Keine Parolen!

Shirin Neshat über Poesie, Politik und ihren ersten Kinofilm

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Geboren wurde die Künstlerin und Filmemacherin Shirin Neshat 1957 im Iran, wo sie bis zur iranischen Revolution 1979 unter Ayatollah Khomeini aufgewachsen ist. In Berkeley und New York studierte sie Darstellende Kunst, ihre Fotografien wurden bereits in den 1980er Jahren ausgestellt. Heute ist Shirin Neshat eine der bekanntesten Videokünstlerinnen. Ihre Arbeiten beschäftigen sich stets mit ihrem Heimatland, dem Islam und der Rolle der Frau. Ihr jüngster Film Women Without Men ist ihr erster Kinospielfilm und basiert auf dem gleichnamigen Roman der iranischen Autorin Shahrnush Parsipur.

critic.de: Kann man mit Kunst die Welt verändern?
Shirin Neshat: Ich bin mir nicht sicher, ob Kunst die Gesellschaft wirklich verändern kann. Was sie machen kann, ist in einem gewissen Maße auf die Denkstrukturen der Menschen hinzuweisen und ihren Blick auf gesellschaftliche und politische Probleme zu verändern. Aber vor allem denke ich, dass die Kunst einen gefühlsmäßigen und meditativen Einfluss haben kann. Das ist doch das Wichtigste! Daher glaube ich sehr stark an die Kraft und den Wert der Kunst.

Gab es Kunst, die Sie verändert hat?
Ich kann mich an eine Retrospektive der Werke von Tarkowski erinnern. Das war ein sehr bewegendes und starkes Ereignis für mich. Ich saß im Kinosaal und sah einen Tarkowski-Film nach dem anderen. Am Ende dieses Tages habe ich mich für immer verändert gefühlt. So stark haben mich die Arbeiten dieses Mannes bewegt. Obwohl diese Geschichten alle düster und traurig sind, haben sie mich in gewisser Weise glücklich gemacht, da ich einen Glauben an die Kraft der Kunst gefunden und gesehen habe, wie stark die Reaktion sein kann, die die Kunst in uns hervorruft.

Women Without Men

Ihr erster Spielfilm beruht auch auf einem anderen Kunstwerk – Shahrnush Parsipurs Roman „Women Without Men“. Warum?
Der Roman von Shahrnush ähnelt meinen eigenen Arbeiten von früher, da die Autorin immer versucht, eine Beziehung zwischen dem Problem einer Einzelperson – beispielsweise einer Frau – und der Welt herzustellen. Einerseits spielt das Buch im Iran in Teheran zu der politisch und gesellschaftlich schwierigen Zeit des Putsches von 1953, und andererseits spielt es in einem Garten, wo es nur um die seelische, philosophische und gefühlsmäßige Welt von einigen Frauen geht. Mir erschien dieser Aufbau sehr poetisch. Das hat viel mit meinen eigenen Arbeiten zu tun, in denen ich auch immer versuche, politische Begebenheiten auf poetische Weise darzustellen. Ich habe daher beschlossen, die Idee und den Aufbau von Parsipurs Buch für meinen ersten Langfilm beizubehalten.

Ist „Women Without Men“ ein politischer oder ein poetischer Film?
Zunächst einmal ist es ein künstlerischer Film. Der politische Aspekt rührt wohl vor allem daher, dass die Handlung zu einem Zeitpunkt angesiedelt ist, der von einem politischen Putsch markiert ist. Das war ein sehr wichtiges Ereignis in der Geschichte des Irans und vielleicht sogar der Ursprung der islamischen Revolution. Dieses Ereignis kann man in keinem Fall vernachlässigen. Es war mir wichtig, dass wir uns dieser Geschichte wieder zuwenden. Und zwar zum einen die Iraner der Geschichte ihres eigenen Staates, zum anderen aber auch die ausländischen Staaten und vor allem die Amerikaner, die vergessen haben, wie der Iran vor der Revolution war, und die selbst einen großen Einfluss auf die Geschichte des Irans haben und auf das, was er heute ist.

Women Without Men

Kann die Kunst eine direkte politische Wirkung haben?
Es ist die Frage, ob das wünschenswert ist. Die Kunst wirkt weniger auf die Politik als vielmehr auf den Menschen. Denn sie ist keine Parole. Die Kunst ist eine andere Art, sich auszudrücken, als die des Akademikers und Aktivisten. Die Kunst wendet sich sowohl an die Seele des Menschen als auch an sein Denken. So kann sie auf eine einzigartige Art und Weise auf den Menschen einwirken. Vor allem wenn die Gesellschaften großen Problemen gegenüberstehen, kann die Kunst einen umso größeren Wert haben. Ich glaube, es liegt durchaus an der schweren Zeit voll Gewalt und politischer Probleme in unserem Land, dass die Künstler eine so wichtige Rolle spielen.

Wie sehr haben die Menschen im Iran in den letzten 50 Jahren von der Kunst profitieren können?
Momentan schenken wir den Künstlern in einem enormem Maß Aufmerksamkeit! Sie haben eine Bedeutung in der politischen Welt bekommen. Vor allem die Filmemacher und die Dichter, weniger die bildenden Künstler. Das liegt aber auch einfach daran, dass die iranischen Filmemacher international bekannter sind als die bildenden Künstler. Ihre Stimme wird eher gehört. Und sie wissen, dass sie ihre Meinung äußern können und sich hinter das iranische Volk stellen können. Die Filme von Makhmalbaf gehören dazu, und auch meine eigenen Arbeiten.

Women Without Men

Aber macht dieser Einfluss die Künstler nicht zu Politikern?
Ich denke, dass die Künstler durch ihre Arbeit und ihr Werk ihre Meinung äußern können – aber zunächst einmal auf künstlerische und poetische Weise. Wenn sie politisch aktiv werden, dann ist das etwas anderes. Wir haben das im vergangenen Sommer im Iran erlebt: Viele Künstler, die bislang immer nur durch ihr Werk ihre politische Meinung kundgetan haben, sind da aus der Reserve gelockt worden. Sie haben sich nun aktiv hinter die Jugend im Iran gestellt. Ich bin auch unter den Leuten, die hinter dieser Bewegung stehen. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich ideologisch bin. Auch ich möchte nur Demokratie und die Freiheit der Menschen. Und um das zu erreichen, bleibt mir gar keine andere Wahl, als selbst politisch aktiv zu werden.

Was ist der Unterschied zwischen politischer Kunst und Propaganda?
Das ist eine sehr wichtige Frage, die sich eigentlich jeder Künstler stellen muss, der sich mit politischen Fragen beschäftigen will. Es geht um die Frage: Wie kann ich meine Meinung äußern, ohne dabei eine Parole zu formulieren? Denn die Parole hat in der Kunst keinen Platz. Sobald man festen Parolen folgt, schwächt das immer das Werk. Ich versuche daher, soweit ich das kann, keine ganz eindeutige Richtung zu verfolgen, sondern dem Zuschauer die Entscheidung zu überlassen, was richtig und was falsch ist und welche Bedeutung hinter den Werken steckt.

Women Without Men

Ihr Film wird von einigen Kritikern als aktivistisch empfunden ...
Ich glaube nicht, dass ich den Film aus Aktivismus gemacht habe. Aber wenn das jemand so sieht, dann freue ich mich darüber. Alles, was ich gemacht habe und was mit der Politik zu tun hatte, war wichtig für mich, und ich habe daran geglaubt. Ich glaube allerdings nicht, dass einen das Realisieren von politischen Filmen zum Aktivisten macht. Es reicht schon, Iraner zu sein, um ein politischer Mensch zu sein. Die Politik ist für uns etwas so Alltägliches wie das Essen, denn wir haben täglich mit der Politik im Iran zu tun, die uns oder unsere Familien betrifft. Man kann da also nicht so genau unterscheiden in Aktivismus und politische Wachsamkeit, denke ich.

In Ihrem frühen Werk haben Sie fast ausschließlich mit der Fotografie gearbeitet. Wie haben Sie dann den Film als Medium entdeckt?
Ich bin auf die Grenzen der Fotografie gestoßen. Dort müssen Sie alles immer in einem einzigen Bild zeigen. Das ist sehr schwierig. Ich muss dazu sagen, dass ich als Fotografin fast ausschließlich Porträts gemacht habe. Und wie will man da alles zeigen, was man sagen will?
Aber als ich mit Videokunst angefangen habe, ging es plötzlich auch um Landschaften, Ton, Choreografie und das Erzählen von Geschichten. Das hat mir neue Möglichkeiten eröffnet, die mir bei der Fotografie nicht gegeben waren. Einen Film kann man nicht zu Hause hinstellen, man muss ihn erleben. Das hat mich so sehr an diesem Medium fasziniert.

Der Schritt von der Videokunst zum Kino ist allerdings auch ein großer gewesen ...
Nachdem ich von der Fotografie zur Videokunst gekommen war und dort ein gewisses Interesse für das Erzählen von Geschichten bekommen habe, dachte ich, dass ich die Welt der Museen und Galerien verlassen will, um in eine Welt vorzudringen, die dem Publikum näher ist. Die Visual Art setzt eine gewisse Vorbildung voraus, um verstanden zu werden. Für mich war die Frage: Kann ich eine Geschichte erzählen, die 90 Minuten dauert, ohne den Zuschauer zu langweilen? Es hat mich sechs Jahre gekostet, aber jetzt glaube ich wirklich, mein Publikum gewechselt zu haben und an einem Punkt angekommen zu sein, an dem ich zuvor noch nicht war.

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Wie haben Sie die Filmsprache für Ihren Kinofilm Women Without Men entwickelt?
Als Visual Artist war ich schon immer hinter einer neuen Filmsprache her. Ich wollte eine neue Art des Erzählens schaffen, die nicht schon den vorhandenen Erzählweisen folgt. Als ich mit Women Without Men begonnen habe, wusste ich, dass ich als Visual Artist etwas Neues ins Kino bringen kann, aber musste natürlich auch die Sprache des Kinos lernen, ohne mich dabei jedoch von dem Einfluss meiner bisherigen Arbeiten komplett zu lösen. So hat mein Film seine eigene Sprache gefunden. Es ist eine neue Form. Auch weil er östlich und westlich ist – einerseits geht er zurück auf die poetische Sprache des Irans und ist aber andererseits auch von der Conceptual Art des Westens beeinflusst. Diese beiden Quellen wollte ich unbedingt beibehalten.

Fühlten Sie sich bei der Realisierung des Kinofilms nicht viel eingeschränkter als bei der Videokunst?
Natürlich gab es neue Grenzen. Aber wir Iraner lieben die Grenzen! Ich habe mir früher beispielsweise für meine Fotografien selbst bestimmte Begrenzungen gesetzt: Etwa, dass ich nur einen Körper, ein Gewehr und Schrift auf meinen Bildern sehen wollte. Auch in meiner Videokunst habe ich mir bestimmte Grenzen gesetzt. Ich denke, jeder Künstler braucht Begrenzungen, um einen bestimmten Rahmen nicht zu verlassen, sich vielmehr an diesen Grenzen abzuarbeiten.

Wie genau haben Sie diese neuen Grenzen als Kinofilmregisseurin erlebt?
In der Kunstwelt akzeptiert der Zuschauer jede Abstraktion. Im Kino ist das anders: Wenn Sie eine Geschichte erzählen wollen, dann muss diese einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Da führt kein Weg dran vorbei. Im Kino ist die Erwartungshaltung eine andere, und auf diese Erwartungen und Bedürfnisse des Publikums muss ich als Filmemacherin eingehen. Es gibt einfach gewisse Gesetze der Unterhaltungsindustrie, und die muss man respektieren, wenn man Zuschauer haben will.

Übersetzung: Mahan Mobashery

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