einen beobachtenden Blick zu haben bei einer Erzählung, ohne gleich die Erklärung für die Bilder mitzuliefern. Das führt dazu, dass sich der Zuschauer fragen muss: Was ist hier los? Wo führt das hin? Und so entsteht automatisch die Frage nach dem Dahinter. Und die finde ich wirklich interessant. Es geht mir darum, Ereignisse darzustellen, die sich nicht von selbst erklären oder die auch durch die Handlung nicht erklärt werden. Denn dann entstehen diese Fragen, die über den Film hinausweisen: Was ist in diesem Menschen vorgegangen? Warum hat er so gehandelt? Warum ist ihm dies oder jenes widerfahren? Warum verläuft die Geschichte so? Was steht dahinter? Bei Lourdes hat das dann auch mit der Frage nach Gott zu tun.

Lourdes

Sind diese Hinweise auf das „Dahinter“, wie Sie sagen, im Drehbuch schon enthalten?
Das hat sich verändert. Am Anfang habe ich oft noch versucht, die Geschichten nach der herkömmlichen, psychologisierenden Erzählweise zu stricken und meiner Hauptfigur eine Biografie zu geben und eine Motivation und das Ganze auch psychologisch aufzubauen. Aber ich habe immer schon gemerkt, dass ich eigentlich genau das Gegenteil will. Eigentlich will ich einen Film, in dem ich nicht verstehe, warum die Figuren so oder so handeln. In diese Richtung wage ich mich jetzt allmählich. Denn das ist das, worum es mir eigentlich geht: Dass die Hauptfiguren oder überhaupt die Figuren in meinen Filmen nicht mehr eindeutig bestimmbar und berechenbar sind. Wenn das nicht mehr ganz nachvollziehbar ist, finde ich es eigentlich spannender.

Wie entscheiden Sie, welche Informationen Sie auslassen und welche nicht?
Ich würde sagen, mein Entscheidungsprozess folgt immer der Regel: Weniger ist mehr. Und es geht um eine Reduktion auf das Wesentliche. Bei Lourdes zum Beispiel gab es in einer der ersten Drehbuchfassungen noch Szenen, die die Vergangenheit einer Figur schildern oder worin eine Zeit nach Lourdes erzählt wird. Aber irgendwie habe ich dann gemerkt, dass das dann so individuell wird. Und das hat mir nicht gereicht. Das ist mir zu wenig, eine Geschichte über ein Individuum zu erzählen. Ich versuche in meinen Geschichten immer einen Kern an der Sache zu finden, der jeden betrifft. Und deswegen lasse ich zunehmend die individuellen und biografischen Details weg. Was bleibt, ist immer noch die psychologische Entwicklung einer Figur, aber die ist dann reduziert auf das Wesentliche.

Lourdes

Birgt diese Reduktion eine Gefahr für die Figuren?
Natürlich können die Figuren manchmal künstlich oder schematisch wirken. Aber es bleiben doch Figuren. Es ist vielleicht ein bisschen wie im Märchen: Märchenfiguren haben auch eine Psychologie, aber es ist keine individuelle, biografisch markierte, sondern es ist eine, die eben der Figur entspricht: Die Hexe verhält sich so, der Ritter verhält sich so. In meinen Filmen ist es ähnlich. Da gibt es auch vereinfachte Figuren, die auch eine bestimmte Aufgabe im Film erfüllen. Aber es ist eher wie ein Rollenspiel. Die Figuren müssen diese Dinge machen, weil es ihnen ihre Rolle im Kosmos des Films oder in der dargestellten Gesellschaft vorschreibt.

Schafft ein Film eine eigene Realität?
Der Film ist seine eigene Realität. So sollte es zumindest sein. Und ich finde, der Film sollte nicht unbedingt in eine Realität entführen, die immer in sich kohärent ist. Denn dann stelle ich mir ja nachher keine Fragen mehr. Ein Film sollte gewisse Widersprüchlichkeiten oder Lücken haben und den Zuschauer auch mal fallen lassen. Denn nur dann muss er sich später einen Reim darauf machen. Manche empfinden das als unangenehm, ich empfinde das als angenehm. Ich mag das, wenn ich im Kino herausgefordert werde, mir einen Gedanken zu machen.

Lourdes

Ist das Filmmedium für diese Herausforderungen besonders geeignet?
Ich denke schon. Natürlich kann Literatur auch herausfordern, aber die Sprache ist ja in sich schon viel eindeutiger: Sie benennt Dinge und gibt ihnen dadurch eine Bedeutung oder ein Etikett. Beim Medium Film habe ich den Eindruck, dass da eine Art Zauberkraft ist, weil genau das Unsagbare sich da irgendwo abspielt, ohne dass es gesagt werden muss oder gesagt werden kann. Kinobilder haben, glaube ich, die Fähigkeit, etwas darzustellen, was sich noch der Deutbarkeit und der Eindeutigkeit entzieht. Ich finde das immer total beglückend, in diesen vorsprachlichen Zustand zurückzukehren, wo man eine Situation betrachtet, ohne ihr schon einen Namen geben zu können.

Kommentare zu „Mit dem Kino zurück in den vorsprachlichen Zustand!“

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