„Ich beneide Billy Wilder“

Interview mit Bertrand Tavernier zu Holy Lola

Bekannt für seine wegweisende Herangehensweise an unterschiedlichste Stoffe – wie mit seinem atmosphärischen Thriller Der Lockvogel (L’Appât, 1995) oder seiner musikalischen Zeitreise Um Mitternacht (’Round Midnight, 1986) – und die Entdeckung von Schauspieltalenten, inszeniert Bertrand Tavernier mit Holy Lola einen intimen Film über den unbändigen Adoptionswunsch eines Paares. Wir trafen den Regisseur auf dem Filmfest München, wo der Film seine Deutschlandpremiere feierte.

critic.de: Holy Lola spielt in Kambodscha, in einem Land, das offizielle Adoptionsorganisationen wegen der Gefahr des Kinderhandels weitgehend meiden. Warum?
Bertrand Tavernier: Wir begannen in Kambodscha zu drehen, als Adoption noch erlaubt war. Es ist natürlich klar, dass Adoption zu Kinderhandel führen kann. Dieses Thema ist Teil des Films; es geht schließlich auch darum, ob das Kind, das adoptiert werden soll, ein gestohlenes Kind ist oder nicht. Ein starker Druck lastet auf den Adoptiveltern.

Wie sind die Dreharbeiten in Kambodscha verlaufen, war es schwierig Drehgenehmigungen zu bekommen?
Nein. Wir konnten uns frei bewegen. Während der gesamten Dreharbeiten gab es keine Korruptionsprobleme. Man muss dazu auch sagen, dass wir uns Zeit gelassen haben, wir haben uns nicht wie eine westliche Produktionsgesellschaft aufgeführt, die mit ihrem Geld ein paar Einheimische anheuert, um ihr Gepäck und die Ausrüstung zu tragen. Unser Team bestand zu zwei Dritteln aus Kambodschanern, wir haben uns lange darauf vorbereitet, und deshalb wurden wir von dem Land, von der Bevölkerung akzeptiert. Das hat uns enorm geholfen. Wir konnten uns in jeder Hinsicht frei bewegen.

Wenn man sich den Film ansieht, ist es auffällig, dass viele Schauplätze sehr echt aussehen, andere hingegen etwas sehr sauber, besonders die Waisenhäuser.
Es wurde nie extra sauber gemacht oder aufgeräumt, überhaupt nicht. Aber ich wollte nicht auf die besonders schrecklichen Aspekte insistieren, denn jemand, der ein Kind adoptieren will, würde beispielsweise nicht in ein Heim für geistig zurückgebliebene Kinder gehen. Es gibt nur sehr wenige staatliche Waisenhäuser, die tatsächlich auch nicht besonders sauber sind, aber alle anderen Waisenhäuser gehören zu Organisationen oder werden durch sie finanziert. Die meisten sind erstaunlich sauber.

Sie zeigen auch die Exotik des Landes.
So bald man in einem fremden Land ist, ist man überrascht, überwältigt. Aber ich habe alle touristischen Orte gemieden, wir zeigen z.B. nicht die Silberpagode. Ich glaube nicht, dass die Ansicht der Mülldeponie oder von Waisenhäusern, in denen Kinder, die an AIDS erkrankt sind, leben, etwas haben von der „Exotik der Fremde“, es ist eher alltägliche Exotik. Kambodscha ist für uns nun mal exotisch, ob es die 40 Grad Temperatur und 90% Luftfeuchtigkeit sind, die Plage durch die Mücken, die das Dengue-Fieber übertragen, die grünen Reisfelder, die Schönheit der Bäume, der Landschaften, die außerordentliche Kargheit der Landschaften. All das sind aber Dinge die man genauso in den Filmen von kambodschanischen Regisseuren findet, wie z.B. von Rithy Panh, wie in Das Reisfeld (Neak sre, 1994). Der Unterschied ist, dass ich außerdem ein Land zeige, das Fremde entdecken. Ich mache keinen Film über Kambodscha, sondern über Kambodscha aus der Perspektive von Franzosen, die wahrscheinlich sehr wenig gereist sind. Diese Adoptiveltern sind keine Forscher – die meisten Leute, die wir kennen gelernt haben, hatten nie Frankreich verlassen. Natürlich kommt ihnen alles fremd und exotisch vor.

Holy Lola ist auch ein militanter Film, der Korruption und sinnlose Bürokratie aufdeckt und verurteilt, oder auch den Einfluss der Amerikaner und Kanadier. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Filmemachen und sich für die Gesellschaft einsetzen?
Ich persönlich glaube nicht, dass Holy Lola ein militanter Film ist, er zeigt schlicht und ergreifend die Realität, also Tatsachen. Alle Adoptiveltern, die ich getroffen habe, sind Aktivisten, sie sagen alle, dass die französische Botschaft ihr schlimmster Feind ist. In gewisser Weise verurteilt mein Film die Korruption, aber er versucht auch es so zu vermitteln, wie die Adoptiveltern es mir erklärt haben, nämlich, dass die kambodschanischen Beamten zwar 300 oder 400 Dollar verlangen, aber selber nur 20 bis 30 Dollar pro Monat verdienen. Wenn dann ein Franzose, eine Person aus dem Westen, in ihr Land kommt und Papiere braucht, und wenn er auch nicht besonders reich ist, so wissen sie doch, dass er tausend mal mehr Geld als sie verdient und deshalb verlangen sie 300 und 400 oder 500 oder 1000 Dollar. Genauso ist es nun einmal eine Tatsache, dass Korruption durch die Amerikaner entsteht, wenn sie für eine Adoption 25000 Dollar bezahlen, und das muss angesprochen werden. Natürlich bin ich dagegen, aber militant oder Aktivist sein würde bedeuten, die Meinung zu vertreten, dass Adoption die einzig richtige Lösung ist. Diesen Standpunkt vertritt Holy Lola an keiner Stelle. Der Film lässt zwei verschiedene Ansichten zu, er liefert Argumente für und gegen Adoption, er spiegelt einerseits die Ansicht derer wider, die gegen die Adoption sind, denn sie halten ihn für sehr realistisch, weil er zeigt, dass Adoption zu Korruption führt. Diejenigen, die für die Adoption sind, sagen, dass dadurch trotz allem Kinder gerettet werden, die wenn es keine Adoption gäbe, an Zuhälter zur Prostitution verkauft werden würden oder hungern müssten, was natürlich stimmt. Durch Holy Lola teile ich mit den Zuschauern, was ich herausgefunden habe und ich habe festgestellt, dass ich keine allumfassende Vorstellung habe, „die“ Lösung gibt es meiner Meinung nicht.

Geht es Ihnen mit Ihren Filmen auch darum, einen Einfluss auf die Gesellschaft auszuüben?
Ich will einen bestimmten Effekt erzielen, aber ich habe nicht mit der Absicht zu drehen angefangen, dieses oder jenes ändern oder erreichen zu wollen. Am Anfang hatte ich keinen Einblick, ich fing an, bestimmte Dinge herauszufinden und ich will, das, was ich entdeckt habe, mit Menschen teilen, die ich nicht kenne. Es ist nicht meine Aufgabe, eine Antwort zu geben, sondern Dinge zu erforschen und Anmerkungen zu machen. Ich betrachte einen Film schon als nützlich, wenn er Dinge aufzeigt, sodass die Zuschauer selbst Antworten finden können. Und mein Film war nützlich, weil daraufhin das Gesetz geändert wurde. Es war ein Regisseur nötig, um den Leuten, die im Außenministerium arbeiten, und das seit 25 Jahren, aufzuzeigen, dass sie in der Botschaft vielleicht jemanden brauchen, der eine Adoption von Anfang bis Ende mitverfolgt, und nicht jemanden, der noch gleichzeitig 20 andere Dinge tut. Vielleicht wird jemand mit einer psychologischen Ausbildung benötigt, der intensiv mit den Adoptiveltern zusammenarbeitet. Was mich überrascht, ist, dass viele Leute, die sich viel mehr mit dem Thema beschäftigt haben als ich, solange gebraucht haben, etwas herauszufinden, was ich schon nach drei Tagen in Kambodscha festgestellt habe. Nämlich dass die Tatsache dass den Adoptiveltern keine Hilfe oder Unterstützung angeboten wird, dazu führt, dass sie sich auf Mittelsmänner verlassen müssen. Ich betrachte das nicht als sehr militant. Wenn ich einen Film drehe, gehe ich den Dingen auf den Grund, ich versuche, die Gegebenheiten herauszufinden, etwas was offensichtlich in vielen Ministerien verkannt wird.

Mit Um Mitternacht (’Round Midnight, 1986) hatten Sie einen Ausflug ins amerikanische Kino. Warum haben Sie sich entschlossen, wieder französische Filme zu drehen? Was ist in Frankreich im Vergleich zu den USA besser?
Ich habe noch nie einen wirklich amerikanischen Film gedreht. Selbst ’Round Midnight ist mal abgesehen vom amerikanischen Produzenten bereits in der Vorbereitung hauptsächlich ein französischer Film gewesen und ich habe ihn mit meinem französischen Team gedreht. Ich denke, Frankreich bietet mir mehr Freiheit, ich wähle meine eigenen Themen aus und kann über den final cut bestimmen. Ich möchte das nicht gegen die Arbeit in einem Studio eintauschen. Vielleicht mache ich noch weitere englische Filme, aber hoffentlich unabhängig. Ich will nicht mit Roland Emmerich tauschen. Ich bin mir sicher, dass er zwanzig Mal mehr verdient, wenn er Filme wie Independence Day dreht. Aber ich beneide ihn nicht. Ich beneide Billy Wilder.

Übersetzung aus dem Englischen und Französischen von Erika Steinbeck.

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