„Mir gefällt Lack auf Menschen nicht“

Interview mit Michel Gondry zu Dave Chappelle’s Block Party

Er ist bekannt für visuelle Exzesse, mehrschichtige Realitätsebenen und altmodische Stopp-Trick-Animationen. Zehn Jahre lang hat Michel Gondry bei Videoclips für Künstler wie Björk, Daft Punk und die Chemical Brothers Regie geführt. Aus der Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Charlie Kaufman (Being John Malkovich, 1999) entstanden anschließend zwei abgedrehte Spielfilme, Human Nature (2001) und Vergiss mein nicht (Eternal Sunshine of the Spotless Mind, 2004). Auf der diesjährigen Berlinale liefen nun gleich zwei neue Regiearbeiten des Franzosen: die Fiktion The Science of Sleep (La science des rêves), der im Herbst in Deutschland anläuft, und der Dokumentarfilm Dave Chappelle’s Block Party. Wir trafen den Regisseur am Rande des Festivals zwischen zwei Premieren zum Interview.

critic.de: Im Gegensatz zu Filmen wie Vergiss mein nicht und The Science of Sleep, in denen es mehrere Realitäts-Ebenen gibt, ist Dave Chappelle’s Block Party sehr geradlinig und konzentriert sich auf die Menschen und die Musik. Wie war es für Sie, einen Dokumentarfilm zu drehen?
Michel Gondry: Es war interessant. Wenn ich einen Film über eine oder zwei Personen mache, dann kann ich es mir erlauben, zu erforschen, was in ihnen steckt. Wenn ich einen Film über eine Gemeinschaft mache, dann kann ich nicht in den Kopf jedes Einzelnen gehen. Daher musste ich den Stil wechseln. Ich habe mich sehr geschmeichelt gefühlt, dass diese Musiker mich baten, einen Dokumentarfilm über ihr Konzert zu machen. Ich habe mich aber auch gefragt, wieso sie gerade auf mich gekommen sind. Letztendlich war ich aber gerade dadurch, dass es sich nicht um mein übliches Genre handelt, offen. Ich hatte noch alles zu lernen und wollte auch die Möglichkeiten erkunden. Ich denke, sie sind ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis. Sie haben mir vertraut auf der Basis von Dingen, die ihnen von mir gefallen haben, seien es Clips oder mein Film Eternal Sunshine, und haben mich dann einfach machen lassen. Und mir lag nichts daran, etwas Surreales zu gestalten oder viele Effekte einzusetzen. Ich wollte, dass die Kraft und Qualität der Musik vermittelt wird und die Öffnung dieser Gemeinschaft für die Welt, die Einladung, ihre Leidenschaft zu teilen, zu spüren ist.

Sowohl in Ihren fiktionalen Filmen als auch in Block Party gibt es eine starke Empathie für die Figuren, niemals ist die Erzählhaltung herablassend. Folgt das einer bewussten Methode?
Das ist durchaus überlegt, wird aber zu etwas Instinktivem. Mir haben nie Clips gefallen - wie insbesondere am Ende der achtziger Jahre - in denen Leute sehr anmaßend sind. Ich mag auch nicht, wenn Models auf dem Catwalk die Haltung einnehmen, die Leute unten seien Dreck. Oder in Mode-Zeitschriften diese Vorher-Nachher-Bilder: Vorher sieht man ein natürliches, lächelndes Mädchen und danach ein geschminktes, missgelauntes. Mir haben immer die Vorher-Bilder besser gefallen. Ich mag diesen Lack, die Artefakte, die man Menschen aufträgt, nicht. Wenn ich die Gelegenheit habe, Menschen zu filmen oder zu repräsentieren, dann versuche ich immer, sie ohne diese Künstlichkeit darzustellen. Meinen ersten Rap-Videoclip habe ich vor etwa zehn Jahren gemacht, für IAM. Die Gruppe hatte ein „hartes“ Image von Posern. Ich mochte ihre Musik und habe sie kennen gelernt. Es gab in der Tat einen Schwarzen, einen Araber, einen Weißen, aber sie hatten alle den Akzent von Marseille. Das war viel lustiger und charmanter als das Bild, das sie von sich gaben. Und da habe ich mir gesagt: So möchte ich sie filmen, ohne die Künstlichkeit ihres Images.

Wie sind Sie an die Dreharbeiten herangegangen?
Zuallererst ging es mir darum aus der Auftragsarbeit, ein Konzert zu dokumentieren, einen Film für die große Leinwand zu machen. Man soll den Eindruck bekommen, das Konzert mitzuerleben. Ich wollte dafür auf Zelluloid drehen, und zwar einen Dokumentarfilm mit einer Geschichte. Nicht eine Geschichte, die ich erschaffe, sondern eine, die ich verfolge. Wir fahren nach Ohio, wo Chappelle lebt, wir sehen ihn, wie er den Leuten begegnet, sie zum Konzert einlädt, wie sie auf ihn reagieren und wir sehen die jungen Musiker einer Schulkapelle, wie sie sich freuen, als sie erfahren, dass sie tatsächlich beim Konzert spielen werden. Das alles war Zufall. Wir wollten ein sehr leichtes Team haben, mit dem wir auf alles schnell reagieren konnten. Das ist es, was ich kontrolliert habe: flexibel zu sein, um alles einzufangen.

Bevor Sie Ihren ersten langen Kinofilm gedreht haben, waren Sie vor allem als Regisseur von Musikvideos tätig. Im „Directors Label“, das Sie mitbegründet haben, ist eine DVD-Kompilation dieser Werke erschienen. Wie kam es zu der Idee, Musikvideos eines Regisseurs auf DVDs zu vereinen?
Ich hatte mit Spike [Jonze, Regisseur von Musikvideos und u.a. Being John Malkovich (1999)] seit langem über diese Idee geredet. Ich war aber nicht ganz überzeugt, es zu machen. Nachdem wir Cunningham [Chris Cunningham, ebenfalls Musikvideo-Regisseur, u.a. für Stücke von Björk, Portishead und Madonna] kennengelernt hatten und nicht mehr zwei, sondern drei waren, fühlte ich mich wohler mit dem Vorhaben. Im Nachhinein war ich sehr glücklich, etwas zu haben, das diese ganzen Clips enthält. Ich habe immerhin zehn Jahre damit verbracht, sie herzustellen und da sagte ich mir, in dieser Zeit hätte ich stattdessen drei, vier, fünf Filme machen können – angenommen ich hätte wirklich die Gelegenheit dazu gehabt. Und ich habe es fast bedauert. Aber diese Kollektion repräsentiert nahezu einen Film, oder sogar zwei bis drei, denn sie hat eine Spieldauer von vier Stunden.

Zum ersten Mal kann man auch die Zusammenhänge zwischen den Musikvideos begutachten.
Durch das Nebeneinanderstellen aller Clips ist mir aufgefallen, dass es doch eine Vorgehensweise gibt, eine Art künstlerische Form, in der ich mich ausgedrückt habe und in der man mich wiederfindet, obwohl ich mit unterschiedlichen Künstlern gearbeitet habe. Das war eine gute Erfahrung für mich. Und dazu kamen noch die Extras. Anstelle von Audiokommentaren hatte ich die Idee, eine Dokumentation zu machen. Wir hatten schon Björk, Beck und die Foo Fighters gefilmt, dann haben wir mich interviewt und ich habe Animationen erstellt, um meine Konzepte und Bilder zu illustrieren. Das hat mir wiederum wirklich Lust darauf gemacht, Science of Sleep zu realisieren. Ich habe mir gesagt, ich werde erforschen, was mich beschäftigt und daraus einen Film machen.

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