„Mein Bestreben war es, eine offene Dramaturgie zu finden“

Interview mit Ralf Westhoff

Am 11. November startet Ralf Westhoffs zweiter Spielfilm Der letzte schöne Herbsttag. Mit seinem Debütfilm Shoppen hatte der Regisseur 2007 einen unerwartet großen Publikumserfolg. Der Film gewann unter anderem den Bayerischen Filmpreis und eine Nominierung zum Deutschen Filmpreis. Ein Gespräch über Beziehungen, Partnersuche und die Unabhängigkeit im Filmbetrieb.

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critic.de: Herr Westhoff, macht sich unsere Generation der um die 30-Jährigen zu viele Gedanken über die Liebe?
Ralf Westhoff: Ich habe zwar einen Film über eine Beziehung gemacht und über die Probleme und Schwierigkeiten, eine solche erfolgreich zu führen. Natürlich kann ich nicht eine ganze Generation bewerten. Der Film wirft vielmehr Fragen zum Thema Beziehungen auf. Diese Fragen kann jeder Zuschauer für sich selbst beantworten.

Ihr Debütfilm Shoppen erzählt vom Speeddating und der verzweifelten Suche nach dem richtigen Partner. In Der letzte schöne Herbsttag zerbricht sich ein Paar den Kopf darüber, ob es denn zusammenpasst. Die Geschichte wirkt auf den ersten Blick wie eine logische Fortsetzung von Shoppen. Viele Regisseure, die mit ihrem Debütfilm großen Erfolg hatten, wählen für den zweiten Film oft ein komplett anderes Thema, um Vergleiche zu vermeiden. Bei Ihren beiden Filmen hingegen drängt sich der Vergleich geradezu auf.
Die Form erinnert stark an Shoppen. Die Geschichte ist auf die Charaktere fokussiert, und es wird sehr viel geredet. Ich glaube, dass mir diese Form, Dinge über Worte und Dialog zu erklären, sehr liegt. Thematisch ist Der letzte schöne Herbsttag aber wohl eher ein Gegenentwurf zu Shoppen. Bei Shoppen geht es um das Anwenden wirtschaftlicher Mechanismen für persönliche Beziehungen und um die Austauschbarkeit von Partnern. Wenn man beim Speeddating seine Kriterien bei einem Kandidaten nicht erfüllt sieht, dann rückt man weiter zum Nächsten. In meinem neuen Film geht es darum, dass zwei Menschen, die definitiv nicht einfach sind und es auch nicht einfach miteinander haben, nicht aufgeben, sondern versuchen, einen gemeinsamen Weg zu finden, , weil sie ineinander verliebt sind. Sie tun sich nur schwer damit. Man tauscht den anderen nicht bei der ersten Schwierigkeit aus, sondern beschäftigt sich mit ihm.

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Die beiden Hauptdarsteller, Julia Koschitz und Felix Hellmann, waren aber in größeren Rollen bei der austauschbaren Form der Partnersuche in Shoppen mit dabei.
Das stimmt, das ist auch ein gewisses Problem für mich. Ich hätte zunächst am liebsten zwei andere Schauspieler gehabt, mit denen ich noch nie gearbeitet habe, damit dieser Eindruck nicht entsteht. In Der letzte schöne Herbsttag geht es ja eher um den zweiten Teil der Liebe: Wie schaffe ich es, aus einer Verliebtheit heraus eine dauerhafte Partnerschaft entstehen zu lassen? Aber die beiden haben einfach wunderbar zusammengepasst. Sie waren das perfekte Pärchen, und die Arbeit mit ihnen hat wahnsinnig Spaß gemacht. Deswegen musste ich es in Kauf nehmen, dass das Publikum sie schon aus Shoppen kennt.

Die Figuren, die der Zuschauer in Shoppen kennenlernt, wirken stark typisiert. Ebenso sind manche Beziehungs- und Konfliktsituationen in Der letzte schöne Herbsttag geradezu klassisch, von jedem schon einmal selbst erlebt: Sie will einkaufen gehen, er raus in die Berge.
Ich bemühe mich, Stereotypen zu vermeiden. In Shoppen sitzen 18 Figuren zum Speeddating in einem weißen Raum, und in den Gesprächen wird zwischen ihnen sehr schnell hin und her gesprungen. Da wusste ich, dass ich mit einem dickeren Pinsel malen muss, damit der Zuschauer die Figuren auch wiedererkennt. Bei Der letzte schöne Herbsttag war mein Bestreben, eine offene Dramaturgie zu finden. Viele Situationen werden im Film nicht gezeigt, sondern von den Figuren erzählt. Das, was Leo und Claire über ihre Beziehung erzählen, ist ja bereits eine Interpretation der Situation und sagt unter Umständen mehr über die Figur aus als über ihren Partner. Auch der Zuschauer hat die Chance, das Erzählte durch seine eigene Lebenswirklichkeit zu filtern und zu interpretieren. Das Bild, das sich wiederum der Zuschauer macht, hat also möglicherweise mehr mit ihm selbst zu tun als mit den Hauptfiguren. Viele Leuten, die den Film gesehen haben, haben mir gesagt: „Das ist ja wie bei uns.“ Das ist das Ziel des Films, dass sich der Zuschauer sein eigenes Bild machen und sich wiedererkennen kann.

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Wenn Leo und Claire über ihre Beziehung sprechen, sitzen sie frontal zur Kamera und reden quasi direkt mit dem Zuschauer. Der direkte Kamerablick ist in einem Spielfilm eher ungewöhnlich.
Der Zuschauer hört sich die Probleme der Figuren an und fragt sich vielleicht: „Welchen Rat kann ich den beiden geben?“ Meine Hoffnung ist, dass dieser Rat am Ende des Films mehr mit dem Zuschauer selber als mit den beiden zu tun hat. Der Zuschauer kann unterschiedliche Positionen einnehmen, eher Claires oder eher Leos Version folgen. Jeder wird am Ende mit einem eigenen Film nach Hause gehen.

Manchmal hat man den Eindruck, in einem französischen Film zu sitzen. Die Figuren reden und reden über die Liebe, und das Ganze ist sehr poetisch und hat enormen Wortwitz.
Das französische Kino ist kein bewusstes Vorbild für mich. Aber ich liebe generell Filme, in denen das gesprochene Wort eine große Rolle spielt. Mangelnde Kommunikation ist immer schlecht für eine Beziehung. Wie findet Kommunikation statt oder auch nicht? Das interessiert mich. Ich glaube, die Figuren in meinem Film sind auf einem guten Weg, weil sie sich gegenseitig Aufmerksamkeit schenken.

Wobei sie zumindest anfangs eher über- als miteinander reden …
Das stimmt, aber das ist ein Weg, den anderen zu verstehen. Sie erzählen über den anderen, um ihn und sich selbst zu verstehen.

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Bei der Realisierung Ihrer Projekte bemühen Sie sich um größtmögliche finanzielle Unabhängigkeit, schreiben Ihre Drehbücher selbst und haben eine eigene Produktionsfirma gegründet. Man hat den Eindruck, die kreative Freiheit ist Ihnen sehr wichtig.
Ich habe das zunächst gemacht, ohne groß darüber nachzudenken, weil es gar nicht anders ging. Ich finde diesen ganzen Weg von der Entwicklung einer Idee bis zum fertigen Film im Kino unglaublich spannend. Ich mache Filme mit geringem Budget und werde von vielen Leuten unterstützt. Ich habe die Freiheit, einen homogenen Film zu machen, der die Vision des Drehbuchs widerspiegelt, ohne Einflüsse von außen. Der Weg, wie ich ihn jetzt gehe, ist für mich eigentlich perfekt. Ich kann es auf niemand anderen schieben, wenn der Film im Kino nicht ankommt. Aber ich habe den Film gemacht, den ich machen wollte, ohne mich zu verbiegen.

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